Efeu pflanzen, wo jüdische Gräber standen

3. Juli 2007, 10:19
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Privatinitiative mobilisiert Kremser Schüler

Krems - Auf Eigeninitiative hin gehe die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit am besten voran, sagt Elisabeth Streibel, Lehrerin am BRG Krems. In diesen Wochen macht sie diese Erfahrung zum zweiten Mal.

Efeu statt Kette

Am 4. Mai hatte die Pädagogin 120 Kremser Schülerinnen und Schüler mobilisiert, um dem von den Nazis geschändeten jüdischen Friedhof der Donaustadt seine Würde wiederzugeben. Die Jugendlichen säuberten Grabsteine, gruben Teile des Bodens einen Tag lang um - und entschieden gegen Abend, am 8. Juni wiederzukommen, um die Arbeit abzuschließen. "Ziel ist es, auf einem Teil des Friedhofsareals Efeu anzupflanzen, damit dort niemand den Boden betritt", schildert Elisabeth Streibel. Dort nämlich, wo früher Grabsteine standen, die in der Nazizeit weggerissen wurden, um Platz für eine Fremdarbeiterbaracke zu schaffen: "Man hätte auch eine Absperrung mit Kette errichten können, doch wir fanden, dass ein Efeuteppich dieselbe Wirkung hat."

"Boden8ung", nennt die in Krems geborene Lehrerin das Projekt, das sie gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Historiker Robert Streibel, gestartet hat. Auch die im vergangenen Jahr durchgeführte Initiative "Eine Stadt trägt Geschichte" war auf diese Art entstanden. Erst hatten Kremser Schüler im Rahmen von Projektunterricht die Namen, Berufe, Wohn- und Geschäftsadressen der in Krems vor 1938 wohnhaften Juden recherchiert, anschließend hatten sie die heutigen Inhaber oder Nutzer der eruierten Geschäftslokale über die einstige Arisierung informiert - und ihnen angeboten, im Geschäft eine Plakette mit Namen und Informationen über das weitere Schicksal der Vertriebenen anzubringen.

22 Gedenkplaketten Das Feedback sei "überraschend gut" gewesen, schildert Robert Streibel: In 22 Kremser Geschäften seien die Inhaber auf den Vorschlag eingegangen, und zwar "ohne Druck von oben", wie der Historiker betont: Die Kremser Gemeinde habe auf die Bitte, die Initiative zu unterstützen, weder positiv noch negativ reagiert - sondern gar nicht. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 8.5.2007)

Am Friedhofsprojekt "Boden-8ung" können sich auch Inter-essierte von außerhalb beteiligen. Kontakt: Robert Streibel, Tel.: 0664/23 52 77

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Juden in Krems
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    foto: streibel
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