Programmkritik und Finanzprobleme auf dem Küniglberg

22. Juni 2007, 18:42
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Wrabetz hat neben der Baustelle Programm-Reform noch einige Herausforderungen vor sich - von EU-Prüfung bis zur Gebührenfrage

"Die Premiere ist vorbei, die Quoten sagen, dass alles Wesentliche gut gegangen ist": der Standard am Tag nach der großen Programmreform. Freilich nicht am 12. April 2007, sondern am 8. März 1995. Gerhard Zeiler ist da Generalintendant.

Damals schnellt der Marktanteil von 43,5 auf gut 50 Prozent. Alexander Wrabetz schaffte nach einer tristen Karwoche 2007 an den ersten beiden Reformtagen fast Normalwerte von gut 40 Prozent.

Nach zwei Tagen fielen die Marktanteile beider - diesmal allerdings weit unter die Zielmarken, bei Zeiler vorerst auf Normalwerte. Er arbeitete sich über dreieinhalb Jahre hoch in lichte Höhen. Wrabetz fuhr den tiefsten Monatsmarktanteil in der Geschichte ein.

Zeiler gelang nicht alles auf Anhieb: Das Kulturmagazin am Montagabend etwa floppte. Nachmittagstalker Walter Schiejok interessierte nach Anfangserfolg immer weniger.

Kein Quotengenie

Aber Programmprofi Zeiler hatte bei einem Privatsender gelernt, schenkte öffentlich-rechtlichen Anforderungen kaum Verständnis und hatte internationale Karriere im Fernsehbusiness vor Augen. Wrabetz ist kein Quotengenie wie Zeiler und muss öffentlich-rechtliche Programmteile zumindest versuchen - schon um den Wettbewerbshütern der EU vorzubeugen.

Um deren Prüfung des ORF geht es am Samstag in der Klausur. Zudem um ORF-Kanäle für Handyfernsehen. Um Spartenkanäle des ORF - aus TW1 soll ja ein gebührenfinanzierter Infosender werden. Um die Strategie für HDTV.

Willkommen zurück

Die Stiftungsräte haben die Strategieklausur zur Erstab-rechnung mit Wrabetz’ Programmreform umdefiniert. Um die Quotenprobleme im Vorabend geht es also zuallererst, um "Mitten im Achten" mit zuletzt nur noch 100.000 Zuschauern und sechs Prozent Marktanteil (soll repariert werden – aber neue Folgen im Sommer verteuern das Projekt), um "Szene" (neu und breiter angelegtes jüngeres Societymagazin) und "Julia" (wird ersetzt durch ein kürzeres "Willkommen Österreich" mit Elisabeth Engstler, womöglich sogar in alter Kulisse, wenn David Schalko sie rausrückt).

Wrabetz plagen abseits der Reform noch programmstrategische Probleme: Im April kosteten den ORF selbst einige Hauptabendfilme Quote. Blockbuster ziehen weniger als früher, vor allem in der Zweitausstrahlung, heißt es intern. Bleibt es dabei, "stoßen wir auf ein Finanzierungsproblem", sagt ein hochrangiger Insider: Selbst teuer kaufen ist billiger als Eigenproduktion.

Höhere Gebühren bleiben Thema. "Noch gibt’s keinen Grund zur Sorge", sagt ein Kenner der Lage, "heuer haben wir kein ökonomisches Problem". Betonung auf: heuer. Zeiler führt längst mit der RTL Group einen europäischen Fernsehriesen und gilt als erhoffter Käufer von ATV. Die Preisvorstellungen dürften allerdings (zu) weit auseinanderliegen. Noch so ein Finanzproblem. Steigt Zeiler doch ein und gibt hier Gas, hat der ORF ein noch größeres. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.5.2007)

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    Quotenprofi Gerhard Zeiler bestaunt 1995 seine ORF-Programmreform. Der Finger wies nach oben - wie die Quote in den folgenden Monaten und Jahren.

  • Alexander Wrabetz 2007 und sein "neuer ORF": Zum Zielmarktanteil fehlt ihm mehr, als er hier zeigt.
    foto: standard/newald

    Alexander Wrabetz 2007 und sein "neuer ORF": Zum Zielmarktanteil fehlt ihm mehr, als er hier zeigt.

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