Er überspielte seine Probleme

25. Jänner 2008, 15:20
93 Postings

Dass AfrikanerInnen in Europa auf Körperlichkeiten reduziert werden, kann gefährlich sein - Emeka Jones, ein Augustin-Kolporteur starb am Fußballplatz

Sportler, Musiker oder Tänzer sind die Berufe, die AfrikanerInnen in Europa gerne zugeschrieben werden. Hinter dieser Fixierung steckt eine Reduzierung auf Körperlichkeit, die anstrengend bis tödlich sein kann. Die Leiche eines jungen Fußballers wird in einigen Tagen mit dem Flugzeug nach Afrika überstellt werden. Der Augustin-Kolporteur vom Karlsplatz erlitt am Fußballplatz einen Herzinfarkt. Ein Nachruf von Kerstin Kellermann.

* * *

Immer stach er überall hervor. Inmitten des Menschengewirrs in der Redaktion der „Bunten“, einer migrationspolitischen Flüchtlingszeitung, stand er mit seiner Ausstrahlung wie ein Fels in der Brandung. Manchmal reichte die Schlange der afrikanischen AsylwerberInnen, die Zeitungen holten oder Geld brachten, bis auf die Rotenlöwengasse hinaus. Sein erstes Wort in meine Richtung war „Relax - entspann dich. Ihr Frauen in Europa seid alle viel zu gestresst.“

Emeka Jones verströmte eine fröhliche Gelassenheit, er bemühte sich alles locker zu sehen. Er gab und erhielt Respekt. Anfangs hielt er mir als Chefredakteurin lange philosophische Predigten über das Leben im allgemeinen und im besonderen, was mich von der Arbeit abhielt, später verteidigte er mich in Diskussionen mit meinem Kollegen Dr. Di-Tutu Bukasa. Als Augustin-Verkäufer am Karlsplatz, beim hinteren Ausgang der U4, unterhielt er mürrische und gestresste PassantInnen mit seinen Witzchen und sprach ihnen Trost zu, schüttelte seine Rasta-Locken, als sei es sein Job, die armen ÖsterreicherInnen im Angesicht ihrer Schicksalsschläge zu unterstützen. Er war einer der ersten Afrikaner, die wir beim Augustin unterbrachten. Dort verdiente er besser als mit der Bunten, die nur alle zwei Monate erschien. Er lebte im Caritas Flüchtlingsheim.

Am Fußballplatz

Emeka Jones ist tot, er starb letzte Woche am Fußballplatz, vor den Augen der gesamten Augustin-Fußballmannschaft. Seine Kollegen versuchten noch, ihn zu reanimieren, aber es war bereits zu spät. Jones wusste, dass er Herzprobleme hatte, wollte es aber nicht glauben beziehungsweise wahrhaben. So erzählte er sicherheitshalber niemandem davon. Seine Frau berichtete nach seinem Tod unter Tränen, dass ihm ein Arzt bereits vor Jahren das Spielen untersagt hatte. Trotzdem blieb er Amateur-Fußballer, bestritt zusätzlich zu seinem Verein in Gablitz die Spiele des „Schwarz Weiß Augustin“ und versprach angeblich in der Vorwoche noch, bei den „Sans Papiers“ der „Bunten“ mitzuspielen.

Jones überforderte sich ständig, er wollte nie jemanden mit seinen Problemen belasten und überspielte eigene Ängste, Unsicherheiten und Probleme gekonnt. Er identifizierte sich mit seinem Beruf als Sportler und mit seiner Rolle als Mann voller Ausstrahlung und Lebensfreude. Er lebte glücklich in seiner Männlichkeit. Deswegen ist es schwer, zu kritisieren, dass er in eine bestimmte Falle gegangen war, nämlich in die der Körperfixiertheit. In Europa werden AfrikanerInnen hauptsächlich als „Körper“ gesehen – als TänzerInnen, MusikerInnen oder SportlerInnen, die ihre Körperlichkeit ausleben und nur in ihr leben.

Wie hätte seine Zukunft ausgesehen?

Das Problem dabei ist nicht nur die Reduktion auf den Körper, sondern auch, dass ihnen das Geistige, das Intellektuelle abgesprochen wird. Und damit auch andere Möglichkeiten der Ausbildung, der Berufsausübung verwehrt bleiben. Wie hätte seine Zukunft ausgesehen? Jones war mit beinahe 30 Jahren, hart gesagt, eigentlich auch schon zu alt, um Profi-Fußballer zu sein. Dazu kam der Stress durch die Flucht nach Österreich, die Trennung von seinen Verwandten, die Umstellung auf Österreich und die Armut. Auf dem Weg zum Fußballplatz, kurz vor seinem Tod, war er beim „Schwarz fahren“ erwischt worden. Probleme mit der Ausstellung eines Spielerpasses, fehlende Fußballschuhe, sogar mangelnde finanzielle Mittel für die Fahrt zu seinem ersten Verein in Tribuswinkel, machten es ihm nicht leicht. Fußball war für ihn das Wichtigste, doch der Preis dafür, bedingt durch die unsicheren Lebensbedingungen mit Asylansuchen, Armut, permanenter Überforderung und mangelnden Verarbeitungsmöglichkeiten, war eindeutig zu hoch.

Von Fußballern wie Emeka Jones über die junge afrikanische Prostituierte im Prater, den frühaufstehenden Straßenfegern bis hin zu den ihr Leben riskierenden „Bodypackern“ der Drogenmafia zieht sich die Diskriminierung, dass Menschen afrikanischer Herkunft vorrangig als ausbeutbare Körper betrachtet werden und ihnen geistige Arbeit, die der Gesundheit zuträglicher ist, nicht zugestanden wird. (Kerstin Kellermann, derStandard.at, 17.5.2007)

Gedenk-Fußballspiel für Emeka Jones am 25. Mai am Wiener Sportklubplatz, 17.30 Uhr.
  • Emeka Jones überspielte eigene Ängste, Unsicherheiten und Probleme gekonnt.
    foto: mario lang

    Emeka Jones überspielte eigene Ängste, Unsicherheiten und Probleme gekonnt.

  • Fußball war für ihn das Wichtigste, doch der Preis dafür war eindeutig zu hoch.
    foto: strawinsky

    Fußball war für ihn das Wichtigste, doch der Preis dafür war eindeutig zu hoch.

Share if you care.