Veteranen des eigenen Lebens

2. April 2008, 18:43
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Das erfolgreiche Finale des donaufestivals mit neuem Material alter Bekannter wie Gang Of Four oder Throbbing Gristle

Das zweite Wochenende des donaufestivals in Krems brachte neben alten Helden aus der Musikgeschichte mit reifen Neusichtungen des eigenen Werkkatalogs vor allem auch jede Menge menschenverachtende Lautstärke.


Krems - "History\s not made by great men." Dass sich mitunter selbst die Vergangenheit ändert, zeigen vier ältere Herren aus Leeds. 30 Jahre nach ihrer Gründung und drei Jahre nach ihrer Wiederauferstehung in Originalbesetzung schafften es Gang Of Four mit ihrem kommerziell immer unbedankten, stilistisch in der Musikgeschichte allerdings angesichts tausender nachfolgender Epigonen unfassbar wichtigen weißen Polit-Funk mit Alben wie Entertainment und heutigen Klassikern wie "Not Great Men" oder "I Love A Man In A Uniform" das erste Mal nach Österreich. Und sie betrieben mit der rüstigen Neusichtung ihrer alten Alben zwar nicht unbedingt Geschichtsbegradigung.

Im auch schon wieder länger dauernden Zeitalter der copyrightlosen Verfügbarkeit von Fremdideen für eigene künstlerische Zwecke ist es schließlich auch nur würdig und recht, wenn hier bei Gang Of Four auf hohem Niveau ein Veteranentum des eigenen Lebens gefeiert wird. Dieses wird von den diversen Franz Ferdinands dieser Welt heute ohnehin gewinnbringender, allerdings auch ohne erwähnenswerte Eigenleistung an den Konsumenten gebracht.

Da ist es nur legitim, wenn sich die alten Meister des "radical chic" und marxistischen Disco-Punk vor dem nächsten Vorruhestand auch selbst in der Schublade mit dem wahren Arbeitslohn bedienen: "We live as we dream, alone". Großes Konzert. Tags darauf beim "Trobbing Gristle Project" hatte die Zukunft dann, wie überhaupt bei der Programmierung des donaufestivals, ebenfalls schon vor drei Jahrzehnten begonnen.

Throbbing Gristle, die Band, die Ende der 70er-Jahre die Musik mit radikaler Konzept- und Performancekunst und visueller wie über die menschenverachtende Lautstärke gefahrener Schocktaktik zu einem Endpunkt jenseits ihrer afroamerikanischen Wurzeln brachte und zwischen repetitivem Fließband-Sound und weißem Rauschen wirklich unangenehm wurde, legten gerade mit "Part Two - The Endless Not" wieder ein erstes Album nach ihrer Auflösung 1981 vor. Und Teile dieser nahtlos an die frühere Brutalästhetik der von Throbbing Gristle begründeten "Industrial music for industrial people" anschließenden Arbeit inklusive älterer Titel wurden mit Extremlautstärke auch an die Wand gefahren. Die Quellen dieses mit Furor erzeugten strukturierten Lärms auf der Suche nach dem Hörsturz mögen nicht mehr alte Bandmaschinen und Keyboards sein, sondern Laptops.

Genesis Breyer P-Orridge, der Mann, der sich in den 90ern chirurgisch zu einem Zwitterwesen nach dem Vorbild seiner Lebensgefährtin designen ließ und damit auch die Genderproblematik zu einem künstlerisch radikalen Endpunkt brachte, verzichtete allerdings auf das Gebrüll der frühen Jahre. Hier wurde zwischen einem infernalischen Wall-of-Sound dann auch gesungen, der frühere Lärmterror und dessen unwiederbringliche Höhepunkte zu einem "abgeklärten" Alterswerk gebogen, das mitunter sogar versöhnliche Zynismen zwischen Technoblues und Ambient-Jazz zulässt.

Film-Improvisation

Dass Throbbing Gristle auch subtil mit ihrer einst postulierten "Anti-Musik" umgehen können, stellten sie später in der Messehalle unter Beweis. Gemeinsam mit einem Chor improvisierte das Quartett, das noch nie einen Proberaum von innen gesehen hat, konzentriert einen Live-Soundtrack zu Derek Jarmanns Film In The Shadow Of The Sun. Viel Raum für den Chor. Nur gelegentlich ein akustischer Vorschlaghammer. Anders als zuvor Multimedia-Künstler Phill Niblock, der mit Musikern ebenfalls sein vorwiegend aus Alltagsszenen in Dritte Welt Ländern bestehendes Filmmaterial mit einem auf einem Einzelton beruhenden Dröhnen behübschte, konnte vor allem auch das Ensemble Zeitkratzer begeistern. Dieses testete Volksweisen aus dem Donauraum mit den Mitteln der klassischen Moderne auf ihre Belastbarkeit und sorgte mit Spielwitz für humoristische Einsprengesel in diesem grimmigen Programm.

Zur Hölle

Wirklich finster wurde es bei Alan Vega, dem Ex-Sänger des Duos Suicide, das Ende der 70er mit Keyboards und Drumcomputern die Mythen des Rock\n\Roll zur Hölle jagte. Nach mediokren Soloarbeiten und einem Reserven raubenden Lebensstil hat sich Vega nicht nur auf "Station" mit lieblosem Elektronikrock ins Aus musiziert. Auch der hektische Auftritt konnte von der einstigen Kunstgröße nur eine zarte Ahnung geben.

Neben einem etwas ratlos machenden Auftritt des Experimentalrockers Yamatsuka Eye, der mit drei Schlagzeugern und einer Wand aus mit Schlagzeugstöcken bearbeiteten Gitarren alte Taiko-Musik mit Gebrüll Richtung Wahnsinn deutete, beendete schließlich das Duo KTL dieses lange Wochenende mit Gitarre und Laptop. Es verschob mächtige Soundblöcke zwischen Todesmetall und Experimentalelektronik und erreichte den Lautstärkerekord des heurigen donaufestivals. Das passte ja auch zur Programmierung: Alte Leute hören oft schlecht. Nächste Jahr bitte wieder mehr Zukunft. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.5.2007)

  • Die Formation Throbbing Gristle erinnerte auch an die Brutalästhetik ihrer frühen Jahre.
    foto: heartfield

    Die Formation Throbbing Gristle erinnerte auch an die Brutalästhetik ihrer frühen Jahre.

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