Am Pisa-Sieg sind die Lehrer schuld

11. September 2007, 10:19
119 Postings

Eine Woche lang recherchierte der SchülerStandard bei einem Besuch des "Turun Sanomat" zu Finnlands Bildungslandschaft

Massenprüfungen im Block und eine freundschaftliche Beziehung zu den Lehrern sind das Geheimnis des Erfolgs: ein SchülerStandard-Rundgang in einer Schule des Pisa-Siegers Finnland.

****

Turku - Seine Armbanduhr zeigt 8.45 Uhr als Juhana Keikkonen (16) seine Schule betritt. In der Aula der "Turun Normaa-likoulon Lukio", einer Schule am Rande von Turku, zeigt ein Monitor das Ranking der besten Prüfungskandidaten der Schule an.

Die Liste wird laufend aktualisiert, denn Anfang April ist die Prüfungswoche voll im Gange. Im Gegensatz zu österreichischen können finnische Schüler ihre Prüfungsfächer wählen. Statt über das Jahr verteilter Schularbeiten gibt es fünf Prüfungswochen.

Der Ablauf dieser Massenprüfungen wirkt erschreckend, wenn man österreichische Modalitäten gewöhnt ist: Hinter einem Glasvorbau sitzen rund hundert Schüler mit rauchenden Köpfen.

"Es wird von den Lehrern schon vorher die Sitzordnung durch Farbkärtchen festgelegt. Gelb steht dann zum Beispiel für Physik oder Grün für Englisch, so wird verhindert, dass zwei Schüler, die dieselbe Prüfung haben, nebeneinandersitzen", erklärt der 16-jährige Juhana. Außerdem sind immer mindestens drei Lehrer anwesend, um "das Schummeln unmöglich zu machen", erzählt er. Zunächst wirkt es so, als wären Angst und Strenge die Mittel, mit denen das Pisa-Siegerland zum Erfolg segelt. Doch Juhanas Erzählungen entkräften diesen Eindruck: Die Tests würden sich ausschließlich auf die Kursinhalte beziehen, "groß vorbereiten muss man sich deswegen auf die Prüfungen nicht". Und auch die Folgen eines nicht bestandenen Tests sind nicht gravierend. Nach einem Monat Vorbereitung kann er wiederholt werden. Außerdem gibt es keine Endjahresnote. Bewertet werden die Schüler fünfmal im Jahr. "Schon im Vorhinein wird festgelegt, wie viel Prozent der Note die Prüfung ausmacht", erklärt Juhana.

Großem Druck fühlt sich der junge Finne - der für Physik, Religion und Französisch eingetragen ist - nicht ausgesetzt. "Stressig ist es nur eine Woche vor der Prüfung, wenn man sich noch alle Unterlagen zusammensuchen muss."

Ein Blick in den Unterricht, zeigt ein gewohntes Bild: Auch hier kommen Schüler zu spät und werden immer wieder gebeten, ihr Wissen nicht durch Rufen, sondern durch ein Handzeichen zu äußern.

Worin also das Geheimnis des finnischen Pisa-Erfolgs liegen könnte, erklärt der Lehrer Petri Vourinen: "Unsere Schüler sind nur so gut, weil die Lehrer so motiviert sind." Es gebe etliche Motivationsseminare für Lehrer, in denen sie ihre Motivation im Umgang mit Schülern und ihr Unterrichtsverhalten verbessern können. Dies färbe auf die Schüler ab.

Der Schüler Ilari Haapasulo (15) beschreibt das freundschaftliche Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern: "Wir reden unsere Lehrer mit dem Vornamen an, und aufstehen müssen wir auch nicht, wenn sie die Klasse betreten."

"Alle auf einem Level"

Anders die 19-jährige Studentin Sarianna Sahonen, die den Erfolg durch die finnische Gesamtschule erklärt. Finnische Schüler wären nicht besser als andere, es gebe schlicht weder ganz tolle noch ganz schlechte: "Wir sind alle auf einem Level."

Das weltweite Interesse am Testsieger Finnland hat sie überrascht: "Nach der Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse, saßen in meiner Klasse Lehrer aus aller Welt, die uns anstarrten. Das war komisch und nervend."

Beim Läuten macht sich Juhana auf den Weg in die Kantine. Das Essen wird von Ernährungswissenschaftern zusammengestellt. Heute gibt es Fisch mit Kartoffeln, dazu ein Glas Milch - und das kostenlos. Auch Schulgeld gibt es keines, und der Schulbus wird vom Staat finanziert. Es ist 14.45 Uhr, als Juhana nach der letzten Stunde die Schule verlässt. (juwu, kho, kosch, pep/DER STANDARD Printausgabe, 8. Mai 2007)

  • Keine Versagensangst: Bewertet werden finnische Schüler fünfmal jährlich, Tests kann man monatlich wiederholen.
    foto: standard/hendrich

    Keine Versagensangst: Bewertet werden finnische Schüler fünfmal jährlich, Tests kann man monatlich wiederholen.

Share if you care.