Bürgerversammlung mit heftigen Emotionen: "Mitsprache oder sind wir nur Staffage?"

24. Juli 2007, 19:35
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Das Filmarchiv hatte die Sympathien der Anrainer und Bürgerinitiativen - "Es gibt keine Alternative", hieß es seitens der Sängerknaben

Wien - Eigentlich hätte es abgeriegelte Fan-Sektoren geben müssen, merkte ein Besucher der Bürgerversammlung zu den beiden konkurrierenden Augarten-Projekten an. Über 400 Menschen waren am Montagabend in den berstend vollen Saal im Haus der Begegnung am Praterstern gekommen, um sich von Sängerknaben-Direktor Eugen Jesser das Projekt eines Musik- und Theaterzentrums und von Filmarchiv-Leiter Ernst Kieninger das geplante Filmkulturzentrum präsentieren zu lassen - und ihrer Meinung Luft zu machen. Auch wenn Bezirksvorsteher Gerhard Kubik (SP), der die Debatte moderierte, dazu aufrief, auf persönliche Angriffe zu verzichten - bisweilen verlief die Diskussion doch recht hitzig, Seitenhiebe der Protagonisten inklusive.

Anrainerwünsche

Das Filmarchiv hatte jedenfalls die Sympathien der Anrainer und Bürgerinitiativen, die schon in den Planungsprozess mit eingebunden waren, hinter sich: "Den Tourismus durch einen Konzertsaal zu stärken geht an einer anderen Stelle viel freundlicher", meint etwa einer der Anwohner, die vor allem Reisebusse und eine Verschlechterung der Lebensqualität fürchten. "Es gibt keine Alternative", hieß es seitens der Sängerknaben, die eine Verkehrsstudie herbeizitierten. Deren Anhänger, vornehmlich in die Jahre gekommene Gesangsmatrosen und Sängerknaben-Eltern, pochten auf die Bedeutung einer eigenen Probe- und Aufführungsmöglichkeit. "Es geht um die Kinder und Jugendlichen dieser Stadt", betonte Jesser.

Platz-Problem

Zu Wort meldeten sich aber auch die "Weder, noch"-Fraktion sowie jene, die nicht verstehen, warum nicht beide Projekte verwirklicht werden können - was von beiden Bewerbern aus Platzgründen abgelehnt wird. Einig waren sich alle, dass bisher nicht zugängliche Flächen geöffnet werden sollen, was Burghauptmann Wolfgang Beer, der den Bund als Grundeigentümer vertritt, auch promt versprach, "egal welches Projekt kommt".

"Mitreden oder sind wir nur Staffage"

Tosenden Applaus erntete ein Anrainer, der forderte, die Erstellung eines Leitbilds durch alle Interessengruppen - wie es die Stadt kürzlich beschlossen hat - abzuwarten. "Wie weit dürfen wir mitreden oder sind wir nur Staffage?" drückte ein anderer die hörbaren Emotionen vieler Teilnehmer der vier Stunden andauernden Versammlung aus. "Es wird eine kollektive Entscheidung sein", versicherte Beer. "Wir werden versuchen, alle Argumente zusammenzutragen." Deswegen solle auch die Ausarbeitung eines Augarten-Leitbilds abgewartet werden - was von Kieninger begrüßt wurde und einem zerknirscht wirkenden Jesser ein schlichtes "Wir warten die Entscheidung ab" abrang. Barbara Neubauer vom Denkmalamt will jedenfalls jenes Projekt verwirklicht sehen, welches "das Gesamtensemble am wenigsten beeinträchtigt".

Die Grünen sehen mit der Bürgerversammlung eine sachliche Entscheidung "näher gerückt" und fordern nun von der Stadt eine "ernsthafte Suche nach Alternativstandorten". FPÖ und ÖVP bleiben aufseiten der Sängerknaben. (Karin Krichmayr, DER STANDARD Printausgabe, 9.5.2007)

  • Das Kinozentrum des Filmarchivs füge sich am besten in den Augarten ein, argumentieren die einen
    bild: filmarchiv/dmaa

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  • Der Konzertkristall der Sängerknaben käme allen Kindern zugute, sagen die anderen
    bild: archipel

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