Der Abschiebung knapp entkommen

20. Oktober 2007, 17:11
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Als die Türkin Evrim Ersan in zwei Wochen einen Doktorats-Betreuer finden musste, um nicht abgeschoben zu werden, brach für sie eine Welt zusammen

Wien - "Als ich den Brief bekam, konnte ich eine Woche lang nicht schlafen", erzählt Evrim Ersan und streicht ihr rot-gefärbtes Haar zur Seite. Die aus Izmir stammende Türkin studiert seit neun Jahren in Wien Soziologie. Seither hat sie schon einiges an Diskriminierungen und Hürden, die ihr in den Weg gelegt werden, erlebt. Doch mit dem Visum hatte sie bislang keine Probleme - und solange sie studiert, auch nicht zu erwarten gehabt.

Bis vor einem Monat, denn Anfang April erhielt Ersan einen Brief vom Magistrat: Bis zum 10. April wurde ihr darin eine Frist gesetzt, innerhalb derer ihr Doktorats-Betreuer einen Brief an das Magistrat senden sollte - der Betreuer, den sie noch nicht hatte. Andernfalls würde ihr "Visum zurückgelegt", was für die 33-Jährige bedeutet hätte, ihre pflegebedürftige Mutter in Wien alleine zurückzulassen.

Wer die Soziologie in Wien kennt, weiß, dass Wartezeiten beim Finden eines Betreuers für die Diplom- oder Doktorarbeit an der Tagesordnung stehen. Ersan, die bereits seit Herbst auf der Suche ist, sah sich mit einer Frist von nicht einmal zwei Wochen in einer ausweglosen Situation.

Sie schilderte die Brisanz ihrer Lage vielen Professoren. Letztendlich wandte sie sich an den Dekan der Sozialwissenschaften, Rudolf Richter, den ihr Thema - die in Istanbul lebenden Transsexuellen - interessierte, weil es auch in seinen Schwerpunkt Sozialstrukturforschung fällt. Durch ihn darf Ersan nun vorerst hier- bleiben. "Was nach dem Studium ist, darüber versuche ich nicht zu viel nachzudenken. Ich weiß es nicht", meint sie.

Hierbleiben dürfte sie, wenn "ich einen Arbeitgeber finde, der mich als Schlüsselkraft braucht, und mir ein Gehalt von 2300 € zahlt", schüttelt Ersan den Kopf. "Oder ich heirate einen Österreicher", doch auch das kommt für die selbstbewusste Frau nicht in Frage, auch deswegen, weil sie einen Freund in Istanbul hat.

Verschärftes Recht

"Mit dem neuen Fremdenrechtsgesetz hat sich für mich alles verschlechtert", beklagt sie. Nach den letzten Wahlen hatte sie große Erwartungen. "Aus der Türkei kenne ich das, dass die Politiker vor der Wahl etwas anderes sagen, als danach, aber ich glaubte, hier herrsche eine andere politische Ethik." Doch ihr Vertrauen wurde enttäuscht, die restriktiven Gesetzesänderungen vom Jänner 2006 und die Studiengebühren sind unter dem SPÖ-Kanzler geblieben.

"Vor allem die Studiengebühren von 726,72 € machen alles schwieriger für ausländische Studenten", betont Ersan, weil sie - wenn überhaupt - nur geringfügig arbeiten dürfen. Auch Ersan bekam keine Arbeitserlaubnis.

Weil sie sich die Gebühren ohne Job nicht leisten konnte, setzte sie nach dem Diplom aus. Als sie nach einem Semester das Doktorat machen wollte, musste sie all ihre Dokumente in der Türkei neu übersetzen und beglaubigen lassen - insgesamt dauerte die Prozedur ein Jahr. Drei Seminare musste sie zusätzlich absolvieren, damit ihr Diplom wieder anerkannt wurde.

Trotz der Hürden, die ihr in den Weg gelegt werden, liebt Ersan das Land wie eine zweite Heimat. "Am liebsten würde ich jedes Jahr sechs Monate in Wien und sechs Monate in der Türkei leben." (Tanja Traxler/DER STANDARD, Printausgabe, 9.5.2007)

  • Evrim Ersan studiert seit neun Jahren in Wien - Hindernissen zum Trotz.
    foto: standard/fischer

    Evrim Ersan studiert seit neun Jahren in Wien - Hindernissen zum Trotz.

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