Es lebe der Fleckerlteppich

25. Oktober 2007, 15:55
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Schulische Vielfalt auf Österreichisch: "Unbequeme Dinge blendet man gerne aus" - Anmerkungen einer Pädagogin in der Lehrerausbildung - Von Barbara Buchholz

So erfreulich die Tatsache ist, dass sich die Medien nun verstärkt des Themas Schulreform annehmen, so ernüchternd ist gleichzeitig des Politgerangel um das "Gesamtschulsystem". Notwendige Voraussetzungen für mögliche Veränderungen werden in Sonntagsreden zwar gerne genannt, tatsächlich scheint ihnen vieles aber einfach nicht bekannt zu sein:

Stichwort Evaluierung: Dringend empfohlene Qualitätssicherungsmaßnahmen bestehender oder zukünftiger schulischer Einrichtungen haben den Nachteil, dass sie meist über die parteipolitisch unterminierten und überbürokratisch organisierten Schulbehörden (Bildungsregionen, Landesschulräte, Bundesministerium) abgewickelt werden, und daher ihre Ineffizienz quasi schon eingebaut ist: "Man sägt nicht gerne am eigenen Ast".

Abgesehen davon sind solche "Kontrollen" bei Lehrern äußerst unbeliebt, und viele Funktionäre der Lehrergewerkschaften sind hier durch ihre Doppelrollen an Schulbehörden inklusive Weisungsmacht mehr als ein Hindernis. Eine Durchführung durch unparteiische Experten käme wohl zu teuer.

Ungelöste Probleme

Weiters: Der verpflichtende Vorschulbesuch zur Abfederung sprachlicher Rückstände von Migrantenkindern - wie seit Jahren von Experten urgiert - ist immer noch nicht implementiert. Statt dessen hat der Gesetzgeber in den letzten Jahren aus Einsparungsgründen hunderte bestehende Vorschulen durch die "Schuleingangsphase" aufgelöst, selbstverständlich versehen mit dem "pädagogischen Mascherl" der "homogenen Schülergruppen".

Ein Problem, welches trotz eines Vorschulbesuchs nicht in den Griff zu bekommen wäre, ist allerdings die Tatsache, dass rund ein Drittel der Kinder, die jetzt als "Quereinsteiger mit Deutschdefiziten" in den Schulen sitzen, erst in höheren Klassen dazukamen. Hier fehlt eine flächendeckende, verpflichtende und nachhaltige Sprachförderung (nicht nur über 5 Wochen), die professionell und effizient helfen soll. Aber dies käme wohl zu teuer.

Unterschiedliche Lehrerausbildung und damit verbunden divergierende Lehrerdienstrechte sind ebenfalls völlig ungelöste Probleme. Dabei ergäbe sich gerade jetzt durch die Überführung der Pädagogischen Akademien in Pädagogische Hochschulen die historische Gelegenheit, dieses Manko zu beseitigen und alle Lehrer akademisch zu bilden: Bachelor-Grad für Grundschullehrer, Master für Lehrpersonal an Sekundarschulen (Ausbildung in Human- und Fachwissenschaften sowie Fachdidaktiken in Zusammenarbeit von PH mit Universität). Tatsache ist, diese Chance wurde aus parteipolitischem Kalkül verpasst, zu viele Machtregionen hätten dafür verschoben werden müssen (siehe auch Zuständigkeit des Schulministeriums für die Pädagogischen Hochschulen!)

Es geht also beim Bildungssystem - nicht weiter überraschend - um Geld und parteipolitische Macht. Ideologische Ziele und fachliche Unwissenheit werden mit persönlichem Profilierungsstreben verquickt.

Stößt man auf Hindernisse, wartet man halt ab, in der Zwischenzeit gründet man ein paar Ausschüsse mit selbsternannten "Experten" oder initiiert ein paar Alibiprojekte (siehe Kärnten), die man dann evaluiert (siehe oben).

Dazu passt auch, dass seit den letzten Pisa- und/oder OECD-Erhebungen von so manchen österreichischen Schulpolitikern fleißig die Einführung einer Kopie des finnischen Schulsystems ventiliert wird, während zum Beispiel das südkoreanische gar nicht in Erwägung gezogen wird.

Keinen scheint zu stören, dass kaum einem Menschen in Österreich wichtige Details zu Schulsystemen anderer Länder wirklich bekannt sind. So wird weder die beinharte Selektion erwähnt, welche finnische Schüler nach der Gesamtschule vor dem Eintritt ins Gymnasium und danach zur Aufnahme an die Universität durchlaufen müssen, noch ist hierzulande etwas über die starke musisch-kreative Komponente der südkoreanischen Lehrpläne bekannt.

Ungelegene und unbequeme Dinge blendet man eben gerne aus, lieber lebt man mit einer Reihe von inkompetent gesteuerten Kompromissen, So leben wir denn glücklich mit HS, IHS und IGS, mit AHS und BHS, mit BMS und KMS, mit IBS und HAS, mit BORG, HAK und HTL, mit PH und FH, mit Ing., Dipl.-Päd. und Bacc., mit Mag./DI (Univ.)und mit Mag./DI (FH) etc. etc. (Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.)

Österreichs Schulsystem ist und bleibt ein "Fleckerlteppich" bis hinauf in die tertiäre Bildungsebene - ein neuer Flicken Gesamtschule (GS) kann da ohne Schaden zu verursachen jederzeit angestückelt werden. Es lebe die Vielfalt! (Barbara Buchholz - DER STANDARD-Printausgabe, 12./13. Mai 2007)

Zur Person

Die Autorin ist in der Lehrerausbildung tätig und war über 25 Jahre als Pflichtschullehrerin in Schulversuchen und Schulentwicklungsprojekten eingebunden.

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    ". . . und wie geht’s jetzt weiter: Stummes hoder doppel l?" –"Keine Ahnung."

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