Der amerikanische Langzeitpatient

26. Juli 2007, 14:40
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Chrysler ist mehrfach kuriert worden, endgültig gesundet ist der Autokonzern nie

Chrysler hat seit längerer Zeit Probleme: eine auf die USA fokussierte Modellpolitik, im Vergleich veraltete Technologien, auf dem Heimmarkt für die Anbieter ruinöse Preisschlachten im Neuwagenverkauf und immense Sozialkosten für die Firmenpensionisten. Damit ist Chrysler nicht alleine, im Prinzip haben alle drei amerikanischen Massenautohersteller, General Motors, Ford und Chrysler, die gleichen Probleme und riesige Löcher in den Bilanzen. Hätten sie nicht eigene Banken, die gutes Geld verdienen, wären die Verluste weit höher.

Chrysler stand bereits in den 20er-Jahren vor der Pleite, so wie eigentlich in jedem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. In den neun Jahren der Beteiligung nahmen die Daimler-Leute zwei Anläufe, um Chrysler zu sanieren. Beim ersten wurden ab 2000 eine Reihe von Fabriken aufgelassen oder verkauft, und 26.000 Menschen verloren ihren Job bei Chrysler. Im heurigen Februar kündigten die Daimler-Manager an, dass eigentlich weitere 13.000 Stellen zu streichen wären. Am Montag, bei Bekanntgabe des Deals mit Cerberus, behauptete das Management wiederum, dass dies nun doch nicht notwendig wäre. Dass derartige Versprechen nur bedingt halten müssen, zeigt die jüngere Geschichte - sowohl bei Chrysler wie bei anderen.

Der US-Automarkt ist mit seinen 17 Millionen jährlichen Neuzulassungen der größte der Welt, aber für jeden Hersteller auch der härteste. Gut für die Kunden: Nirgends bekommen Autokäufer so hohe Rabatte und so attraktive Finanzierungen nachgeworfen wie in den Vereinigten Staaten. Denn die asiatischen Hersteller - die Japaner wie neue Player aus Korea - kaufen sich mit den hohen Incentives Marktanteile. Und die Big Three müssen ihre Anteile mit ebensolchen Incentives verteidigen - und so setzte sich eine Spirale nach unten in Gang. Dies traf die ohnehin angeschlagenen US-Hersteller hart. Denn technologisch konnten sie den Hybridautos der Japaner und den Ingenieursprunkstücken der Europäer wenig entgegensetzen.

Ein Teil der Unbeweglichkeit der US-Konzerne ist historisch bedingt: Die Übernahme von Pensions- und Gesundheitsvorsorge durch Konzerne anstatt einer öffentlichen Sozialversicherung. Chrysler trägt einen Rucksack von 18 Mrd. Dollar an Verbindlichkeiten für die Pensions- und Krankenkasse seiner Mitarbeiter. Diese Haftung bedeutet, dass eine Arbeitsstunde bei Chrysler dem Konzern rund 30 Dollar mehr kostet als einem japanischen Hersteller.

Die Firmenverpflichtungen für die Pensionsvorsorge entstanden in der Nachkriegszeit: Damals wollten die Gewerkschaften Sozialversicherungssysteme nach europäischem Muster - was die Arbeitgeber als "kommunistisch" ablehnten. Der Kompromiss war die Übernahme der Sozialversicherung durch die Unternehmen selbst - quasi ein teurer Irrtum der "Kapitalisten". (Leo Szemeliker, Helmut Spudich, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.05.2007)

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