Ist es ein Wunder, dass Menschen ohne Zukunft das Weite suchen? - Schriftsteller Gerhard Roth besuchte Flüchtlingslager
Oft bin ich im venezianischen Museum Ca’ Rezzonico vor dem Fresko Il Mondo Novo von Giandomenico Tiepolo gestanden und habe im Geist versucht, in das Bild hineinzugehen. Tiepolo malte das rätselhafte Wandgemälde 1791, im Alter von 64 Jahren. Es zeigt eine Gruppe von Menschen, Männern, Frauen und Kinder, die bis auf wenige nur von hinten zu sehen sind. Sie haben daher kein Gesicht, sondern sind nur Figuren mit Hüten, Perücken, Kleidern, Wadenstrümpfen. Linker Hand ein mit Brettern vernagelter Steg und vorn das Meer, das sich bis zum Horizont hin erstreckt, am Strand eine Art Zelt, in das ein Kind durch ein Guckloch hineinspäht.
„Mondo Novo“ bezeichnete eine Jahrmarktsattraktion, einen Vorläufer der Laterna Magica, des Panoptikums, der Diaprojektion und schließlich des Fernsehens, des „Guckkastens“. Ein Mann mit Dreispitz und einem langen Stab steht auf einem Hocker und scheint auf etwas zu zeigen, vielleicht dirigiert er auch nur die Menge und bestimmt, wie lange jemand in die zeltförmige Wunderkiste schauen darf. Tiepolo zeigt uns nicht, was die Neugierigen zu sehen bekommen, aber es sind, wie wir wissen, Bilder von Entdeckungsreisen, von Eingeborenen, Kannibalen und Raubtieren, aber auch von Paradiesvögeln, Orchideen und schönen Wilden, wie es damals üblich war.
Die „Neue Welt“ ist schrecklich und schön zugleich, jeder will sie sehen. Trotz der zahlreichen Menschen, die dargestellt sind, ist das Fresko ein Bild der Abgeschiedenheit. Es ist, als warteten die herumstehenden Gesichtslosen darauf, einen Blick in die lockende Ferne und damit in die Zukunft zu werfen. Weit draußen am Horizont sind die Umrisse eines Segelschiffs zu erkennen. Möglicherweise flunkert, übertreibt, gaukelt der Schausteller mit dem Zeigestab den Umstehenden etwas vor, um Neugierige anzulocken und ein gutes Geschäft zu machen. Spricht er von der Hölle oder vom Paradies? Wartet das Segelschiff am Horizont auf Passagiere, auf Kunden, die ihr bisheriges Leben gegen die abenteuerliche Ungewissheit eintauschen wollen? Der gesichtslose Schausteller als personifiziertes Gerücht sieht nur die Menge und denkt an seine Einnahmen, es kümmert ihn nicht der Einzelne oder dessen Schicksal.
Das Wandgemälde aus 1791 “Il Mondo Novo” von Giandomenico Tiepolo
Franz Kafka fügte dieser Ikone des Fernwehs die Irrealität des Albtraums hinzu. Seinen Namenlosen, die ohne Ausweg in ein schreckliches Dasein gezwungen sind als Hungerkünstler, als Gefolterter in der Strafkolonie, als in einen Käfer verwandelter Hilfloser, als sprechender Affe, der in einem Bericht für eine Akademie seinen Leidensweg beschreibt, all diesen Gesichtslosen gelingt keine Flucht, sie geraten vielmehr in Amerika in die heillose Fremde, schaffen es nicht, in das Schloss zu kommen, und werden zuletzt in einem Prozess zum Tode verurteilt, ohne dass sie etwas verbrochen haben.
Tiepolos stilles Bild der Neugier, der falschen Vorstellungen und großen Erwartungen und Kafkas imaginiertes Inferno sind in der Realität deutbar als Gleichnisse für Elend, Todesgefahr, Folter, Unwissenheit, Hoffnung, Aufbruch und Scheitern auf der Flucht.
Namen- und gesichtslos
Die meisten Asylanten und Emigranten, die sich nach Europa durchschlagen, haben keine Papiere und sind darum auch für die Behörden gesichtslos. Schlepper, ohne die kaum jemandem die Flucht gelingt, haben zumeist die Pässe an sich genommen, um von der Polizei nicht überführt zu werden oder die Flüchtlinge im fremden Land ausbeuten zu können. Die meisten Migranten kommen jedoch freiwillig, ohne Papiere und mit einer erfundenen Lebensgeschichte, in der Hoffnung, dann nicht sofort wieder zurückgeschickt zu werden und leichter in der Illegalität untertauchen zu können. Es sind die vielen Kafka’schen K’s., die Namen- und Gesichtslosen, mit denen die Behörden sich befassen, aber genauso häufig kommt es vor, dass Asylsuchende mehrere Namen und mehrere Lebensläufe besitzen, um von der Bürokratie nicht erkannt und verschlungen zu werden. Sie leben sich dann in ihre erfundenen Identitäten hinein, bis diese ihre eigentlichen geworden sind. Die wahre Geschichte, der wahre Name tauchen zumeist nie wieder auf. Flüchtlinge haben auf ihrer Odyssee oft alle Schrecken erlebt, die man sich nur ausdenken kann: Lebensgefahr, Betrug, Raub, Diebstahl, Trennung von geliebten Menschen, Armut, Hunger und Vergewaltigung. Unzählige finden, bevor sie noch die paradiesische Ferne erreichen, den Tod.
Dass das „Paradies“ keines ist, sondern mit Tarnung, Ver-stecken, neuem Elend und Hass verbunden ist, erfahren sie bald, wenn sie ihr Ziel erreicht haben, aber kaum jemand wird sich das eingestehen. Fast alle sind aus ihrer Hölle in ein Fegefeuer geraten, denn im Kontinent des Wohlstandes will man nicht mit ihnen teilen. Man sieht in den Gestrandeten vielmehr Heuschreckenschwärme, vor denen man sich schützen muss, weil sie das Sozialsystem gefährden. Kein Staat in Europa besitzt eine grundsätzlich andere Philosophie. 8,6 Millionen Menschen waren im vergangenen Jahr „unterwegs“, der Großteil junge Männer im ersten Drittel ihres Lebens. Nur etwa fünf Prozent sind „Asylanten“ im Sinne der Genfer Konvention aus dem Jahr 1951, also Menschen, die aus rassischen, politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden, mehr als 90 Prozent hingegen, so besagen die Statistiken, „Wirtschaftsflüchtlinge“, obwohl es dort, woher sie kommen, kaum Wirtschaft gibt, stattdessen bittere und erniedrigende Armut, weshalb man auch richtigerweise von „Armutsflüchtlingen“ spricht.
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Ins Ungewisse - Teil IIDer Schriftsteller Gerhard Roth hat mehrmals das Flüchtlingslager Traiskirchen besucht - Was er dort erlebte, hat er fotografiert und aufgeschrieben