"Smokealarm" am Krankenbett

19. Dezember 2007, 13:26
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Ein "dirty corner" im Spital, ein heimliches Rauchkammerl - Wie halten es Gesundheits­berufe mit dem Laster? Walter Dorner, Präsident der Ärztekammer für Wien, im Interview

Ärzte sollten beim Nichtrauchen prinzipiell mit dem besten Beispiel vorangehen, allerdings sind sie auch nur Menschen. Walter Dorner, Präsident der Ärztekammer für Wien sieht die Sache realistisch. Auch Menschen in Pflegeberufen machen sich für ihn nicht gut als Raucher. Im Gespräch mit derStandard.at sieht er genug Angebote zum Rauchausstieg und unterstützt ein Rauchverbot in der Gastronomie mit vollen Kräften. Die Fragen stellte Andrea Niemann.

derStandard.at: Mediziner, Krankenschwestern oder Therapeuten rauchen, laut WHO Studie, wie alle anderen auch. Warum sind Menschen in Gesundheitsberufen genauso "suchtanfällig"?

Dorner: Weil auch wir Menschen sind und über dieselben Eigenschaft verfügen wie alle anderen. Ärzte und Schwestern sind keine "Wunderwuzzis". Sie können genauso wenig wie andere Menschen über den See Genezareth gehen, ohne zu ertrinken. Wir sind genauso anfällig für alle Verlockungen der modernen Gesellschaft.

derStandard.at: Sollten Ärzte eine Vorbildwirkung haben?

Dorner: Auf jeden Fall. Ich glaube auch, dass Ärzte schon aufgrund ethischer Gründe sich bemühen sollten, die gesundheitsschädlichen Einflüsse des Rauchens auch wirklich glaubhaft den Menschen näherzubringen. Sie sollten daher auch mit gutem Beispiel voranschreiten.

derStandard.at: Wie sieht es im Krankenhaus aus? Wo raucht da das Personal?

Dorner: Wenn ein Krankenhaus sich als "rauchfrei" bezeichnet, muss es auch rauchfrei sein. Daran muss sich das Personal genauso halten wie die Patienten und zum Raucherpoint, den "dirty corner", gehen. Dass auf bestimmten Stationen so genannte "Raucherzimmerln" eingerichtet werden, geht auf keinen Fall.

derStandard.at: Und wie ist die Situation in Pflegeheimen, Ordinationen oder Tagesambulanzen?

Dorner: In Ambulanzen darf man sowieso nicht rauchen, weil dort grundsätzlich ein Rauchverbot herrscht. In Pflegeheimen ist das Problem ein anderes: Hier geht es nicht um die Pfleglinge, sondern ums Personal. Und da glaube ich schon, dass das Personal wirklich mit gutem Beispiel vorangehen und nicht rauchen sollte, denn die Pfleglinge sind aus einem bestimmten Grund im Heim. Sie leiden meistens schon an genügend Schädigungen, und wenn sie sich dann noch in verrauchter Atmosphäre befinden, wird die Lungenfunktion noch schlechter und alle Krankheiten, die sie haben, werden noch potenziert.

derStandard.at: Im Jahr sterben 14.000 Menschen in Österreich vorzeitig an den Folgen des Rauchens. Welche Zielsetzung hat die Ärztekammer im Kampf gegen die Nikotinsucht?

Dorner: Erstens gibt es wirklich gute Entwöhnungsprogramme, die wir voll unterstützen, und dann werden auch Ausbildungskurse für jene Ärztinnen und Ärzte angeboten, die bereit sind, die Menschen zu begleiten, damit sie von ihrer Sucht wegkommen.

derStandard.at: Welche Maßnahmen und Anreize bietet zur Zeit unser Gesundheitssystem zum Aufhören an?

Dorner: Genügende. Es gibt so viele Angebote, was man alles tun kann. Aber das Wichtigste ist, dass in den Köpfen der Menschen der Schalter umgelegt wird und sie erkennen, dass sie, wenn sie älter werden wollen, schon frühzeitig anfangen müssen, jene Maßnahmen auszuschalten, die ihnen das Älterwerden letztendlich vermiesen und abkürzen.

derStandard.at: Welche Form des Entzugs halten Sie für sinnvoll?

Dorner: Es ist so: Ein Raucher muss von einem Tag auf den anderen aufhören. Er muss die Willens- und Entschlusskraft besitzen, zu sagen, jetzt mache ich Schluss mit dem Rauchen. Das ist das oberste und erste Gebot. Alles andere, was wir Ärztinnen und Ärzte und alle anderen Menschen aus seiner Umgebung tun können, ist, ihn zu unterstützen.

derStandard.at: Ein besonderer Aspekt der Raucherdiskussion ist das Passivrauchen. Der Österreichische Lungenverband spricht sich aufgrund der Toxizität des Passivrauches für ein Rauchverbot in der Gastronomie aus. Wie steht die Wiener Ärztekammer dazu?

Dorner: Ich unterstütze ein Rauchverbot in der Gastronomie mit ganzer Kraft, denn ich sehe nicht ein, dass sich die Bediensteten einem zusätzlichen Gesundheitsrisiko aussetzen müssen. Schließlich bekommen auch Schwerarbeiter, die in Staubatmosphären arbeiten, Schutzmasken und müssen ihre Pausen einhalten. Da fordere ich das gleiche Recht für alle ein, damit hier der Mensch geschützt wird. derStandard.at: Warum ist in Österreich das generelle Rauchverbot in Gastronomiebetrieben so schwer durchzusetzen?

Dorner: Weil es eben Österreich ist, und da ist alles schwierig, was die Bequemlichkeit des Menschen betrifft.

derStandard.at: Macht es Sinn, als Raucher regelmäßig zum Lungenfunktionstest zu gehen?

Dorner: Das würde ich auf alle Fälle als sehr sinnvoll bezeichnen. Vor allem, weil wir ja wissen, dass Rauchen Asthma und andere Lungenerkrankungen noch verstärkt.

derStandard.at: Sind Sie Raucher?

Dorner: Ich habe nie Zigaretten geraucht. Wenn ich geraucht habe, dann war das hin und wieder eine Zigarre, und das auch nur wegen des Geruchs und des Genusses, aber nicht wegen der Gier nach dem Nikotin. Jetzt rauche ich auch keine Zigarren mehr, in erster Linie, weil man viel Zeit dazu benötigt. Die Zigarettenraucher verleitet es deshalb zur Sucht, weil sie sich die Zigarette schnell anzünden und – zackzack – ist es auch schon wieder vorbei. Das Zigarrenrauchen ist eine Zeremonie, das braucht Zeit.

  • Walter Dorner ist Präsident der Ärztekammer für Wien
    foto: ärztekammer für wien/gregor zeitler

    Walter Dorner ist Präsident der Ärztekammer für Wien

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