300 therapeutische Zähnchen

26. Juli 2007, 12:43
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Jahrtausendelang wurden sie gegen chronische Leiden eingesetzt. Jetzt erleben sie unter dem Namen Biotherapie eine Renaissance: Blutegel, Fliegenmaden und Co

Blutegel können bis zu 25 Jahre alt werden. Dem Hirudo medicinalis - eine von 650 Blutegelarten - ist meist eine kürzere Lebensdauer vergönnt. Gemeinsam mit Artgenossen saugen sie an Krampfadern oder von Arthrose geplagten Knien. Danach werden sie getötet. "Leider", sagt Andreas Michalsen, Internist und Oberarzt an der Klinik Essen-Mitte in Deutschland: "Das Rentnerbecken, wo sie ihr Gnadenbrot bekamen, wurde geschlossen." Aus hygienischen Gründen dürfen Blutegel nur einmal verwendet werden.

Gute Stoffe vom Egel

Die nahen Verwandten des Regenwurms beißen sich mit drei Kiefern und dreihundert kleinen Zähnen am Körper fest. Bei einer Behandlung werden etwa fünf bis sechs Blutegel angesetzt. Schmerzen verursacht das keine. Das Gefühl ist mit einem Mückenstich vergleichbar. Beim Saugen gibt der Blutegel entzündungs-, schmerz- und gefäßerweiternde Stoffe in den Körper des Patienten ab. Bis dato wurden im Speichel des Blutegels 70 Substanzen nachgewiesen. Die bekannteste ist Hirudin. Es hemmt die Blutgerinnung und bewirkt, dass die Substanzen tief ins Gelenk eindringen können. Nach etwa einer Stunde haben sich die Blutegel um ein Vielfaches ihres Körpergewichts angesaugt. Sind sie satt, lassen sie vom Menschen ab.

Schmerzlinderung

Blutegeltherapie hilft gegen chronische Gelenkschmerzen. "Nach einer Behandlung konnten die Schmerzen effektiv für drei bis sechs Monate gelindert werden. Manche Patienten waren sogar schmerzfrei", sagt Michalsen. Außerdem sei auch die Beweglichkeit des Gelenks erhöht worden. Michalsen hat die schmerzlindernde Wirkung für Patienten mit Daumenarthrose und Tennisarm in einer soeben in Publikation befindlichen Studie nachgewiesen.

Seine Forschungen zur Behandlung der Kniearthrose mit Blutegel haben international für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Michalsen setzt Blutegel auch gegen chronische Rückenschmerzen erfolgreich ein. "Es ist wichtig, dass man gut an das Gelenk rankommt", erklärt Michalsen. Beim Hüftgelenk würden Blutegel nicht viel bringen. Da sei zu viel Muskel und Fett darüber. Für Patienten mit Gelenkverschleiß gebe es nicht viele wirksame Therapien, so Michalsen: "Die operativen haben nur begrenzten Erfolg, und die Medikamente machen Nieren und Magen kaputt."

Saugen Schmerzen weg

Blutegel helfen auch bei Krampfadern. Die Beschwerden können deutlich gebessert werden. Mit einer Einschränkung: Die Blutegeltherapie hätte keinen kosmetischen Effekt. Die wulstartigen Krampfadern sehen nach der Behandlung genauso aus wie davor. Er persönlich habe noch an keiner anderen medizinischen Therapie ein größeres Interesse erlebt: "Wir können die Nachfrage kaum befriedigen." Dass Würmer Blut aus dem Körper saugen, würde nur sehr wenige Patienten abschrecken, erzählt Michalsen.

Maden gegen Wunden

Ähnlich auch bei einer Behandlungsmethode, die man landläufig auf der Ekelskala ganz weit oben einstufen könnte: der Einsatz von kleinen, weißen Maden der Goldfliege gegen offene Wunden. Der Ekelfaktor spiele bei Patienten so gut wie keine Rolle, erklärt Wim Fleischmann, Leiter der Unfallchirurgie am Krankenhaus Bietigheim in Deutschland. "Die sind froh, wenn ihnen etwas hilft. Denn offene Wunden seien sehr schmerzhaft und auch für die Betroffenen selbst eine Geruchsbelastung. Das Krankenhaus in Bietigheim macht nach eigenen Angaben die meisten Maden-Anwendungen weltweit: etwa 1000 Verbände pro Jahr.

Eingesetzt werden Maden bei nicht heilenden diabetischen Wunden, Unterschenkelgeschwüren und chronischen Knocheninfektionen. Durch die Madentherapie würden sich die Wunden von Diabetikern schnell schließen, sagt Fleischmann. Bereits nach ein bis drei Anwendungen sei die Wirkung sichtbar. "Mit der Wundversorgung durch Maden können Amputationen verhindert werden", erklärt Fleischmann. Maden werden allerdings nicht allein eingesetzt. Sie müssten immer Teil einer Diabetesbehandlung sein, erklärt Fleischmann. Vor zehn Jahren legte man die Maden noch direkt in die offenen Wunden, mittlerweile erfolgt der Großteil der Behandlungen mittels Biobag. Man könne sich diese wie Teebeutel vorstellen, erklärt Fleischmann.

Im lebenden Wundverband wuseln etwa 100 Maden. Sie scheiden ein Verdauungssekret aus, das die Wunde reinigt, die Wundheilung stimuliert und eine antimikrobielle Wirkung gegen Infektionen hat. Das kranke Gewebe an der Wunde des Patienten löst sich auf. In vier bis fünf Tagen haben die Maden sich um den Faktor 250 angesaugt. Das Madensekret löst das kranke Gewebe des Patienten. Die Wundheilung mit Maden sei zwar auf allen Diabetikerkongressen ein wichtiges Thema, würde aber noch immer viel zu wenig angewandt, erklärt Fleischmann. Die Krankenkassen erstatte die Kosten nicht. Das ist auch in Österreich so. Bei der Blutegeltherapie übernehmen kleinere Krankenkassen eine Teil der Kosten. Bei den großen Kassen fällt der Zuschuss nur sehr minimal aus. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.5.2007)

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Blutegel
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    Hirudo medicinalis: der Blutegel

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