Nachrichten: Organisierte Propaganda

4. Juli 2007, 12:07
7 Postings

Weniger Journalisten, Firmenfilme in den TV- News - John Stauber im STANDARD- Interview über den Einfluss der PR auf die Medien

Höhere Medienkonzentration, weniger Journalisten, Firmenfilme in den TV-News: John Stauber dokumentiert den Einfluss der PR auf die Medien. Michael Freund befragte den US-Experten.

***

STANDARD: Mr. Stauber, im Vorwort zur deutschen Ausgabe Ihres in den USA 1995 erschienenen Buches über die PR-Industrie schreiben Sie, dass der Großteil der Nachrichten organisierte Propaganda sei, die von faulen oder schlampig arbeitenden Journalisten ungeprüft übernommen werde. Sehen Sie das tatsächlich so?

Stauber: Zumindest was die USA anbelangt, würde ich sagen, es stimmt noch mehr. In den letzten zwölf Jahren ist die Medienkonzentration fortgeschritten, gibt es weniger Journalisten und zugleich mehr Bedarf an Nachrichten. Das ergibt die verstärkte Nutzung von so genannten Video News Releases, die von Firmen oder PR-Agenturen zusammengestellt und als redaktionelle Nachrichten übernommen werden. Unser Organisation PR Watch hat geschätzte vier Prozent dieser VNRs identifizieren können, die während zehn Monaten an TV-Anstalten ausgeschickt wurden.

STANDARD: Wie können Sie sie identifizieren?

Stauber: Wir lesen die Branchenmagazine, das steht das Meiste drinnen. Und wenn man innerhalb einer TV-Station ist, kann man auch die Downloads sehen, die angeboten werden. Ein Beispiel: Siemens hat ein Video über den Segen von Ethanol bereitgestellt. In fast allen Fällen haben die Anstalten jeden Hinweis entfernt, dass es sich nicht um einen recherchierten Beitrag, sondern um PR handelte. Gut für das Unternehmen, das die hoch subventionierten Ethanol-Anlagen herstellt.

STANDARD: Und Journalisten tun nichts gegen solche Usancen?

Stauber: Doch, natürlich schon. Wir bekommen viele Hinweise, viele Beschwerden. Oft dürfen sie keine Geschichten machen, weil es den Werbern ihrer Medien nicht passt. Noch ein Beispiel, von einer scheinbar unantastbaren Institution: Oprah Winfrey hat in ihrer TV-Show 1996 auf das Rinderwahnsinn-Problem aufmerksam gemacht und – neben anderen – einen Kritiker der amerikanischen Fleischindustrie eingeladen. Der sagte nur die Wahrheit, nämlich dass in den USA mehr Rindfleisch an Rinder verfüttert wird als irgend sonstwo auf der Welt. Einen Monat später zogen sich wichtige Sponsoren ihrer Sendung zurück, und kurz danach wurde sie verklagt. Sie musste einen millionenschweren Prozess überstehen, wurde wegen eines technischen Details freigesprochen – und hat nie wieder das Thema angerührt. Aber immerhin haben wir 1997 über das Thema ein Buch verfasst (Mad Cow U.S.A.).

STANDARD: Sie sind in Wien, um vor der Macht der PR- und Lobbying-Branchen zu warnen. Aber gibt es nicht auch eine sehr starke Gegenbewegung, die genau solche Praktiken erfolgreich kritisieren und viel Aufsehen erregen, etwa Eric Schlosser mit seiner Fast Food Nation, die jetzt sogar verfilmt worden ist?

Stauber: Nun, wir haben ja auch einschlägige Bücher geschrieben. Manche wurden von den Mainstream-Medien ignoriert, andere haben eine gewisse Wirkung. Wir behaupten ja nicht, dass die Propaganda-Industrie das Dritte Reich ist ....

STANDARD: .... obwohl Goebbels ja seinen Edward Bernays („Vater der PR“ und Autor des Klassikers Propaganda, 1928) gelesen haben soll.

Stauber: In der Tat. Wobei Bernays gesagt hat, dass Goebbels sein Buch nicht gemocht hat. Jedenfalls mag diese Branche nicht allmächtig sein. Doch als Schlosser letztes Jahr seine Fast-Food-Kritik für Kinder herausbrachte, wurde er von PR-Firmen im Dienst der Nahrungsindustrie und von rechts gerichteten Think Tanks gezielt angegriffen. Er wurde in seinen Vorträgen gestört, schon ausgemachte Talk-Shows wurden abgesagt, es wurde in seinem Privatleben geschnüffelt.

Jemand wie dieser Autor wird ein Objekten dessen, was ich corporate crisis management nenne - die Nachrichten werden mehr und mehr gemanagt, wenn einem Unternehmen, einer Institution etwas Unangenehmes nicht passt. Wir haben hier also den Fall eines Buches, das praktisch tot geschwiegen wurde. Und ich möchte wirklich kein Verschwörungstheoretiker sein, aber Manches hört sich wirlich genau so an. Was wir halte immer tun, wenn uns jemand etwas berichtet, ist, dass wir die Angelegenheit dokumentiert haben wollen.

STANDARD: Sie sagen in Ihrem Buch und Ihrer PR Watch wiederholt, dass die Großen der PR-Branche wenig bekannt sind, dass sie im Verborgenen agieren – was ja auch ihr Ziel sein könnte. Aber andererseits hört man von ihnen sehr wohl, einige Fälle wie das Management der öffentlichen amerikanischen Meinung zum Golfkrieg oder zum Balkankrieg sind oft besprochen und kritisiert worden. So geheimnisvoll kommt mir das nicht vor.

Stauber: Ich möchte gerne annehmen, dass das auch mit uns zu tun hat. Als wir Toxic Sludge Is Good For You 1995 herausbrachten, hatte es eine Auflage von ein paar tausend. Damals wusste kaum jemand außerhalb der Kommunikationsbranche, wer Burson-Marsteller ist, wer Hill & Knowlton ist. Jetzt hat das Buch viele weitaus höhere Auflagen hinter sich, und manche Namen sind dem Publikum weitaus vertrauter. Und durch das Internet erreichen wir Millionen. Aber man muss auch zugeben, dass das noch keine Gegenkraft gegen die organisierte Propaganda in Amerika ausmacht.

STANDARD: Wer unterstützt Sie?

Stauber: Wir nehmen kein Geld von Unternehmen und Regierungsstellen. Aber es gibt einige größere Stiftungen, die uns unterstützen: Familien und Umweltfonds beispielsweise. Es gibt viele Leute, die in ihren späten Vierzigern oder Fünfzigern sind und denken, dass Vieles bei uns total den Bach runtergeht. Sie haben viel Geld gemacht und wollen jetzt etwas Vernünftiges damit anfangen. Von daher kommt viel Geld für kritische Anliegen zusammen. Konkret hat so eine Gruppe Geld dafür bereitgestellt, dass wir eine Internet-Site aufbauen, die die Kongressabgeordneten durchleuchtet (congresspedia.com).

STANDARD: Sehen Sie das Internet, was Ihr Anliegen betrifft, als positive Kraft?

Stauber: Bis jetzt ja. Zugleich schafft es eine Umgebung, in der auch PR-Firmen gedeihen. Sie sagen zwar alle, dass sie hohe ethische Standards haben, und wenn etwas Unethisches passiert, dann heißt es, ach, das war nur ein Ausrutscher. Doch dann kommt man darauf, dass zum Beispiel ein PR-Unternehmen im Dienst von Walmart Blogger dafür bezahlt hat, dass sie Positives über den Handelskonzern posten.

STANDARD: Wie sind Sie zum Aktivisten auf diesem gebiet geworden?

Stauber: Ich komme aus einer konservativen, republikanischen, überwiegend deutschstämmigen Gegend, aus Marshfield in Wisconsin, halb katholisch, halb protestantisch. Mein Vater war Anwalt. Als ich 14 war, eskalierte der Vietnamkrieg. Ich glaubte noch an den amerikanischen Traum, doch die Wirklichkeit lehrte mich etwas Anderes. Ich wurde von der Stimmung auf dem Campus von Madison angesteckt, ich half, Friedensdemos zu organisieren, ich las Erich Fromm und sagte mich von der katholischen Kirche los. Ich half beim ersten „Earth Day“ mit, ich wollte in einem nachhaltigen Solarhaus wohnen. Alles das. Ich war „dabei“, ....

STANDARD: .... und Sie haben es nie verlassen.

Stauber: Genau. Und nachdem ich jahrelang als Aktivist gelebt hatte, wurde ich 1988 von einem Freund in seiner Stiftung angestellt, nämlich von Jeremy Rifkin, in seiner Foundation for Economic Trends. Ich hätte in Washington, DC Karriere machen können, aber ich wollte lieber zu Hause bleiben. Rifkin sagte mir, dass die Farmer im Mittelwesten Unterstützung bruachen gegen den Druck von Monsanto, die Hormonmilch auf den Markt bringen wollten. Und wenn ich etwas konnte, dann war es Organisieren.

Also half ich den Farmern. Ich sollte vier Wochen arbeiten und bin fünf Jahre geblieben. Ich habe sehr bald bemerkt, dass die großen Konzerne sehr clevere PR-Politik betrieb. Mir ist außerdem aufgefallen, dass ich in meiner eigenen Arbeit an dem Projekt von der PR-Agentur Burson-Marsteller infiltriert wurde, und zwar von einer Frau, die sich als Aktivistin aus Maryland ausgab, zu unseren Treffen kam und meine Arbeit ausspionierte.

STANDARD: Eine interessante erste Begegnung.

Stauber: Ja, und als ich merkte, dass hier so gearbeitet wurde, mit Alias-Namen und so weiter, und dass die Firmen mit den Regierungsstellen gemeinsame PR betrieben, da dachte ich mir: das ist eine verdammte Frechheit. Ich sprach mit einer Lektorin eines Verlags darüber. Sie sagte mir, dass sie selber bei so einer Firma gearbeitet hatte, bis sie genug hatte, als sie für einenTabakkonzern Öffentlichkeitsarbeit machen sollte. Darauf sagte ich ihr: Ich weiß, was ich als Nächstes tun werde. Als Nächstes werde ich mir die PR-Branche näher ansehen.

Zur Person:

John Stauber (53) stammt aus Wisconsin. Als Schüler organisierte er erste Proteste gegen den Vietnamkrieg. Er leitet das Center for Media and Democracy in Madison, WI und gibt das Magazin PR Watch heraus. Gemeinsam mit Sheldon Rampton verfasste er ab 1995 sechs Bücher, von der PR-Kritik (siehe oben) über industrie-gesponserte Forschung bis zum gegenwärtigen Krieg im Nahen Osten (The Best War Ever: Lies, Damned Lies and the Mess in Iraq, 2006).

Buchtipp:

John Stauber & Sheldon Rampton, Giftmüll macht schlank. Mit Anmerkungen zur deutschen Ausgabe und einem Vorwort von Freimut Duve. € 20,60/320 Seiten. Orange Press, Freiburg 2006. (Michael Freund/DER STANDARD; Printausgabe, 16./17.5.2007)

  • John Stauber.
    foto: standard/urban

    John Stauber.

Share if you care.