MuseumOnTheGo bringt Bild- und Tonkunst aufs Handy

15. Juni 2007, 13:26
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Kunst kann rufen - Besser Hochkultur als Popkultur

Seien wir doch ehrlich: Ein Klingelton ist mehr als nur ein Signal. Wie alt, schätzen Sie, ist jemand, der Eisbär-Knut-Songs am Handy Spitze findet? Wie schaut das Innere eines Menschen aus, der sich mit Gewehrsalven zum Abheben des Mobiltelefons konditioniert? Und warum in aller Welt will jemand den Ton von Gelsen am Handy hören?

Wie so vieles im Leben steht der Wunsch nach Individualisierung am Anfang jedes Gestaltungswillens. Mit dem Siegeszug des Handys zur Massenware sind auch Portale wie Jamba groß geworden. Hier gibt es vom Hitparadensong über Fußballhymnen bis hin zu Furzgeräuschen tatsächlich jede Art von akustischer Wahnsinnigkeit, dementsprechend tummelt sich dort eher jüngeres Publikum.

Warum, so hat sich Alexander Köb, der Sohn des MQ-Direktors Edelbert, gedacht, sollte sich nicht auch niveauvolleres Publikum zur individuellen Gestaltung des Mobiltelefons gewinnen lassen? Und zwar mit gediegenen Inhalten, die Köb in Museen und Tonarchiven aufgestöbert hat. MuseumOnTheGo heißt das (noch) kleine, feine Portal, auf dem Köb seine Preziosen zum Download ab 1,99 Euro anbietet. Gefunden hat er seine Schätze in Wiener und Berliner Museen, zudem hat er Tonarchive nach historischem Material durchforstet.

Statt eines schnöden Mobilfunkbetreiber-Logos ließe sich das Display dann also mit Caravaggios "Rosenkranzmadonna" aus dem Kunsthistorischen Museum zieren. Mutiger sind die Schiele-Akte aus dem Leopold Museum, und wem schon die Idylle im Leben fehlt, kann sie in Form eines Georg-Ferdinand-Waldmüller-Bildes vom Handy lachen lassen.

Um einiges spektakulärer sind die Klingeltöne - etwa mit Kaiser Franz Joseph, dessen Ausspruch "Diese Erfindung ist sehr interessant" immer dann ertönen könnte, wenn jemand anruft. Monarchisten freuen sich vielleicht über eine k. u. k. Wachablöse, Musikliebhaber über Don-Giovanni-Arien mit Lotte Lehmann im Schellack-Stil. Auch originell: historische Filmschnipsel mit Sigmund Freud - eignen sich auch als moderne Postkarte mit besten Grüßen aus Wien.

Ansonsten gibt es aber auch viele Tierstimmen aus diversen Archiven im virtuellen Museum. Vom Frosch über die Tüpfelhyäne bis zur Zikade ist alles versammelt; vor allem Vogelfreunde finden eine große Auswahl von Singvögel- Stimmen. Und weil Köb auch das nationale Tonarchiv von Jerusalem durchstöbert hat, gibt es einiges an Orientalischem und hebräische Gebete.

Einzigartigkeit ist damit sicherlich gewährleistet, die ganz andere Frage ist allerdings, inwiefern nicht auch die Hochkultur durch die ständige Präsenz und ewige Wiederholung Schaden nimmt. Halten wir es mit Max Planck: "Um bedeutungsvolle Zusammenhänge aufzufinden, muss man in einer passenden Richtung suchen, und es gehört der Blick des gottbegnadeten Forschers dazu, um Probleme zu erkennen, durch deren Lösung ein neues fruchtbares Gebiet erschlossen werden kann." Auch dieses Zitat gibt es als Klingelton.(Karin Pollack/DER STANDARD, Rondo vom 11.5.2007)

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    Museales im digitalen Gewand zum Download: Die virtuelle Sammlung des Museums für unterwegs ist eine Galerie, in der Bildungsbürger voll auf ihre Kosten kommen.

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