Hubert von Goisern im Interview über Tanz und Improvisation
Ab Juni ist der 54-jährige Volkssänger zwei Sommer lang musizierend auf einem Schiff auf der Donau unterwegs.
Wien – "Es gibt ja viele Leute, die sagen, spannender als das Spannende sei das Langweilige. Da muss ich sagen, dass mir im Zweifel das Spannende als Spannendes lieber ist!"
Hubert von Goisern könnte sich mit 54 als eines der Schwergewichte in der österreichischen Popmusik dank alpiner Welthits wie "Koa Hiatamadl" längst auf ein gemütliches Altenteil zurückziehen. Er könnte sich mit ewiggleichen Best-of-Shows dank seiner Vorreiterrolle im Bereich der alpenländischen Deutung des Rock 'n' Roll ohne Not darauf beschränken, sein treues Publikum in den deutschsprachigen Ländern Mitteleuropas alle zwei, drei Jahre wieder mit halb- oder zumindest herzigen Abspielungen alter Errungenschaften zufrieden zu stellen.
Später Erfolg
Damit wäre er sehr wahrscheinlich immer noch interessanter und frischer als der Großteil seiner Kollegenschaft, die mit der einst als "Neue Volxmusik" titulierten Revolution im Grenzbereich von alpenländischer Tradition, modernistischer Brauchtumspflege und Chuck Berry Anfang der 1990er-Jahre zeitgleich mit ihm angetreten ist – und heute längst Einzug in den "Musikantenstadl" gehalten hat.
Dem 1952 in Bad Goisern als Hubert Achleitner geborenen Volkssänger, der nach langen lebenskünstlerischen Reisen und Aufenthalten in Südafrika oder Kanada Mitte der 80er relativ spät zur Musik als Profession fand und den Erfolg überhaupt erst ab 1992 mit dem Album "Aufgeigen statt Niederschiasse"n und der innigen, heute in so gut wie jeder TV-Dokumentation zum Thema "Land der Berge" vertretenen Ballade "Heast As Nit" einfahren konnte, ist die Gnade der selbstzufriedenen Verwaltung alter Errungenschaften allerdings nicht gegeben.
So sieht er die Einladung, am heutigen Freitag live am Wiener Rathausplatz und zeitgleich auf ORF 2 als Moderator und Musiker gemeinsam mit Bobby McFerrin oder Joe Zawinul die Wiener Festwochen im Rahmen eines bunten Abends zu eröffnen, zwar mit gemischten Gefühlen entgegen – von denen mit Sicherheit eines mit der Angst zu tun hat. Andererseits wächst man mit der Aufgabe.
Hubert von Goisern: "Ich habe absolut keine Ahnung, wie das werden wird. Ich bin zwar wie die meisten anderen Menschen schon auch immer auf Sicherheit bedacht und möchte mich nicht gern auf unbekannten Straßen und Wegen 'überfahren' lassen. Andererseits lasse ich mich auf solche unabwägbaren Vorgaben aus reinem Trotz ein. Erstens habe ich schon immer mit großer Freude improvisiert und vertraue auch Bandproben nur bedingt. Zweitens ist doch gerade auch das eventuelle Scheitern in der Kunst immer eine große Versuchung. Erzwingen kann man sowieso nichts! Und was ich so auf dem Regieplan gesehen habe, muss ich während der zwei Stunden, außer drei Lieder zu singen, ohnehin nur vier G'satzln sagen, nachdem ich mir die Ziehharmonika abgeschnallt habe."
Schauen, was passiert
Dem heimlichen Drang, das sichere Terrain zu verlassen und abseits knapper eigener Ansagen während eines Goisern-Konzerts als legendär wortkarger, wenn nicht berüchtigt verschlossener Austropop-Star auch noch den TV-Moderator zu geben, wurde mit einem geplanten Duett mit dem US-Gesangsvirtousen Bobby McFerrin sicherlich Unterfutter gegeben:
"McFerrin wollte immer schon einmal jodeln. Und für mich ist das natürlich eine große Ehre, wenn ich ihm diesen Wunsch erfüllen kann. Außerdem kommt mir seine ähnliche Einstellung, eher ungern durchzuplanen und lieber zu schauen, was sich live ergibt, sehr entgegen. Da McFerrin erst am Vorabend einfliegt, lege ich ihm einfach drei Jodler zur Auswahl vor. Und wir schauen, was passiert."
Alles könne man von ihm dann aber doch nicht haben. Im Gegensatz zu seiner einstigen Begleitsängerin Sabine "Alpine Zabine" Kapfinger ist der Mann froh, dass er bisher keine Einladung zu den "Dancing Stars" bekommen hat:
"Ich habe mit der Sabine in der ersten Sendung mitgezittert. Weil gleich am Anfang hinauszufliegen, das wäre schon ein arger Gesichtsverlust. Gott sei Dank hat sie diese Hürde sogar bis ins Finale geschafft. Nicht dass ich etwas gegen das Tanzen hätte! Aber wenn man ein diesbezügliches Angebot bekommen würde, müsste man sich doch sorgen, ob vielleicht bezüglich der Karriere etwas ein klein wenig schief gelaufen ist. Meine Familie hat ja auch wissen wollen, ob ich das machen würde. Meine Antwort: Wenn ich einmal so alt bin wie der Johannes Heesters, werde ich 'Dancing Star' werden – und gewinnen. Ich bin aber zuversichtlich, dass es die Sendung dann nicht mehr geben wird."
Sein bisher größtes Projekt wird er jetzt ab 22. Juni in Angriff nehmen. Als "Botschafter" der EU-Kulturhauptstadt Linz im Jahr 2009 wird von Goisern diesen und nächsten Sommer auf einem 170 Meter langen Wohn-Arbeits-Bühnen-Schiffskonvoi die Donau bereisen und zwischen Delta und hin zu deren noch befahrbaren Ursprüngen mit lokalen Musikern versuchen, Synergien zu erzeugen.
Gedanken fischen
Hubert von Goisern: "Die Idee kam mir beim Fischen an der Donau in Oberösterreich. Da habe ich zweimal nichts gefangen und bin jetzt der festen Überzeugung, dass es zumindest dort drin keine Fische mehr gibt. Obwohl sie, wie ich mich später selbst überzeugen konnte, unten in Rumänien dauernd große Viecher herausziehen. Aber wenn man nichts fängt, fängt man halt an, sich Gedanken zu machen."
Von Goisern weiter: "Mich interessierte vor allem der Osten als mir völlig unbekannter Landstrich, den ich mir jetzt erwandern will. Ich habe bis zum Vorjahr ja auch keinen Balkanpop oder Roma-Bands gehört. Ungarn oder Rumänien wollten dann gerade diese Musiker auch nicht als Repräsentanten ihrer Länder bei meinem Projekt vertreten sehen. Die musste ich dann teilweise mit Gewalt wieder reindrücken. Wir werden vor Ort an den Stationen unserer Reise Konzerte mit Bands wie Besh-O-Drom oder Rambo Amadeus geben und dann versuchen, auch gemeinsam zu musizieren und die Ergebnisse 2009 in Linz präsentieren. Wenn das nicht klappt, macht es auch nichts. Wie gesagt: Erzwingen kann man nichts."
(Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.5.2007)