Österreicher mobiler als bisher vermutet

4. Juni 2007, 14:52
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ÖVP will Ursachen von Übersiedelung zum politischen Thema machen

Wien - Bei Migration denkt man zuerst an die 117.822 Zuzüge (und in zweiter Line an die 68.650 Wegzüge) von Ausländern - nicht aber an die so genannte Binnenmigration. Die Übersiedelung von Österreichern im eigenen Land ist die viel größere Wanderungsbewegung - und sie hinterlässt manche Regionen ausgedünnt.

Auf dieses Faktum weist Fritz Kaltenegger, Direktor des Bauernbundes und Koordinator der ÖVP-Perspektivengruppe "Lebensräume" hin. "Die Österreicher sind mobiler, als wir bisher angenommen haben", kommentiert Kaltenegger die jüngsten Daten der Statistik Austria.

Allein im Jahr 2005 sind 657.833 Menschen innerhalb von Österreich übersiedelt - das sind um 17.000 mehr als noch im Jahr davor. Allein innerhalb der Bundeshauptstadt sind 100.000 Menschen übersiedelt, wobei die Bezirke Neubau und Liesing mit 1,2 und einem Prozent die größten Wanderungsgewinne hatten.

Bauernbündler Kaltenegger - der gebürtige Kärntner wohnt selbst in Wien - sieht die Attraktivität innenstädtischer Räume und eine Anpassung an Bedürfnisse der jeweiligen Lebensalter als wichtige Impulsgeber für die Übersiedelungen: "Ich weiß es als Vater eines 15 Monate alten Kindes - da sucht man den Wohnort danach aus, dass man Kinderbetreuung hat, die halbwegs flexibel ist."

Dies gebe es in dicht besiedeltem städtischem Gebiet und in der bäuerlich geprägten Peripherie, wo jeweils Nachbarn und Verwandte mehr oder weniger organisiert Zeit haben - viel weniger aber in den Speckgürteln der Städte.

Wer selbst berufstätig ist, das hat die Perspektivengruppe bereits ergeben, orientiert sich an einem Maßstab: Alles, was wichtig ist, müsse in 45 Minuten erreichbar sein - das gilt für die meisten Beschäftigten als der längste zumutbare Arbeitsweg für eine Strecke und das gilt auch als Limit für die Erreichbarkeit öffentlicher Einrichtungen.

Dem müsse die Regionalpolitik Rechnung tragen. Dies gelte nämlich in allen Regionen etwa gleich: Auch in den dünner besiedelten Räumen müsste man in einer Dreiviertelstunde zur Post kommen oder einkaufen können. Ist diese Grundversorgung nicht mehr gegeben, dann ziehen die Menschen in andere Regionen.

Dies zeigen auch die von der Statistik Austria ausgewerteten Migrationsdaten. Die Bezirke Lilienfeld (minus 1,4 Prozent), Vöcklabruck (minus ein Prozent), Tamsweg und Perg (jeweils minus 0,9 Prozent) bedürften einer strukturellen Verbesserung, damit die Abwanderung nicht weitergehe. Zum Teil könnten neue Technologien da helfen, sagt Kaltenegger: "Noch immer ist nicht ganz Österreich flächendeckend mit Breitband-Internet ausgestattet - in nicht touristischen ländlichen Regionen ist aber der Breitband-Anschluss eine Frage, ob ein Tal noch attraktiv ist oder nicht."

Die ÖVP solle jedenfalls dieses Thema beachten, denn man könne nicht immer nur Mobilität fordern, man müsse sie auch absichern. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 02.05.2007)

  • ÖVP-Vordenker Fritz Kaltenegger: Bevölkerung wird immer mobiler, Politik muss darauf reagieren.
    foto: standard/robert newald

    ÖVP-Vordenker Fritz Kaltenegger: Bevölkerung wird immer mobiler, Politik muss darauf reagieren.

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