Darüber spricht man nicht gerne

12. Juli 2007, 16:33
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Chronische Wunden sind unterschätztes Problem - Ein Mix aus Maßnahmen könnte mehr Erfolg bei weniger Kosten bringen

Wien - Über "offene Beine" (Ulcus cruris) und andere chronisch nicht verheilende Wunden spricht "man" nicht. Dabei sind ein bis zwei Prozent der Bevölkerung davon betroffen, bei den über 80-Jährigen sind es mehr als fünf Prozent. Die Versorgung ist mühselig, langwierig und - so Fachleuteder "Austrian Wound Association" (AWA) - von den Krankenkassen schlecht bezahlt. Ein Mix aus Maßnahmen bis hin zur Telemedizin könnte hier mehr Erfolg bei weniger Kosten bringen.

Frühe Behandlung wesentlich

"Unter einem Ulcus cruris versteht man eine chronische Wunde des Unterschenkels, die drei Monate lang nicht verheilt. Zu 73 Prozent ist sie venös bedingt (Krampfadern, Besenreiser...)zu 14 Prozent arteriell", sagte die NÖ-Dermatologin Susanne Scholz.

Hier, wie bei vielen anderen chronisch Wunden, käme es auf die frühe Behandlung der Grunderkrankung und die optimale Versorgung der Wunde an. Ein wesentlicher Faktor in der Entstehung solcher Probleme ist auch Diabetes ("Diabetischer Fuß").

Betreuung kostet zwei Prozent des Gesundheitsbudgets

Peter Lechner, Vorstand der Chirurgischen Abteilung am Donauklinikum Tulln, machte auf die enormen Kosten für die Betreuung der Patienten aufmerksam: "In Großbritannien kostet die Behandlung chronischer Beingeschwüre zwei Prozent des Gesundheitsbudgets. Es sind mehr als zwei Millionen Krankenstandstage und über eine Million Spitalsaufenthalte. Auf Österreich umgelegt verursachen in unserem Land die chronischen Beingeschwüre Kosten von mehr als 400 Millionen Euro. Ein 'offenes Bein' kostet 35.000 Euro pro Jahr." Vor allem der massive Pflegeaufwand schlägt hier zu Buche.

Hilfe mittels Telemedizin

Das Team um Lechner hat ein Pilotprojekt für Wundversorgung mit der Telemedizin gestartet. Ärzte überweisen Patienten, bei deren Wundversorgung sie sprichwörtlich "anstehen", an eine Spezialambulanz. Sie ordnet die adäquate Versorgung an. Die Diplomkrankenschwester in der Hauskrankenpflege fotografiert die Wunde regelmäßig und sendet die digitalen Bilder an die Spezialisten im Spital.

Zwei Drittel weniger Ambulanzbesuche

Dort werden die Fotos standardisiert ausgewertet und die notwendigen Maßnahmen empfohlen. Lechner: "Damit können die Ambulanzbesuche um zwei Drittel bis drei Viertel reduziert werden. Wenn wir die Wundheilung um 50 Prozent beschleunigen, bringt das eine Kostenersparnis um 17.500 Euro."

Honig aus Australien

Ein bereits seit einiger Zeit zusätzlich zu modernen Verbandsmaterialien zur Verfügung stehendes heilungsförderndes Mittel ist auch "Medihoney", ein standardisiertes Produkt, hauptsächlich aus Honig des australischen Teebaums. Es hat eine sanfte antibiotische Wirkung, saugt Flüssigkeit aus der Wunde und wirkt antientzündlich. Studien haben ergeben, dass sich damit besonders bei chronischen Wunden ein zusätzlicher Heilungseffekt ergibt.

Stoßwellentherapie

Ebenfalls zusätzlich angewendet werden kann die Stoßwellentherapie. Sie wirkt auf zellulärer Ebene und führt vor allem zur Anregung der Gefäßneubildung, aktiviert Nervenfasern und das lokale Immunsystem. Die Stoßwellen - verabreicht werden zwischen 2.000 bis 3.000 binnen zwei bis drei Minuten - bringen ebenfalls eine verbesserte Wundheilung. Insgesamt hängt der Erfolg aber zu einem großen Teil von der erfolgreichen Behandlung der für eine chronische Wunde verantwortlichen Grunderkrankung ab: Optimale Diabetes-Einstellung und Behandlung von venösen oder arteriellen Durchblutungsstörungen sind nämlich die Basis. (APA)

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