Mehr als 250 deutsch-tunesische Paare leben in Tunesien - Wichtig für bikulturelle Beziehungen: Planung und die Bereitschaft, "immer wieder neu auszutarieren"
Bei einem Ausflug in die Wüste verliebte sich die Deutsche Jutta Gressler. "Am Anfang", erzählt sie", war ich mir nicht sicher wie er empfindet – doch als ich für drei Monate zurückkehrte, war klar, dass von beiden Seiten tiefe Gefühle vorhanden sind." Sie hängte daraufhin ihren Beruf als Licht- und Tontechnikerin an den Nagel und zog nach Tunesien. Zwei Kinder haben sie und ihr Mann Mabrouk Jemaa mittlerweile, auch beruflich geht es ihnen gut, erzählt sie: Sie bieten
Wüstentouren für TouristInnen an.
Mehr als 1000 Deutsche leben in Tunesien, mehr als 250 davon in einer binationalen Ehe, schätzt Renate Fisseler-Skandrani, die Autorin des Ratgebers für bikulturelle Paare zu den Maghrebländern, im derStandard.at-Gespräch. Auch sie selbst ist mit einem Tunesier verheiratet und lebt als Dozentin für Deutsch und Geschichte seit über zwei Jahrzehnten in Tunesien. Ihr Mann studierte in den 60er-Jahren in Deutschland an der gleichen Uni.
Viele Paare hätten sich in Deutschland kennen gelernt, als ab den 60er-Jahren vermehrt Studenten und Arbeitsmigranten aus den Maghrebländern in die Bundesrepublik und die DDR kamen; "und mit dem wachsenden Tourismus ab den 70er-Jahren auch in Tunesien oder Marokko selbst", so Fisseler-Skandrani. Zwar würden die meisten deutsch-tunesischen Paare in Deutschland leben, doch manche entscheiden sich für das Herkunftsland des Partners: "Oft aufgrund von Arbeitsmöglichkeiten oder aus persönlichen Gründen. Und dann sind die Paare natürlich auch mit den Ausländergesetzen in Deutschland konfrontiert."
Sehr persönliche Entscheidungen
Ob eine bikulturelle Beziehung in Europa oder im Herkunftsland des Partners oder der Partnerin leichter zu leben ist, könne man nicht generell sagen, das seien sehr persönliche Entscheidungen: "Wichtig ist es jedenfalls, dass man sich sehr genau anguckt, wo und wie man leben will – also sich über die rechtlichen und soziokulturellen Voraussetzungen informiert", so Fisseler-Skandrani. Und auch die ökonomische Situation einkalkuliert: "Die Gehälter in Tunesien betragen etwa ein Drittel." Und auch für die tunesischen Partner sei die Arbeitssuche nicht leicht: "Die Arbeitslosigkeit ist hoch – selbst Leute mit guter Ausbildung tun sich oft schwer, einen Job zu finden."
Zu klären sei auch, ob man in der Nähe der Familie wohnen will oder nicht – am Land oder in der Stadt. Im ländlichen Bereich seien die Rollenvorstellungen von Mann und Frau stärker ausgeprägt als in den Städten. Auch in Bezug auf das Familienverständnis könne es Unterschiede zwischen den Kulturen geben – beispielsweise wird von den Söhnen oft auch eine finanzielle Unterstützung erwartet. Hier sollte sich das Paar genau ansehen, ob sie in der Nähe der Eltern wohnen wollen oder nicht.
"Miteinander verweben"
Doch all das, warnt Fisseler-Skandrani vor Pauschalisierungen und der Problematisierung von bikulturellen Ehen, sei auch in einer deutschen oder österreichischen Ehe auszuhandeln – "klar, zwischen zwei Kulturen vielleicht in stärkerem Ausmaß, aber das Verweben zweier Kulturen ist auch eine Bereicherung".
Statt diesen Aspekt zu betonen, werden bikulturelle Paare jedoch häufig mit Vorurteilen konfrontiert; beispielsweise hätten besorgte FreundInnen sie in den 70er Jahren gefragt, wie sie als Feministin bloß mit einem Araber befreundet sein könne, schildert Fissler-Skandrani. Immer wieder werde hier auf die alten Wahrnehmungsmuster zurückgegriffen, schreibt sie in ihrem Ratgeber: "Hier Frau, da Araber (Frauenfeind), hier Europäerin (emanzipiert, fortschrittlich, modern), da arabisches Land (Hort gesellschaftlicher Rückständigkeit, Rechtlosigkeit von Frauen, männlicher Allmacht und Gewalt gegen Frauen, durch den Islam gerechtfertigt) – auf die immer wieder gern, ob grob gestrickt oder in subtiler Form, auch in verschiedenen deutschen bzw. europäischen Medien zurückgegriffen wird; und an Belegen aus Algerien bis Afghanistan mangelt es schließlich nicht."
Doch die maghrebinisch-deutschen Partnerschaften erkennen sich in diesem Spiegel nicht wieder. Auch nicht, wenn der jeweilige Partner von Wohlgesinnten als "Ausnahme" unter den Tunesiern, Algeriern, Marokkanern oder Arabern gesehen wird, das diene nur dazu, das Weltbild nicht hinterfragen zu müssen. In Wirklichkeit gehe es in bikulturellen Ehen darum, wie die Individuen in ihren Beziehungen die kulturellen Muster aushandeln. Wichtig sei die Bereitschaft zur Kommunikation, sagt Fisseler-Skandrani: "Man muss viel mit einander reden, sich immer wieder neu austarieren – auch was das Verhältnis zur Schwiegerfamilie und zu Freunden betrifft."
"Anders-Sein respektiert"
Das betont auch Jutta Gressler. Sie fühlt sich in ihrer Beziehung wie auch im familiären Netz akzeptiert und geschätzt: "Und auch wenn ich hin und wieder Dinge tue, die im lokalen Kontext seltsam wirken müssen, wird mein Anders-Sein respektiert." Dennoch stoße man manchmal an eine Grenze der Verständigung: "Ich glaube, in einer bikulturellen Beziehung muss man sich darüber im Klaren sein, dass es Sachen gibt, die man nicht verstehen kann – und sie trotzdem akzeptieren."
Nicht immer geht das gut – vor allem weil aufgrund der Distanz und der fremdenrechtlichen Bestimmungen die Beziehungen nicht zuerst ausprobiert werden können. Im Fall einer Scheidung ist es vorteilhaft, wenn vor der Ehe bereits das Rechtliche geklärt wurde, damit die Frau nicht mit leeren Händen dasteht, empfiehlt Fisseler-Skandrani. In Tunesien gelte automatische Gütertrennung – allerdings muss nachgewiesen werden, wer was in die Ehe eingebracht hat. So ist es beispielsweise wichtig, sich beim Hausbau ebenfalls ins Grundbuch eintragen lassen. Für den Besitzerwerb benötigen AusländerInnen in Tunesien jedoch eine Genehmigung des Gouverneurs – "und das kann sich lange hinziehen", weiß Fisseler-Skandrani. Für manche Paare könnte daher eine Gütergemeinschaft günstiger sein – was man am besten vor der Hochzeit bedenkt. "Wir selbst haben damals natürlich nichts beachtet", lacht Fisseler-Skandrani. "Wir waren so ein Paar aus der 68er-Generation und haben dann irgendwann in Heidelberg geheiratet." Allerdings könne nun in Tunesien auch nachträglich Gütergemeinschaft vereinbart werden.
Austausch
Um solche und andere Informationen auszutauschen und "die eigene Lebenssituation aktiver zu gestalten" hat Fisseler-Skandrani gemeinsam mit anderen Frauen im Jahr 1992 den Verein Deutscher Frauen in Tunesien gegründet. Heute kann der Verein auf etwa 250 Mitglieder und einige Erfolge verweisen. So wurde gemeinsam mit der deutschen Botschaft erreicht, dass die Aufenthaltsgenehmigungen nun nicht mehr alle zwei Jahre neu beantragt werden, sondern die gleichen Bedingungen wie für deutsch-tunesische Paare in Deutschland gelten.
Zudem bietet der Verein auch einen persönlichen Anknüpfungspunkt für die Frauen. Denn dieser fehlt manchmal: "Was mir sehr abgeht, ist eine richtige Freundschaft, so wie ich sie verstehe", erzählt Jutta Gressler. Klar, sie könne E-Mails schreiben und Briefe, doch das sei nicht das gleiche. Und um lokale Freundschaften zu schließen sei ihr Arabisch noch zu holprig – "und nicht alle sprechen französisch".
Die Bedeutung der gemeinsamen Sprache betont auch Fisseler-Skandrani. Sie selbst habe bisher nur halbherzig arabisch gelernt, was sie jetzt gerade ändert. Generell will sie mit dem Älterwerden und nach dem Wegziehen der Töchter ihre Wurzeln in Tunesien verstärken. Auch deshalb weil, wie sie in einem ihrer Texte schreibt, ihre Rente sehr bescheiden sein wird, was ihren Wunsch nach dem Pendeln nach Deutschland mit einem großen Fragezeichen versieht. Auch das müsse überlegt werden: Die Gesundheitsversorgung oder soziale Absicherung sehe in Tunesien anders aus als in Deutschland.
"Nach Hause gekommen"
Dennoch – an eine Rückkehr denken weder sie noch Jutta Gressler: "Als ich das erste Mal in der Wüste war, hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen", erzählt Gressler. Und noch immer genießt sie die Stille, das Gefühl, Zeit für das Hier und Jetzt zu haben, die Nähe zur Natur: "Klar, das Leben an der Natur ist manchmal anstrengend, man nehme nur die Sandstürme." Dennoch würde sie es nicht eintauschen: "In Deutschland geht doch ohne Terminkalender nichts mehr, hier hat man einfach viel Zeit und meine Kinder können so nach ihrem Rhythmus leben." An eine Übersiedelung nach Deutschland denkt das Paar derzeit nicht, "und wenn dann nur wegen der Schulbildung der Kinder".
Auch Renate Fisseler-Skandrani beschreibt im Ratgeber ihre Liebe zu Tunesien, zu Licht, Sonne und Meer: "Vom Herbst bis zum Frühsommer am Strand laufen können, eintauchen in das Blau des Meeres und des Himmels, umgeben sein von leuchtendem Licht – Balsam für Körper und Seele, Teil meines Zuhause in Tunesien". Begraben aber will sie in ihrem kleinen Dorf in Deutschland werden: "Es lebe der Widerspruch." (Heidi Weinhäupl, derStandard.at, 19.5.2007)
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Literaturtipp
Renate Fisseler-Skandrani (2003): Die Maghrebländer. Informationen für binationale Paare. Marokko, Algerien, Tunesien. Brandes & Apsel-Verlag; 12,90 Euro.