Wie sanft darf Medizin sein?

5. Oktober 2007, 16:28
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Wo brauchen Patienten tatsächlich Schulmedi­zin, und wann helfen auch alternative Behandlungsmethoden? Stehen sie immer noch in Opposition? Eine Diskussion

Kerstin Scheller fragte Gustav Meng, Allgemeinmediziner und Spezialist in Traditioneller Chinesischer Medizin, und die Ayurveda-Ärztin Kalyani Chopra. Der Welser Allgemeinmediziner Ashish Bhalla verteidigte die Schulmedizin, zeigt im Gespräch aber auch ihre Grenzen auf.

STANDARD: Was ist eigentlich das Sanfte an der sanften Medizin?

Meng: Ich persönlich kann mit dem Ausdruck sanfte Medizin nicht viel anfangen. Die Traditionelle Chinesische Medizin etwa setzt in mancher Hinsicht mit Methoden wie Erbrechen oder Abführen schon recht drastische Maßnahmen. Diese sind aber manchmal kurzfristig nötig, um das innere Gleichgewicht wieder herzustellen. Der Begriff sanft ist wohl eher bezogen auf die Nebenwirkungen von TCM.

Chopra: Der Ausdruck sanft kommt bei Ayurveda sicherlich daher, dass diese indische Heilmethode in Europa eigentlich als Wellness bekannt ist und deshalb hier in eine falsche Richtung gerät. Ayurveda ist aber ein Medizinsystem, die Massagen haben eine medizinische Wirkung, und die können für Patienten durchaus auch anstrengend sein, deshalb sollte man sich einer Ayurveda-Behandlung besser im Rahmen einer Kur unterziehen.

Meng: Wellness wird sehr oft als eine kaufbare Leistung erachtet. Dem zugrunde liegt die Einstellung: Wenn ich so viel Geld ausgebe, erhalte ich quasi eine schnelle Gesundheit, danach kann ich wieder sündigen und Fehler machen. Sich ausschließlich bei der Kur zu korrigieren ist nicht unser Ziel.

Bhalla: Das gefährliche an den alternativen Methoden ist, dass die Leute 600 Euro an einem Wochenende für eine Ayurveda-Wellness-Behandlung ausgeben, und es tut ihnen gar nicht gut. Nur gibt es im Nachhinein keiner mehr zu, wenn er so viel Geld schon ausgegeben hat. Deshalb bräuchte man bei Alternativmedizinern dringend so etwas wie ein Gütesiegel. Es sollte einfach nicht jeder alles machen dürfen. Das sollte von der Ärztekammer reguliert werden. Denn es gibt viele Leute, die nach einem Wellness-Wochenende mit Beschwerden zu uns ins Spital kommen. Denn leider wird in diesem Bereich ja auch viel Scharlatanerie betrieben ...

STANDARD: ... weil die Ausbildungen nicht standardisiert sind?

Meng: Ja, es gibt ein Problem mit der Ausbildungsqualität. TCM muss in ärztlichen Händen bleiben.

Chopra: Ärzte, die einen Wochenendkurs Ayurveda oder TCM gemacht haben, das dann in ihren Praxen anbieten ...

Meng: oder dann schon Nadeln setzen ...

Chopra: ... finde ich auch eine Katastrophe. Das ist nicht nur für den Patienten schlecht, weil ihm nicht richtig geholfen wird, sondern auch für den Ruf von Ayurveda und TCM, weil die Patienten dann ja heimgehen und sagen, dass diese Art der Medizin nicht geholfen hat. Dabei war es eben nur ein schlechter Therapeut.

STANDARD: Wie können Alternativmediziner belegen, dass ihr Verfahren Erfolg hat?

Bhalla: Wir würden ihnen eher glauben, wenn sie uns 5000 Fälle vorlegen würden. Die Alternativmedizin muss für uns Studien entwickeln, damit die Schulmedizin ihnen den Heilerfolg auch glauben kann.

Chopra: Es ist aber schwierig, eine statistische Nachweisbarkeit zu erbringen, wenn jeder individuell behandelt wird. Ich kann eben nicht sagen, ich habe 100 Rheumatiker mit dem und dem Mittel behandelt, und dann ging es ihnen besser. Denn ich behandle 100 Rheumatiker auf 100 verschiedene Arten, da kann ich keine Statistik machen, und das ist sicher das große Problem, weshalb die Behandlung etwa von den Krankenkassen nicht anerkannt wird. Die schafft die Abgrenzung zwischen der Schulmedizin und den alternativen Methoden, deren Therapien in der Folge dann auch nicht bezahlt werden. Wie sich die Patienten nach Behandlungen fühlen, hat keine Aussagekraft.

Meng: Was zählt, sind Befunde und harte Tatsachen. TCM wird aber auch als vorbeugende Maßnahme gesehen. Wie gut und gesund lebe ich? Das ist die Philosophie dahinter. TCM hat taoistische Inhalte. Da geht es auch ganz viel darum, wie man mit der Natur, mit der Umwelt umgeht und wie man selbst darin zurecht- kommt. Da geht es nicht um Kuren, die zehn oder zwanzig Wochen dauern, sondern um grundlegende Lebenseinstellungen.

STANDARD: Wenn es also eher um die Frage der Einstellung zum Leben geht, stellt sich die Frage, ob alternative Medizin denn tatsächlich kurieren kann. Immer wieder hoffen gerade Krebspatienten auf Heilung?

Chopra: Bei einem Tumor kann man nur bedingt alternativ therapieren, da würde ich sagen: je nach Tumor, Stadium und Behandlungsmöglichkeit, eventuell operieren, Chemotherapie, Bestrahlung und begleitend ayurvedisch behandeln, damit Patienten die Chemo besser durchstehen, die Nebenwirkung der Bestrahlung besser verkraften und die Psyche bei Kräften bleibt.

STANDARD: Alternativmedizin ist dann nicht mehr als eine Begleitmaßnahme zur Schulmedizin?

Meng: Alternativ, schon das Wort ist falsch. Besser ist komplementär, das eine sollte das andere nämlich nicht ausschließen. Wir wissen, dass der Patient während oder nach der konventionellen Krebsbehandlung große Probleme bekommt. Darauf nimmt die Schulmedizin keine Rücksicht. Wir können hier intervenieren, um die Lebensqualität zu bewahren. Aber Traditionelle Chinesische Mediziner sagen nicht, dass sie Krebs behandeln können, sie können aber die Abwehrkraft der Patienten stabilisieren.

STANDARD: Kann TCM Krebs diagnostizieren?

Meng: Das können wir an und für sich nicht.

STANDARD: Dann kann doch die Komplementärmedizin der Schulmedizin nur nachgeschaltet sein?

Bhalla: Gerade bei der Krebsbehandlung sieht man doch, dass nur die Schulmedizin die Ursache entfernen kann und keineswegs, wie von den Alternativmedizinern gerne behauptet wird, nur Symptome behandelt werden. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Kurpfuscher. Akutmedizinische Fälle sollten prinzipiell nur schulmedizinisch behandelt werden.

Chopra: Beide Therapieformen gemeinsam sind richtig. Die Schulmedizin allein ist zu wenig. Den Verdacht auf einen Tumor kann man bei Ayurveda auch haben. Erhärten kann man ihn nur durch diagnostische Methoden. Ausschließlich zum Schulmediziner würde ich bei der Diagnose aber nicht gehen, denn oft werden dort psychische Komponenten aufgrund von Zeitmangel nicht erfasst. Schulmediziner knallen ihnen manchmal die Diagnose an den Kopf, etwa so wie "Sie haben einen Tumor, wir operieren, und dann gibt es Chemo.

Bhalla: Das stimmt nicht. Wir haben im Spital genauso unsere Psychologen, die die Patienten mitbetreuen. Es ist nicht so, dass wir den Patienten allein lassen, besonders in der Onkologie wird auf die geistige Harmonie viel Wert gelegt.

Chopra: Wenn man Glück hat mit dem Spital und dem Arzt.

Meng: Ist ja gut, wenn es so ist. Viele Patienten bekommen aber gar nichts.

Bhalla: Da ist die Schulmedizin in den letzten Jahren aber viel sanfter geworden, hat auch dazugelernt. Die Beratung und der Umgang mit den Patienten spielt eine wichtige Rolle. Ein guter Onkologe kann und macht das.

Meng: Stimmt, die Schulmedizin ist viel offener geworden, denn sie hat ergänzende Methoden ja auch anerkannt.

STANDARD: Weil sie mit ihrem Latein am Ende ist?

Meng: Die Patienten konsultieren immer mehr Komplementärmediziner, suchen dort einen Rat. Sie sind aufmerksamer und damit auch kritischer geworden.

Bhalla: Wir haben in den Spitälern einfach zu wenig Personal. In der onkologischen Ambulanz muss man beispielsweise 20 bis 30 Patienten am Tag betreuen, und da kann sich ein Patient schon einmal nicht gut betreut fühlen. Die Wiener Diagnostik lehrt aber, dass man den Patienten eine Stunde lang anschauen soll. Oft geht es sich zeitlich nicht aus.

Chopra: Ich habe fünf Patienten an einem Tag in meiner Praxis, mehr schaffe ich nicht. Ich brauche ein bis zwei Stunden pro Patient.

STANDARD: Hat die wachsende Unzufriedenheit der Patienten mit der Schulmedizin dazu geführt, dass Alternativmedizin einen regen Zulauf erfährt?

Chopra: Die Ärzte können sich jetzt nicht mehr wehren, sie müssen alternative Sachen anbieten. Die Patienten sagen, sie wollen keine Antibiotika mehr, also muss sich der Arzt etwas überlegen, sonst bleibt der Patient weg.

Meng: Die Nebenwirkungen von Antibiotika, die ja die Darmflora schädigen, werden in der Schulmedizin nicht bedacht. Mit Methoden der TCM kann die Darmflora aber wieder aufgebaut werden.

Bhalla: Jeder gute Arzt verschreibt zum Antibiotika ein Medikament, das die Darmflora aufbaut. Apropos Medikamente: Ayurvedische Medikamente sind auch nicht gerade unbedenklich. Es hat im Jahr 2005 die Studie gegeben, in der ayurvedische Medikamente getestet wurden, und es waren Blei, Quecksilber und andere Gifte darin.

Chopra: Quecksilber ist in manchen Medikamenten enthalten, allerdings hoch gereinigt. In Europa ist es dennoch verboten. Auch andere Verunreinigungen sind ein Problem. In Indien gibt es Pflanzenschutzmittel, die hier verboten sind. Deshalb rate ich immer, Medikamente nicht aus dem Internet zu bestellen.

Meng: Bei uns achten die Importeure auf Qualitätssicherung. Die Mittel haben Chargennummern, sind sechs Jahre im Nachhinein kontrollierbar. In Österreich sind diese Medikamente rezeptpflichtig.

Chopra: Durch die Qualitätssicherung wird das Medikament für den Patienten wiederum sehr teuer. Was in Indien nur wenige Cents kostet, kostet hier 35 Euro.

Meng: Das ist für uns Komplementärmediziner auch wirklich ein Problem. Viele Leute können sich hier in Europa die alternativen Behandlungsmethoden nämlich einfach nicht leisten.

Bhalla: Ich bin dagegen, dass diese Methoden von der Krankenkasse finanziert werden, die Politik könnte aber über ein System von Zuschüssen zu alternativen Behandlungsmethoden nachdenken. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.5.2007)

  • Ashish Bhalla (31), geboren in Goa, kam als Kind mit seinen Eltern nach Linz. Er studierte Medizin in Wien und kehrte dann nach Oberösterreich zurück. Vier Jahr lang arbeitete der Schwiegersohn des ehemaligen Ärztekammerpräsidenten Otto Pjeta an der Landesfrauen- und Kinderklinik in Linz, bevor er im Oktober des Vorjahres in Wels seine eigene Ordination für Allgemeinmedizin eröffnete. Seit Dezember ist Bhalla auch Kurarzt bei den Barmherzigen Brüdern in Schärding.
    foto: standard/alfred habitzl

    Ashish Bhalla (31), geboren in Goa, kam als Kind mit seinen Eltern nach Linz. Er studierte Medizin in Wien und kehrte dann nach Oberösterreich zurück. Vier Jahr lang arbeitete der Schwiegersohn des ehemaligen Ärztekammerpräsidenten Otto Pjeta an der Landesfrauen- und Kinderklinik in Linz, bevor er im Oktober des Vorjahres in Wels seine eigene Ordination für Allgemeinmedizin eröffnete. Seit Dezember ist Bhalla auch Kurarzt bei den Barmherzigen Brüdern in Schärding.

  • Kalyani Chopra (40) ist die Tochter eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter. Die gebürtige Frankfurterin studierte in ihrer Heimatstadt Medizin, anschließend drei Jahre Ayurveda am Mahindra Institut Birstein und an indischen Kliniken wie dem Ayurvedic College Gujarat. Seit dem Jahr 2000 hat die Allgemeinärztin eine eigene Praxis für Ayurvedische Medizin in Frankfurt. Zudem ist sie auch Dozentin an verschiedenen Ayurvedischen Instituten.
    foto: standard/alfred habitzl

    Kalyani Chopra (40) ist die Tochter eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter. Die gebürtige Frankfurterin studierte in ihrer Heimatstadt Medizin, anschließend drei Jahre Ayurveda am Mahindra Institut Birstein und an indischen Kliniken wie dem Ayurvedic College Gujarat. Seit dem Jahr 2000 hat die Allgemeinärztin eine eigene Praxis für Ayurvedische Medizin in Frankfurt. Zudem ist sie auch Dozentin an verschiedenen Ayurvedischen Instituten.

  • Gustav Meng (56), geboren in Nanking/China, absolvierte dort die Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) und studierte dann Medizin in Wien, wo er heute eine Praxis für Allgemeinmedizin und TCM hat. Er ist von der Ärztekammer für Manuelle Medizin und Akupunktur diplomiert, Ehrenprofessor am Beijing College of Acupuncture und Orthopedics, wo er auch österreichische Ärzte ausbildete. Meng ist Leiter der Österreichischen Gesellschaft für TCM.
    foto: standard/alfred habitzl

    Gustav Meng (56), geboren in Nanking/China, absolvierte dort die Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) und studierte dann Medizin in Wien, wo er heute eine Praxis für Allgemeinmedizin und TCM hat. Er ist von der Ärztekammer für Manuelle Medizin und Akupunktur diplomiert, Ehrenprofessor am Beijing College of Acupuncture und Orthopedics, wo er auch österreichische Ärzte ausbildete. Meng ist Leiter der Österreichischen Gesellschaft für TCM.

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