Flyer, Feuerzeuge, Freiheit

26. Juni 2007, 10:01
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Erhöhte Plakatdichte, Flyer-Fliegerei, bunte Give-Aways und Ideologie-Häppchen - Ein Lokalaugenschein bei den ÖH-Wahlkämpfern

Das Studierendenparlament wird nach zwei rot-grün regierten Legislaturperioden kommende Woche neu gewählt.

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Wien - Sie war ganz bei sich. Vorne im Blickfeld eine Wahlplakat-Allee, die sie aber übersah. Hinter ihr eine lärmende Baustelle am Ring, die sie augenscheinlich auch nicht störte. Dreispurig produzierter Autolärm und doppeltes Straßenbahn-Gequietsche. Junge Menschen mit Plastik-Umhängetaschen und Getränkeflaschen. Und mittendrin eine Frau, die in aller Ruhe zeichnete - die Universität Wien.

Vom ÖH-Wahlkampf an der größten Uni des Landes, an der 63.000 Studierende aus 130 Fächern wählen können, bekam die Dame mit dem Block wenig mit. So wie die Medizin-Studenten Maren (21) und Philipp (21), die zwar "viel Werbung" registriert haben, aber sich doch "wenig informiert" fühlen. Und dann müsste man dazu ja auch noch wissen, wie und wo und wann. "Ich weiß gar nicht, wann die ist", meint die 19-jährige Biologie-Studentin Ann-Kathrin.

Die Fakten für alle, die es noch nicht wissen: Es ist wieder Wahl-Zeit an Österreichs Universitäten. An der Basis und an der Spitze. Nach der Wahl-Rochade in den Rektoraten steht kommende Woche vom 22. bis 24. Mai die Wahl zur Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) an. Die Studierenden können dann wieder wie alle zwei Jahre ihr "Parlament", das die zweite Periode rot-grün regiert wird, neu wählen. Schreiben und rauchen

Vor allem Rot und Schwarz, Verband Sozialistischer StudentInnen (VSStÖ) und Aktionsgemeinschaft (AG), stehen den ihnen nahestehenden Parteien im Materialeinsatz nicht nach: Beide Fraktionen logieren in einer eigenen "Hütte" .

Philosophie-Student Andreas (26), eine Art Spontan-Aktivist, der, weil er grad "Luft im Studium" hat, erst seit zwei Wochen bei der VP-nahen AG ist, verteilt im orangen T-Shirt und von Musik aus dem Radio untermalt neben den obligaten Flyern orange Kulis und Feuerzeuge - und das sieben bis acht Stunden pro Tag. Warum? "Weil es für die Demokratie wichtig ist und weil die AG die einzige unabhängige Fraktion ist, für die gilt: zuerst Studenten, dann Ideologie."

Das Ideologie-Bäh wird man aus der VSStÖ-Hütte gegenüber nicht zu hören bekommen. Ohne rote Gimmicks gehts zwar auch dort nicht - Kulis ("praktisch und notwendig für Studierende") und Feuerzeuge ("Macht der Gewohnheit") in Rot -, aber als politischer Anker fungieren doch klar "die Grundwerte des Sozialismus". Sie stehe für "Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität" im studentischen Wahlkampfeinsatz, sagt Eva (19), die im ersten Semester Kunstgeschichte und Sozioökonomie studiert, und sich selbst als "immer schon sehr politischen Menschen" beschreibt.

Medizin- und Italienisch-Studentin Carmen (22) ist "unter Schwarz-Blau aktiv geworden" bei den Roten und unter Rot-Schwarz geblieben. Auch als SP-Mitglied. Anders als die abtretende ÖH-Chefin Barbara Blaha, die wegen der nicht abgeschafften Studiengebühren ihr Parteibuch zurückgelegt hat, brachte die Oberösterreicherin es nicht übers sozialdemokratische Herz, die Partei zu verlassen: "Der VSStÖ ist nicht die SPÖ. Und ich lass mir die politische Meinung nicht nehmen, nur weil eine Person Karriere und neoliberale Politik machen will", sagt Carmen. Sie sei ja nicht "aus Zuneigung zu Alfred Gusenbauer in die SPÖ eingetreten".

Die VSStÖler hätten besser daran getan, mehr "Energie in den Studiengebührenboykott zu stecken als in die Werbung für ihren eigenen Parteiaustritt", kritisiert Dario (22). Der in Kroatien geborene "Bildungsinländer", der Politik und osteuropäische Geschichte studiert, kämpft für den kommunistischen KSV.

Und die Grünen von der Gras? Kein Stand. Kein Flyer. Kein Nix. Vielleicht an der Basis, meint ein Student. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD Printausgabe, 25. Mai 2007)

  • ÖH-Wahlkampf, passiv und aktiv: Für Maren und Philipp gilt, Medizin studieren statt politisieren.
    foto: standard/fischer

    ÖH-Wahlkampf, passiv und aktiv: Für Maren und Philipp gilt, Medizin studieren statt politisieren.

  • Eva und Carmen (v. li.) studieren und mobilisieren.
    foto: standard/fischer

    Eva und Carmen (v. li.) studieren und mobilisieren.

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