Tori Amos gibt die "American Doll Posse"

5. Juli 2007, 14:27
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US-Songwriterin schlüpfte für ihr neuntes Studioalbum in Rollen griechischer Göttinnen, um Dualität der christlichen Sicht auf Frauen aufzubrechen

Wien - "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust", klagte Dr. Faust einst. Der Mann hatte Probleme! In Frauen leben mindestens fünf verschiedene Persönlichkeiten, postuliert Tori Amos, mittlerweile in Cornwall lebendes Ex-Cornflake Girl. Für "American Doll Posse", ihrem bei Sony BMG erschienenen neunten Studioalbum, gibt sie solo eine ganze Frauenriege. Im Juni war die Sängerin in Wien und Graz zu Gast.

Nicht nur Hure, nicht nur Mutter

Die 43-jährige Songwriterin hat noch nie ein Album ohne Konzept gemacht. Das jüngste sieht so aus: Um die in der christlichen Religion vorherrschende Dualität der Sichtweise auf das Weibliche aufzubrechen, greift die Tochter eines Methodistenpfarrers auf die griechische Mythologie zurück und zeigt die Frau nicht als Hure oder Mutter, sondern als vielschichtiges Götterwesen, die wesentlich mehr drauf hat. Nicht Maria Magdalena oder Maria Mutter Gottes lautet die Alternative, sondern Artemis, Persephone, Athene, Aphrodite und schließlich Tori selbst, eine Mischung aus Demeter und Dionysos. Für Clyde, Pip, Isabel, Santa und Tori, wie die Damen heißen, sind sogar eigene Blogs eingerichtet.

Vita

Myra Ellen Amos kommt am 22. August 1963 in Newton, North Carolina zur Welt. Früh beginnt sie Klavier zu spielen, mit vier singt und spielt sie im Kirchenchor und mit fünf wird sie die jüngste Schülerin, die das "Peabody Conservatory" in Baltimore jemals hatte. Ihr improvisatorischer Zugang zu klassischen Stücken wird dort aber meist mißbilligt und mit 10 muss sie die Schule verlassen. 1983 ändert sie ihren Namen in Tori, ein Jahr später zieht sie nach Los Angeles und 1987 veröffentlicht sie ihre erste Platte mit einer Hard-Rock Band namens "Y Kant Tori Read". Das Album wird ein totaler Flop und sie löst die Band auf.

Musiktherapie

Sie beginnt ihre Solokarriere. Die Stimme, die tonisieren kann wie die von Kate Bush, ist ein Garant für Erfolg. Tori Amos thematisiert in ihren Songs eine brutale Vergewaltigung genauso intimisiert wie eine traumatische Fehlgeburt. "Sie war überzeugt, sogar einen Gletscher aufhalten zu können/aber sie konnte noch nicht einmal ein Baby am Leben erhalten", singt sie, und die Aufdröselung der Schuldgefühle ist die Art schonungsloser Seelenstriptease, mit der sie berühmt geworden ist, seit 1992 ihre erste Soloplatte "Little Earthquakes" erschien.

Tori Amos, die heute zurückgezogen auf einem Bauernhof lebt und die Annehmlichkeiten eines daheim eingerichteten hochmodernen Studios in Anspruch nimmt, geht mittlerweile mit Kind und Kegel auf Tournee.

Friendly Fire

Für das Cover und Booklet von "American Doll Posse" posiert Amos in den unterschiedlichsten Verkleidungen zwischen laszivem Vamp, verhuschter Esoterik-Priesterin und Rock-Göre, mischt die insgesamt 23 Songs wild durcheinander. Und in ihrer Gesamtheit klingt die Musik der "American Doll Posse" stark nach dem, was man von der Sängerin aus North Carolina seit vielen Jahren gewohnt ist.

Sie beginnt mit einem herausfordernden "Yo George", mit dem sie dem US-Befehlshaber salutiert, ihm höhnisch erklärt, sie sei leider auf seine Politik allergisch und sich freundlich erkundigt, ob er nun seinem britischen Namenkollegen König George III. in den Wahnsinn folge. Später wird sie die Friedensbewegtheit weltanschaulich-religiös ausweiten, wenn sie in "Dark Side of the Sun" danach fragt, wie viele junge Männer ihre Leben noch lassen müssten, und "Bushes burn there on the mountain" auch anders als rein biblisch verstanden werden kann.

Auftritte in Wien und Graz

Zwischendurch lässt Tori Amos aber schon mal für ein paar Sekunden die Rock-Sau aus dem Stall ("Fat Slut"), singt sich mit ihrer sanftweichen Stimme durch Balladen wie "Girl Disappearing", bekennt "I am my father's son", baut immer wieder Country-Anklänge ein und liefert (wie in "Body and Soul", "Beauty of Speed" und anderen Songs) sonst viel Pop von der Stange. Ihre Konzert-Auftritte mit dem geliebten Bösendorfer-Flügel sind übrigens keine Umzieh-Orgien. "Im ersten Teil der Show bin ich eine der Frauen, im zweiten bin ich Tori", erklärt sie, "Man muss sich sehr bewusst sein, was in der jeweiligen Stadt am jeweiligen Tag gerade los ist." (APA/red)

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    Clyde, Pip, Isabel, Santa und Tori: Um die in der christlichen Religion vorherrschende Dualität der Sichtweise auf das Weibliche aufzubrechen, greift Tori Amos auf die griechische Mythologie zurück und zeigt die Frau als vielschichtiges Götterwesen.
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