"2 Tage in Paris": Offen für Vorurteile

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Das Regiedebüt der französischen Schauspielerin Julie Delpy ist eine flotte (Liebes-)Komödie über kulturelle Missverständ­nisse zwischen Amerikanern und Franzosen

Wien - Als der Ort, an dem Verliebte noch ein wenig näher aneinander rücken, ist Paris im Kino nie wirklich aus der Mode gekommen. Aber wie jedes Klischee weist auch dieses bestimmte Abstufungen auf, und manchmal braucht es sogar den Beweis des Gegenteils, damit sich ein Klischee umso wirkmächtiger aufrichten kann. Das bedeutet zwar nicht Hass statt Romantik, aber gemäß einem Screwball-Comedy-Gesetz zumindest den permanenten Anstieg von Reibung zwischen Mann und Frau - bis sich dann am Ende (wieder) Liebe einstellt.

Das Regiedebüt der französischen Schauspielerin Julie Delpy, 2 Tage in Paris, folgt dieser dramatischen Regel recht bedingungslos, wobei die Reibung hier aus kulturellen Unterschieden resultiert - und aus der Art und Weise, wie gegensätzlich man Paris erfahren kann. Das junge Paar, Marion (von Delpy verkörpert), Typus quirlige Französin, und Jack (Adam Goldberg), Typus neurotischer New Yorker, beschließt seine Europa-Reise mit einem Aufenthalt in Paris. Weil Marion von hierher kommt und hier auch immer noch ihre Eltern leben, stehen die Voraussetzungen schlecht, dass es Zeit für romantische Zurückgezogenheit geben wird. Eher geht es um so etwas wie die Pflicht nach der Kür.

Wer also mit Delpys Film eine Art Fortführung von Richard Linklaters melancholischer Ballade Before Sunset erwart, der befindet sich auf der falschen Spur. Wo Paris damals eine Kulisse war, vor der sich zwei Menschen Mitte dreißig ihre Lebenswirren seit dem letzten Zusammentreffen erzählen, ist die Stadt nunmehr ein Ort der Interaktion - und der unliebsamen Erinnerungen. Hektisch, voller US-Touristen, chauvinistischer Taxifahrer sowie Ex-Liebhaber von Marion, die es - zumindest aus der Perspektive Jacks - mit Trennungen nicht so genau nehmen.

Delpy setzt in ihrer Komödie von Anfang an auf die Karte der wechselseitigen Ressentiments zwischen Amerikanern und Franzosen. Marions Eltern - die Julie Delpy mit ihren richtigen besetzt hat: Marie Pillet und Albert Delpy, in Frankreich viel beschäftigte Komödianten - sind liebevoll gezeichnete Karikaturen: Er ein renitenter Alt-68er, der gern schweinigelt und falsch geparkte Autos mit dem Schlüssel zerkratzt; sie eine gutmütige, etwas indiskrete und auch ziemlich freizügige Person, die zu starken Emotionsbekundungen neigt.

Kulturelle Stereotype wie diese bedient und bestätigt 2 Tage in Paris mit geradezu unverschämter Offenheit - was Delpy bei der Finanzierung des Films durchaus Probleme beschert hat. Aus deren direkter Konfrontation gewinnt er seine erzählerische Dynamik, die kumulativ ist, also eine immer rasantere Entwicklung durchläuft: Ihren Anker hat sie in Jacks Perspektive, aus der sich das Sozialleben der Franzosen nach Codes gestaltet, denen er nur ungenügend folgen kann.

Labile Männer

Aus anfänglicher Verunsicherung wird dann schnell Unverständnis: Ist der erste Zusammenprall noch nach dem Muster von Meet the Parents entworfen, der Schwiegersohn in spe also der Adressat von Spott und Frotzelei, so fantasiert der zunehmend paranoidere Jack in weiterer Folge eine veritable Beziehungskrise herbei. Die vielen Nebenbuhler bringen sein ohnehin labiles Männlichkeitsbild gehörig ins Wanken. Delpy erlaubt sich die schöne Pointe, dass es gerade eine von Daniel Brühl verkörperte "Fee" ist, die ihm schließlich ins Gewissen redet.

Nicht zuletzt solche kleineren, versponnenen Elemente sind es, die 2 Tage in Paris eine individuelle Note verleihen, die vergleichbaren Mainstream-Komödien abgeht. Delpy betrachtet ihr eigenes Land mit den Augen von jemandem, der sichtlich Distanz gewonnen hat - ist sie doch eine von nicht eben vielen französischen Schauspielerinnen ihrer Generation, die sich auch international etablieren konnten. Sie weiß um Klischees, und sie weiß, dass man darüber lachen kann. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 5. 2007)

---> Interview mit Julie Delpy: "Pausen sind schlecht"

"Pausen sind schlecht"
Julie Delpy über Liebe, Arbeit und Kino

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Über die Rolle als Marion: "Wir beide sind uns nicht besonders ähnlich. Marion ist in Sachen Liebe zum Beispiel sehr viel unkomplizierter als ich. Sie ist fast schon der Gegenentwurf zu mir, wobei sie aber keineswegs das naive "Sex in the City"-Girlie ist. Ich würde mich auch nie trauen, mich mit einem rassistischen Taxifahrer so anzulegen, wie sie es tut."

Über ihre Arbeit als Regisseurin: "Ich bin eine Perfektionistin, mit einem Okay gebe ich mich nicht zufrieden. Das ging so weit, dass mich das Team oft Stanley Delpy nannte - keineswegs als Kompliment gemeint. Natürlich ist mein kleiner Film meilenweit von einem Stanley Kubrick entfernt, aber ich finde es einfach sehr wichtig, dass man immer das Beste herausholt. Dazu muss man ständig bis an die Grenzen gehen und kämpfen."

Über die (zu) knappe Drehzeit: "Ich hätte schon gerne mehr Zeit gehabt, aber das Geld war knapp. Umgekehrt bleibt einem bei Stress oft die Qual der Wahl erspart, weil es meist nur eine einzige Möglichkeit gibt. Die wichtigste Aufgabe für einen Regisseur ist es, Entscheidungen zu treffen. Pausen sind schlecht, alle sollten ständig wie einen Dampflokomotive unter Druck stehen."

Über die wahre Liebe: "Ich glaube an die große Liebe und hoffe, dass es irgendwo einen perfekten Partner für mich gibt. Aber es ist nicht so einfach. In meinem Fall haben viele Männer offensichtlich Angst vor meinen zahlreichen Aktivitäten: Ich schreibe sehr viel, ich spiele und ich mache Musik. Ich bin zwar kein Workaholic, aber vielen bin ich schlicht zu unternehmungslustig." (Dieter Oßwald/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 5. 2007)

Ab Freitag im Kino
  •   Fast durch Paris getrennt: Adam Goldberg (re.) und Julie Delpy, die für "2 Tage in Paris" erstmals Regie führte.
    f.: 3l-filmverleih

    Fast durch Paris getrennt: Adam Goldberg (re.) und Julie Delpy, die für "2 Tage in Paris" erstmals Regie führte.

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