Ins Ungewisse - Teil I

Redaktion, 19. Juni 2007 20:04
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    Foto: christian fischer

    Gerhard Roth, geboren 1942 in Graz, ist seit 1976 freier Schriftsteller. Er ist Träger zahlreicher Literaturpreise, etwa des Alfred-Döblin-Prises 1983 und des Bruno-Kreisky-Preises 2002. Roth bezeichnet sich selbst als "vom Schreiben im besten Sinne besessener".

    Im Mittelpunkt seines Hauptwerkes "Die Archive des Schweigens" steht die Aufarbeitung der österreichischen Vergangenheit in den heutigen politischen und sozialen Systemen. Zuletzt erschien von Gerhard Roth "Das Labyrinth" (S. Fischer, 2004) Der Schriftsteller lebt abwechselnd in Wien und in der Steiermark.

Ist es ein Wunder, dass Menschen ohne Zukunft das Weite suchen? - Schriftsteller Gerhard Roth besuchte Flüchtlingslager

Oft bin ich im venezianischen Museum Ca’ Rezzonico vor dem Fresko Il Mondo Novo von Giandomenico Tiepolo gestanden und habe im Geist versucht, in das Bild hineinzugehen. Tiepolo malte das rätselhafte Wandgemälde 1791, im Alter von 64 Jahren. Es zeigt eine Gruppe von Menschen, Männern, Frauen und Kinder, die bis auf wenige nur von hinten zu sehen sind. Sie haben daher kein Gesicht, sondern sind nur Figuren mit Hüten, Perücken, Kleidern, Wadenstrümpfen. Linker Hand ein mit Brettern vernagelter Steg und vorn das Meer, das sich bis zum Horizont hin erstreckt, am Strand eine Art Zelt, in das ein Kind durch ein Guckloch hineinspäht.

„Mondo Novo“ bezeichnete eine Jahrmarktsattraktion, einen Vorläufer der Laterna Magica, des Panoptikums, der Diaprojektion und schließlich des Fernsehens, des „Guckkastens“. Ein Mann mit Dreispitz und einem langen Stab steht auf einem Hocker und scheint auf etwas zu zeigen, vielleicht dirigiert er auch nur die Menge und bestimmt, wie lange jemand in die zeltförmige Wunderkiste schauen darf. Tiepolo zeigt uns nicht, was die Neugierigen zu sehen bekommen, aber es sind, wie wir wissen, Bilder von Entdeckungsreisen, von Eingeborenen, Kannibalen und Raubtieren, aber auch von Paradiesvögeln, Orchideen und schönen Wilden, wie es damals üblich war.

Die „Neue Welt“ ist schrecklich und schön zugleich, jeder will sie sehen. Trotz der zahlreichen Menschen, die dargestellt sind, ist das Fresko ein Bild der Abgeschiedenheit. Es ist, als warteten die herumstehenden Gesichtslosen darauf, einen Blick in die lockende Ferne und damit in die Zukunft zu werfen. Weit draußen am Horizont sind die Umrisse eines Segelschiffs zu erkennen. Möglicherweise flunkert, übertreibt, gaukelt der Schausteller mit dem Zeigestab den Umstehenden etwas vor, um Neugierige anzulocken und ein gutes Geschäft zu machen. Spricht er von der Hölle oder vom Paradies? Wartet das Segelschiff am Horizont auf Passagiere, auf Kunden, die ihr bisheriges Leben gegen die abenteuerliche Ungewissheit eintauschen wollen? Der gesichtslose Schausteller als personifiziertes Gerücht sieht nur die Menge und denkt an seine Einnahmen, es kümmert ihn nicht der Einzelne oder dessen Schicksal.


Foto: Archiv
Das Wandgemälde aus 1791 “Il Mondo Novo” von Giandomenico Tiepolo

Franz Kafka fügte dieser Ikone des Fernwehs die Irrealität des Albtraums hinzu. Seinen Namenlosen, die ohne Ausweg in ein schreckliches Dasein gezwungen sind als Hungerkünstler, als Gefolterter in der Strafkolonie, als in einen Käfer verwandelter Hilfloser, als sprechender Affe, der in einem Bericht für eine Akademie seinen Leidensweg beschreibt, all diesen Gesichtslosen gelingt keine Flucht, sie geraten vielmehr in Amerika in die heillose Fremde, schaffen es nicht, in das Schloss zu kommen, und werden zuletzt in einem Prozess zum Tode verurteilt, ohne dass sie etwas verbrochen haben.

Tiepolos stilles Bild der Neugier, der falschen Vorstellungen und großen Erwartungen und Kafkas imaginiertes Inferno sind in der Realität deutbar als Gleichnisse für Elend, Todesgefahr, Folter, Unwissenheit, Hoffnung, Aufbruch und Scheitern auf der Flucht.

Namen- und gesichtslos

Die meisten Asylanten und Emigranten, die sich nach Europa durchschlagen, haben keine Papiere und sind darum auch für die Behörden gesichtslos. Schlepper, ohne die kaum jemandem die Flucht gelingt, haben zumeist die Pässe an sich genommen, um von der Polizei nicht überführt zu werden oder die Flüchtlinge im fremden Land ausbeuten zu können. Die meisten Migranten kommen jedoch freiwillig, ohne Papiere und mit einer erfundenen Lebensgeschichte, in der Hoffnung, dann nicht sofort wieder zurückgeschickt zu werden und leichter in der Illegalität untertauchen zu können. Es sind die vielen Kafka’schen K’s., die Namen- und Gesichtslosen, mit denen die Behörden sich befassen, aber genauso häufig kommt es vor, dass Asylsuchende mehrere Namen und mehrere Lebensläufe besitzen, um von der Bürokratie nicht erkannt und verschlungen zu werden. Sie leben sich dann in ihre erfundenen Identitäten hinein, bis diese ihre eigentlichen geworden sind. Die wahre Geschichte, der wahre Name tauchen zumeist nie wieder auf. Flüchtlinge haben auf ihrer Odyssee oft alle Schrecken erlebt, die man sich nur ausdenken kann: Lebensgefahr, Betrug, Raub, Diebstahl, Trennung von geliebten Menschen, Armut, Hunger und Vergewaltigung. Unzählige finden, bevor sie noch die paradiesische Ferne erreichen, den Tod.

Dass das „Paradies“ keines ist, sondern mit Tarnung, Ver-stecken, neuem Elend und Hass verbunden ist, erfahren sie bald, wenn sie ihr Ziel erreicht haben, aber kaum jemand wird sich das eingestehen. Fast alle sind aus ihrer Hölle in ein Fegefeuer geraten, denn im Kontinent des Wohlstandes will man nicht mit ihnen teilen. Man sieht in den Gestrandeten vielmehr Heuschreckenschwärme, vor denen man sich schützen muss, weil sie das Sozialsystem gefährden. Kein Staat in Europa besitzt eine grundsätzlich andere Philosophie. 8,6 Millionen Menschen waren im vergangenen Jahr „unterwegs“, der Großteil junge Männer im ersten Drittel ihres Lebens. Nur etwa fünf Prozent sind „Asylanten“ im Sinne der Genfer Konvention aus dem Jahr 1951, also Menschen, die aus rassischen, politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden, mehr als 90 Prozent hingegen, so besagen die Statistiken, „Wirtschaftsflüchtlinge“, obwohl es dort, woher sie kommen, kaum Wirtschaft gibt, stattdessen bittere und erniedrigende Armut, weshalb man auch richtigerweise von „Armutsflüchtlingen“ spricht.

Weiter: 60.000 Euro für die Reise von Nigeria nach Europa

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Ins Ungewisse - Teil II
Der Schriftsteller Gerhard Roth hat mehrmals das Flüchtlingslager Traiskirchen besucht - Was er dort erlebte, hat er fotografiert und aufgeschrieben
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11 Postings
a grünes stricherl
 
21.05.2007 07:36
o tempora, o mores!

Charles Darwinowitsch
 
21.05.2007 00:50

Eine tolle Reportage, vielen Dank dafür, ich bin auf den zweiten Teil gespannt!

Schäferhund vom Pavillon E
21.05.2007 00:33
Also Frage: Was wollen die Asylanten bei uns?

Antwort: Leben. Einfach nur leben.

Und nicht mal das bringt unsere tolle westliche Gesellschaft zusammen. Was uns nicht schlechter als andere macht, uns aber auch wieder einmal vor Augen führt dass wir keine Berechtigung haben andere zu verurteilen.

Fliege
20.05.2007 19:21

Sehr feine Reportage!

Wäre ein Gewinn öfter mal so ausführend über ein heikles aktuelles Thema im Standard lesen zu können. Ich kaufe mir sicher am Montag den Printstandard für die Fortsetzung.

Quasis Herr Karl
Quasis Herr Karl
20.05.2007 15:16
Werte online-Redaktion. Geh bitte, könnt Ihr diese

brillante Dokumentation noch besser verstecken? Diese Arbeit hat sich einen einladenderen Platz verdient. Lieben Dank.

Krubber
19.05.2007 19:26
Woah hatte ich glück das ich schon

1993 um asyl angesucht habe und dieses sofort bescheid gegeben wurde.

staatsbürgerschaft hat man damals auch leichter und schneller bekommen.

jetzt habe ich 2 häuser und ein auto und lebe besser als die meisten österreicher

Mario11
27.05.2007 09:46
Traurig...

Dieser Beitrag ist ein trauriger Kommentar! Wenn Sie "besser leben" daran messen, dass Sie "ein Auto und 2 Häuser" haben, dann sind ie eine jämmerlicheFigur! Und gleichzeitig schüren Sie mit solöchen beiträgen die Aversion gegen Flüchtlinge! Denn es ist halt leider so, "Asyl" dient nicht dazu , zu einem "besseren Leben" mit Auto und 2 Häusern zu , sondern um aus einer aktuellen Bedrohung in der Heimat Zuflucht und Unterstand zu bekommen.
Aus Ihrem Beitrag geht das leider nicht hervor, sondern eher das Gegenteil...
Solche Beuiträge schaden der Diskussion um den schutz von Flüchtlingen sehr!

SigridH
12.06.2007 13:06
immer schön bescheiden bleiben ...

Wo kämen wir denn da hin, wenn es ein Asylant zu etwas bringen würde!
Die sollen schon schön in Sack und Asche gehen und bescheiden sein, gell? Sind sie auch so bescheiden, der Sie da gleich jemanden eine jämmerliche Figur schimpfen, wenn er das tut, was viele andre in unsrem Land auch tun, nämlich arbeiten und um das Geld sich was kaufen?
Um auf Ihrem Niveau zu bleiben: SIE sind eine jämmerliche Figur!

die nette Schlaftablette
19.05.2007 17:25

Ja, ich hab ihn mir auch durchgelesen, denn ich war auch mit meiner Familie in Traiskirchen, als wir auf der Flucht waren. Da ich aber noch ein Kind war, als wir geflüchtet sind, kann ich mich nur mehr an die Stockbetten und die Frontfassade des Gebäudes erinnern. Es ist keine schöne Erinnerung, aber sie ist ein Teil von mir.

Lg.

Mario11
27.05.2007 09:48
Schade!

Mich würden Berichte von Betroffenen mehr interessieren als kiterarische Dokumentationen. Schade, dass Sie s. nicht an mehr erinnern können.
Aber Ihre wenigen eindrücke, die Stockbetten u. Schlaftabletten, sagen auch schon einiges aus...

piwiz
19.05.2007 15:25
danke für diesen beitrag!

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