Dürre, Hitze, Hungersnöte: Der Meteorologe Reinhard Böhm erklärt, weshalb ein kühler Kopf in der Klimadebatte zielführender ist als Panikmache
STANDARD: Rund um den Klimawandel sind Sie einer der wenigen Meteorologen, die manches an den Prognosen infrage stellen. Warum?
Böhm: Es gibt sicher einen globalen Temperaturanstieg, der vom Menschen beeinflusst ist. Die generelle Aussage aber, dass das Klima immer extremer wird, ist nicht haltbar. Ich halte auch nichts davon, beim Temperaturanstieg alles der menschlichen Beeinflussung zuzuschreiben. Da kommen nämlich schnell Schuldzuweisungen ins Spiel, die vernünftige Lösungen eher erschweren.
STANDARD: Welche Faktoren gibt es denn noch?
Böhm: Weitere wichtige Faktoren sind die Änderung der Sonneneinstrahlung, verstärkter Vulkanismus und die Ozeanströmungen.
STANDARD: Was meinen Sie, dass in der derzeitigen Klimadebatte falsch läuft?
Böhm: In vielen Fällen kommt der Mittelweg zu kurz. Angesichts steigender Weltbevölkerung und des Nachholbedarfs der Entwicklungsländer scheint es realistisch, sich vom Traum der Wiederherstellung eines "natürlichen" Erdklimas zu verabschieden.
STANDARD: Sie meinen also, dass ein Zurückfahren des CO2-Ausstoßes nichts hilft?
Böhm: Die derzeitigen Lösungsvorschläge bürden dem Einzelnen viel auf, und der Nachweis der Sinnhaftigkeit liegt in weiter Zukunft. Zum Beispiel wird Kohle, für die es noch lange genügend Reserven gibt, in Zukunft stärker ins Spiel kommen. Da Kohle einer der Hauptverursacher von CO2 in der Atmosphäre ist, werden wir wahrscheinlich mit dem Treibhausklima der Zukunft eine Zeit lang leben müssen. Ich meine, wir tun gut daran, uns mit kühlem Kopf auf das Treibhausklima der Zukunft einzustellen. Eine Übertreibung, die Angst macht, war noch nie eine gute Voraussetzung für die Bewältigung eines komplizierten Problems.
STANDARD: Bei Prognosen wie der, dass ein Fünftel von Bangladesch überflutet werden könnte, ist das aber schwierig.
Böhm: Bangladesch halte ich für eines der drängendsten Probleme. Eine der wenigen Klimafolgen-Aussagen mit guter wissenschaftlicher Absicherung ist der Anstieg des Meeresspiegels, obwohl es auch da heillose Übertreibungen gibt - ich habe schon von sieben Meter Anstieg gelesen. Der erste Teil des IPCC-Berichtes, der von den wissenschaftlich abgesicherten Tatbeständen beim Klimawandel handelt, spricht von 30 bis 40 Zentimetern in hundert Jahren.
STANDARD: Dieser erste Teil ist noch gar nicht veröffentlicht.
Böhm: Ja, das ist etwas, das ich dem UN-Klimarat IPCC ankreide. Es ist untragbar, dass die Studien erst Monate nach den "Policy Summaries" veröffentlicht werden. Diese Zusammenfassungen sind ja lediglich ein Produkt diplomatischer Verhandlungen. Ich war einer der Begutachter für diesen ersten Bericht; ich weiß, was drinsteht, und ich weiß, was in den Medien geschrieben wird. Ich empfehle, diesen Bericht zu lesen, wenn er denn im Herbst endlich in voller Länge veröffentlicht wird. Das ist die Bibel des Klimawandels.
STANDARD: Sie meinen also, dass vieles aus dem Bereich Klimahysterie kommt. Warum kommt es überhaupt dazu?
Böhm: Nun, ich gehöre nicht zu den Klimaskeptikern, die sagen, dass dies alles von Umweltschutzorganisationen gesteuert ist. Es ist aber ein Irrtum, zu glauben, dass man etwas erreichen kann, weil viele Übertreibungen dargestellt werden, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Damit wird nämlich der gemäßigte Standpunkt leicht angreifbar.
STANDARD: Das heißt?
Böhm: Wir müssen uns von der Hoffnung verabschieden, dass geringe Reduktionen des Treibhausgas-Ausstoßes bereits einen Effekt haben. Und - um beim Beispiel Bangladesch zu bleiben: Mich stört, dass die Prognose der riesigen Überschwemmungen in diesem Land derzeit nur für eine Propaganda-Maschinerie verwendet wird - als Argument dafür, dass künftig weniger Treibhausgase emittiert werden müssen. Bei 30, 40 Zentimeter Meeresspiegel-Anstieg muss etwas getan werden. Die Niederlande oder Hamburg haben die finanzielle Potenz, sich höhere Dämme zu bauen - für Bangladesch braucht es internationale Solidarität.
(Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 5. 2007)
Zur Person
Reinhard Böhm (59) studierte Meteorologie und Geophysik an der Universität Wien. Er ist Mitarbeiter der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien, zuständig für Klimageschichte und -schwankungen. Der US-Autor Michael Crichton hat in seinem Thriller-Bestseller "Welt in Angst", bei dem es um den Klimawandel geht, ungefragt aus einer Arbeit des Klimatologen "Reinhard Boehm" zitiert.