Während auf anderen Großbahnhöfen die Monokultur der Großkonzerne herrscht, zeigt sich auf jenem von Zürich die Biervielfalt der Schweiz
Zürich hat zu Unrecht den Ruf, doppelt so groß aber nur halb so lustig wie der Wiener Zentralfriedhof zu sein. Erstens hat sich eine durchaus urbane Lokalszene entwickelt. Für den Biertrinker ist aber am spannendsten, was er gleich nach der Ankunft entdecken kann: Die in dieser Form einmalige Brasserie Federal auf dem Hauptbahnhof. Das ist kein Brewpub, es braut also nicht selber. Und es hat auch kein Stout auf der Karte – kein Guinness und auch sonst keine internationale Marke, die ich in Top-Bierlokalen gerne als Ergänzung des Angebots sehe.
Was mich veranlasst, dennoch immer wieder an die Brasserie Federal in Zürich zu denken, wenn ich ein gutes Bierlokal empfehlen soll, ist die schiere Auswahl, die hier geboten wird.: gezählte 97 Biere, zudem noch fünf alkoholfreie, stehen auf der Karte. Alle mehr oder weniger gut beschrieben. Alle – und auch das ist leider keine Selbstverständlichkeit – dem Bedienungspersonal geläufig, das dann mit der entsprechenden Flasche und einem meist sogar genau passenden Glas gelaufen kommt und am Tisch perfekt einschenkt.
Große Biere kleiner Brauer
Der Clou dabei: Es sind fast durchwegs Biere aus Schweizer Klein- und Mittelstandsbrauereien – etwa aus dem Wädi Bräu Huus, das als Pionier der Gasthausbrauerei-Szene gilt, weil es früh erkannt hat, dass eine Gasthausbrauerei ein weit über das Angebot von Großbrauereien hinausgehendes Bierspektrum bieten muss, um glaubwürdig zu sein. Es war die erste Schweizer Brauerei, die sich über ein Hanfbier drübergetraut hat und die erste, die ein Biobier gebraut hat. Oder die Brauerei Locher in Appenzell – eine kleine Landbrauerei, die nicht weiter aufgefallen wäre (und vielleicht wie viele andere eines Tages verschwunden wäre), wenn sich die Familie Locher nicht mit ein paar jungen Leuten aus Zürich zusammengetan hätte, um ein Vollmondbier anzubieten. Das hat kommerziell so gut funktioniert, dass die Idee des Brauens eines Sondersuds bei Vollmond (und die aus ihr abgeleitete Marke) dann im ganzen deutschen Sprachraum lizenziert werden konnte.
Am letzten Donnerstag gab es etwa von Locher das „Appenzeller Holzfass-Bier“, ein dunkelbernsteinfarbenes Lagerbier mit kräftiger trübung und einem vanilleartigen Antrunk, etwas süß und einem pfefferigen Aroma, das wahrscheinlich an die zur Reifung des Bieres verwendeten alten Eichenfässer erinnert. Jedenfalls ein ausgefallenes Produkt – wie auch viele andere Biere, die hier geboten werden.
Geboten wird das alles auch noch im einem tollen Ambiente, denn die Brasserie Federal befindet sich direkt in der großen Halle des Zürcher Hauptbahnhofs, der die Eleganz des späten 19. Jahrhunderts bewahrt hat. Es ist also nicht nur die Auswahl an sich sondern nicht zuletzt die „Schaufenster-Funktion“, die die Brasserei Federal so bedeutsam macht.
Gutes Bier im Wartebereich
Unwillkürlich fragt man sich, warum es so eine Einrichtung nicht auch in anderen Städten gibt: Großbahnhöfe haben in den letzten Jahren ja alle möglichen Zusatzfunktionen bekommen – aber einen Treffpunkt und Wartebereich zu bieten, in dem man die Biervielfalt des jeweiligen Landes kennenlernen kann, ist offenbar nur den Zürichern eingefallen. Oder sind in allen anderen Städten die Bierbrauer kurzsichtig und neidig genug, alle mögliche Konkurrenz aus dem jeweiligen Hauptbahnhof hinauszubeißen? Mit der Folge, dass die jeweiligen Städte und Länder den Reisenden als cerevisische Monokultur erscheinen.
Hoffen wir, dass das auf dem geplanten Wiener Hauptbahnhof anders wird. Österreichs Mittelstandsbrauer hätten ja einiges zu bieten. (Conrad Seidl)