"Bin und bleibe Sozialdemokratin"

12. Juli 2007, 13:54
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ÖH-Vorsitzende Barbara Blaha erzählt im STANDARD-Interview vom neuen Gesicht der Gehrerschen Bildungspolitik und von politischen Vereinnahmungsversuchen

STANDARD: Frau Blaha, Sie sind nach Ihrem Austritt aus der SPÖ zur Galionsfigur der studentischen Proteste gegen Rot-Schwarz avanciert. Wie gehen Sie mit dieser Rolle um?

Blaha: Ich war in der Zeit der Proteste gegen die Regierung sicher Projektionsfläche für viele Menschen, die sich ohnmächtig gefühlt haben. Diese Rolle ist eine ziemliche Belastung: Es herrscht ein hoher Erwartungsdruck, ohne dass man genau weiß, was die Erwartungen sind.

STANDARD: Für Ihren SPÖ-Austritt hat es sehr viel Lob gegeben. Man könnte aber auch sagen, Sie haben aufgegeben. War das ein Zwiespalt?

Blaha: Meine Standpunkt dazu war und ist:_Wenn sich die Bundesspitze der SPÖ von ihren Grundsätzen verabschiedet, dann verabschiede ich mich von der SPÖ. Der Schritt war absolut richtig. Wäre ich nicht ausgetreten, dann wäre die Kritik an den Studiengebühren und an den gebrochenen Wahlversprechen gar nicht angekommen. Das hat mich traurig gestimmt: dass man nur etwas anbringt, wenn man schon im Gehen ist.

STANDARD: Was muss passieren, damit Sie der SPÖ wieder beitreten?

Blaha: So lange die SPÖ nicht zu ihren Wurzeln zurückfindet, bin ich nicht mehr Teil dieser SPÖ. Ich sehe nicht die Perspektive, kurz- oder mittelfristig was zu ändern. Das bedeutet aber nicht, dass sich die SPÖ nicht irgendwann wieder in eine inhaltliche Richtung weiterentwickelt, die ich mittragen kann. So lange das aber nicht der Fall ist, werde ich die Partei nicht mit meiner Mitgliedschaft unterstützen.

STANDARD: Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie von anderen Parteien umworben werden. Ist das für Sie eine Option?

Blaha: Nein, das wäre total verlogen. Ich bin und bleibe Sozialdemokratin, also habe ich bei den Grünen genau so wenig verloren wie sonst irgendwo. Weil ich so eine dankbare Projektionsfläche bin, hätten mich halt alle gern im Boot. Man muss sich vor Vereinnahmungsversuchen wehren, deshalb gehe ich nicht in der Öffentlichkeit damit hausieren, wer mir Angebote macht.

STANDARD: Sie werden als großes politisches Talent gehandelt. Verbauen Sie sich mit Ihrer derzeitigen Haltung nicht eine politische Karriere?

Blaha: Politik ist nicht mein einziges Talent, es gibt ja, hoffe ich zumindest, auch noch die Germanistik. Für mich war immer klar: Falls ich in die Politik gehe, muss ich einen ökonomischen Background haben, der es mir ermöglicht, mein Rückgrat zu behalten.

STANDARD: Zur ÖH: Was konnte die rot-grüne Exekutive in den vergangenen zwei Jahren konkret umsetzen?

Blaha: Wir haben uns 25 Projekte vorgenommen, davon sind mittlerweile 22 abgeschlossen, zum Beispiel die Frauenfrühlingsuniversität oder einen Studierendenvertreterkongress.

STANDARD: Aber Studiengebühren gibt es nach wie vor.

Blaha: Deren Abschaffung ist uns nicht gelungen, das stimmt. Aber dass sie überhaupt so ein starkes Thema bei den letzten Nationalratswahlen waren und immer noch sind, ist nicht zuletzt ein Erfolg der ÖH.

STANDARD: Seit Jänner haben Sie ein neues Gegenüber im Wissenschaftsministerium. Wo sind die Unterschiede zwischen Ministerin Gehrer und Minister Hahn?

Blaha: Ich habe Minister Hahn in der Zeit, in der er da ist, öfter getroffen als Ministerin Gehrer in eineinhalb Jahren als ÖH-Vorsitzende. Er ist mit dem Ziel angetreten, mit den Studierenden in den Dialog zu treten. Das Problem ist, dass der Dialog derzeit so aussieht, dass wir ihm sagen, was wir finden, und er sagt Aha, interessant, auf Wiederschaun. Das erinnert mich an Gehrer. Inhaltlich setzt Hahn die Gehrer-Politik fort und versucht, dem Ganzen ein junges, liberales Gesicht zu geben.

STANDARD: Am 1. Juli übergeben Sie den Vorsitz der ÖH. Was kommt danach?

Blaha: Ich fange im Sommer mit der Arbeit in einem Verlag an, denn irgendwie muss ich ja mein Leben finanzieren. Ansonsten bleibt alles wie bisher. Ich muss mich wieder mehr auf das Studium konzentrieren, damit es sich in der Mindeststudienzeit ausgeht, wegen meines Stipendiums. Außerdem arbeite ich als Deutschlehrerin, mir wird also nicht langweilig.

STANDARD Wie sehen Sie nach den Wahlen Ihre Rolle innerhalb des VSStÖ?

Blaha: Ich bleibe dem Studierendenparlament erhalten, werde die Neuen unterstützen und kandidiere auch für die Studienrichtungsvertretung Germanistik. Grundsätzlich sollen sie aber ihre eigenen Fehler machen, ich war jedenfalls froh, dass ich meine machen konnte.

STANDARD: Zum Abschluss dürfen Sie sich etwas wünschen: Wie soll die Exekutive im Studierendenparlament nach den ÖH-Wahlen aussehen?

Blaha: Ich wünsche mir eine Fortführung der rot-grünen ÖH, und dass sich Lisa Schindler und Fanny Rasul die nächsten zwei Jahre den Vorsitz teilen. Die zwei dringendsten Anliegen sind die Abschaffung der Zugangsbeschränkungen und die Redemokratisierung des Universitätsgesetzes. (Andrea Heigl/DER STANDARD-Printausgabe, 12./13. Mai 2007)

Zur Person:

Barbara Blaha, 23-jährige Germanistik-Studentin, ist noch bis 30. Juni Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH).

  • Blaha über den Dialog mit Hahn: "Wir sagen ihm, was wir finden, und er sagt Aha, interessant, auf Wiederschaun."
    foto: standard/newald

    Blaha über den Dialog mit Hahn: "Wir sagen ihm, was wir finden, und er sagt Aha, interessant, auf Wiederschaun."

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