Serie: Kleiner Führer durch den EU Praktikumsdschungel

3. August 2007, 15:45
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Wer annimmt es gäbe für alle Institutionen ein allgemeines Bewerbungsverfahren, liegt falsch - Teil 1: Die Kommission

Praktikumsplätze bei der EU sind begehrt, bieten sie doch eine gute Gelegenheit die Arbeitsweise der europäischen Institutionen mal von innen kennen zu lernen und sozusagen in die EU "hineinzuschnuppern". Da die europäische Union jede Menge Bewerbungen erhält, haben sich relativ aufwändige Verfahren entwickelt.

Zuerst sollten hoffnungsvolle PraktikantInnen sich Zeit nehmen zu überlegen, wo genau sie hin möchten: soll es die Kommission sein, oder doch der Rat oder das Parlament oder vielleicht sogar eine weniger bekannte Organisation wie der Ausschuss der Regionen oder der Wirtschafts- und Sozialausschuss? Generell gilt: man kann sich durchaus für mehrere Institutionen bewerben, hat man allerdings ein Praktikum in einer der EU Organisation angenommen, ist man für die anderen disqualifiziert.

Entscheidung vorher fällen

Ist diese Grundsatzentscheidung erstmal gefallen, empfiehlt es sich die Institution genauer unter die Lupe zu nehmen und die Abteilungen herauszusuchen, in die man gut hinein passen würde. Dies ist wichtig für die Argumentation in der Bewerbung.

Wer nun annimmt es gäbe für die Institutionen ein allgemeines Bewerbungsverfahren, liegt natürlich falsch – das wäre zu einfach. Jede der EU Körperschaften hat ihre eigenen Regeln die zwar auf einem recht allgemeinen Niveau harmonisiert sind, aber doch beträchtliche Abweichungen aufweisen.

Teil 1: Die Kommission:

Als "Hüterin der Verträge" ist die Europäische Kommission eines der bekanntesten Organe. Dementsprechend groß ist auch der Andrang an Bewerbungen für ein Praktikum. Die Kommission bietet zweimal im Jahr, jeweils von 1. März bis Ende Juli und von 1. Oktober bis Ende Februar des Folgejahres, bezahlte Praktika (900-1000 Euro, je nach Haushaltslage) an. Für die März Praktika kann man sich von 1. Juni bis 1. September des Vorjahres anmelden, für die Oktober Praktika von 1. Dezember des Vorjahres bis zum 1. März. Die folgenden Grundvoraussetzungen müssen erfüllt sein um zu einem bezahlten Praktikum zugelassen zu werden:

  • Hochschulabschluss
  • Für Bewerber aus der EU: sehr gute Kenntnisse zweier Sprachen der EU Staaten, darunter zumindest eine der Arbeitssprachen der Kommission (Englisch/Deutsch/Französisch). Für ein Praktikum beim Übersetzungsdienst müssen drei Sprachen beherrscht werden.
  • Kein Praktikum oder Beschäftigung bei einer anderen EU Institution

    PraktikantInnen aus allen Fachrichtungen

    Obwohl die meisten Praktikanten aus dem Bereich Jus, Politikwissenschaft und Wirtschaft kommen ist dies keinesfalls zwingend. Im Gegenteil, Bewerbungen aus anderen Fächern wie z.B. Informatik, Audit, Psychologie, Sport etc. sind gerne gesehen.

    Im Allgemeinen werden Praktikanten in demselben Ausmaß an der Arbeit beteiligt wie ein Beamter mit Universitätsabschluss. Sie erhalten jedoch einen Berater zur Seite, der ihnen während des Praktikums über die Schulter sieht. Wie überall gibt es auch bei der Kommission interessante und weniger interessante Tätigkeiten, einiges hängt hier einfach von Glück, Zufall und/oder persönlichem Einsatz bei der Zuteilung für die gewünschte Stelle ab.

    Bewerbungsverfahren online und per Post

    Die Bewerbungsverfahren werden in einem online/offline Mischverfahren abgewickelt. Als ersten Schritten müssen sich die BewerberInnen auf der Webseite des Praktikanten Büros registrieren.

    TIPP: Zur Wahl der Generaldirektion gibt es zu sagen, dass für eher unbekannte GDs weitaus weniger Bewerbungen eingehen. Weiters gilt zu beachten, dass einige GDs teilweise ganz in Luxemburg (und nicht in Brüssel) sitzen.

    Ist das Bewerbungsformular online ausgefüllt und kontrolliert, muss es zwei mal versandt werden: zunächst über das elektronische Web-Interface, hierbei muss der Vermerk "Entwurf" verschwinden und durch eine Kandidatennummer (wichtig!) ersetzt werden. In einem zweiten Schritt ist das Formular dann auszudrucken, es muss datiert und unterschrieben werden und gemeinsam mit Kopien aller angeführten Zeugnisse und Nachweise (Sprachen!) sowie des Passes postalisch versandt werden (am besten per Einschreiben).

    TIPP: Wenn bei dem online oder offline Verfahren fehlerhaft vorgegangen wird, wird die Bewerbung gleich im ersten Schritt ausgesondert – es zahlt sich also aus, vor dem Versand alles zweimal zu checken.

    Prüfung der Bewerbung

    Das Praktikantenbüro prüft zuerst mal formelle Kriterien wie Vollständigkeit und Korrektheit der Bewerbungen und versendet ca. drei Wochen nach Bewerbungsschluss eine Eingangsbestätigung. Die Bewerbung wird dann an einen Vorwahlausschuss weiter geleitet, welcher eine erste Selektion der Bewerbungen nach inhaltlichen Kriterien wie Übereinstimmung der Studien mit der gewählten Generaldirektion, Noten, zusätzliche Studien, weitere Sprachkenntnisse, Motive etc, vornimmt.

    Das blaue Buch

    BewerberInnen die diesen Schritt geschafft haben, werden dann in eine Datenbank – das so genannte "Blaue Buch" – eingetragen, welchen allen Kommissionsdiensten zur Verfügung gestellt wird. Die einzelnen Generaldirektionen treffen dann ihre Endauswahl aus diesem Blauen Buch.

    Persönlicher Kontakt

    Diejenigen Antragsnummer, die in das blaue Buch aufgenommen wurden, werden auch im Web veröffentlicht – es lohnt sich also die Webseite des Praktikantenbüros regelmäßig zu checken. Findet man seine Nummer im Blauen Buch wieder, kann es dann durchaus von Vorteil sein, die Generaldirektion, für die man sich an interessiert, persönlich zu kontaktieren.

    TIPP: Auf keine Fall wahllos alle Abteilungen anschreiben sondern ganz gezielt an die Personalabteilung oder an die Fachabteilung für die man sich interessiert. Dabei kann das Handbuch der Dienststellen nützlich sein

    Vertragsabschluss

    Wenn alles gut geht, wird man als auserwählter Bewerber oder Bewerberin von einer interessieren Abteilung kontaktiert und erhält einen Vertrag zugesandt. Dann kann man sich erstmal zurück lehnen und den Umzug nach Brüssel planen ...

    • Artikelbild
      foto: epa/valdrin xhemaj
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