Einengungen und Befreiungen

  • Schlangengöttin aus Kreta
    foto: dabu

    Schlangengöttin aus Kreta

  • Mieder aus dem 17. bis 18. Jahrhundert
    foto: apa/dpa/ timm schamberger

    Mieder aus dem 17. bis 18. Jahrhundert

  • Feste Schnürung, um eine Wespentaille zu erhalten.
    foto: archiv

    Feste Schnürung, um eine Wespentaille zu erhalten.

  • Moderne Mieder aus dem Jahr 2001 von Studentinnen der Modeklasse der Universität für angewandte Kunst.
    foto: apa/gindl barbara

    Moderne Mieder aus dem Jahr 2001 von Studentinnen der Modeklasse der Universität für angewandte Kunst.

Gehobene Brüste und Wespentaille - Schnürbrust, Schoßmieder, Justaucorps - Die Figurbetonung durch das Mieder beginnt bereits in der minoischen Kultur

Das Mieder ist wieder da! Nicht bloß bei den Dessous tritt es verstärkt mit Schnürungen, Ösen und plastischen Versteifungen brusthebend und die Taille betonend als Objekt der Verführung in Erscheinung, auch als modisches Obergewand, manchmal über Blusen oder Shirts getragen, steht es erneut im Trend. Das Mieder, ahd. "muoder", mhd. "mueder", bedeutet "Mutter" bzw. "Leib" und wird auch als Leibchen oder Schnürleib bezeichnet.

Sichtbare Brüste

Bereits in der kretisch-minoischen Kultur (1720 - 1200 v.u.Z.) trugen Frauen der höheren Stände sowie Priesterinnen enge und oft geschnürte Miederleibchen mit kurzen Ärmeln, welche die Brüste frei ließen. Ende des 12. / Anfang des 13. Jahrhunderts kam die körpernahe Form des Kleidoberteils, durch seitliche oder im Rücken gelegte Schnürungen erzielt, wieder in Mode. Diese Silhouette wird als Vorläuferin des Mieders gesehen. Doch richtig ging es erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts weiter, in dem dünne Holzschienen, die sogenannte "Planchette" oder "Blankscheit", unterhalb des Kleideroberteils eingeführt wurden, was natürlich vornehmen Damen vorbehalten war. Doch nicht nur die Frau, auch der modische Mann schnürte seine Taille mit der engen "Schecke".

Schnürbrust und Schnebbe

Die Burgundische Mode des 15. Jahrhunderts brachte die unter dem Kleid getragene "Schnürbrust" als Vorläufer des Korsetts auf. Bald darauf ging man dazu über, das Oberteil vorne aufzuschneiden und mit einer Schnürung und Ärmeln zu versehen. Das Resultat - "Leibchen" genannt - ließ Hemd oder Brusttuch zum Vorschein kommen.

Anfang des 16. Jahrhunderts erfuhr das Mieder in der Hofmode Frankreichs eine Änderung durch die erneute Schließung des Oberteils sowie dessen Wattierung, wodurch die weiblichen Formen optisch untergingen. Darüber hinaus wurde das Mieder mit dem Rock zusammen genäht und blieb bis Ende des 16. Jahrhunderts in dieser Weise verbunden.

Die Spanische Weltmode (1550 - 1620) brachte Neuerungen der Verschlüsse: das "Corp piqué" wurde mit Nesteln, Haken und Ösen geschlossen, aus doppelter Stofflage hergestellt und mit Holz-, Eisen- oder Fischbeinstäben versteift, die in spezielle Absteppungen geschoben wurden. Dabei bildete die Planchette eine tiefe, spitze, sogenannte "Schnebbe". In Italien war diese nicht spitz, sondern abgerundet.

Im Verlauf des 17. Jahrhunderts und bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde das Mieder wieder vom Rock separiert und hatte nun in der Taille herab hängende Laschen, die unter den Rockbund geschoben wurden. Die Schnebbe im Vorderteil und eine breite und lange Lasche im Hinterteil lagen sichtbar über dem Rock. Die Versteifung des zweilagigen Mieders erfolgte vor allem mit eingezogenen Fischbeinstäben.

Schoßmieder und Justaucorps

Während des Dreißigjährigen Krieges gestaltete sich das Mieder wieder lockerer und bequemer. Es erhielt einen angenestelten oder angeschnittenen Schoß, auch Schoß-Mieder genannt, der eine tiefe, abgerundete und reich verzierte Schnebbe aufwies. In der bäuerlichen und kleinbürgerlichen Mode hielt sich das Schoß-mieder bis ins 18. Jahrhundert.

Eine erneute Straffung erfolgte etwa um 1640 mit dem "Justaucorps" (frz. eng am Körper), einem Mieder mit angesetztem Rock, der in Deutschland als "Frauenmieder" gebräuchlich und bis 1690 modern war. Dreißig Jahre später kam der "Manteau", das sogenannte Aufsteckkleid, auf: erneut wurde das Mieder am Rock fixiert, das Oberteil zu einem Dreiecksausschnitt geöffnet und abgesteift.

In der höfischen Rokoko-Mode des 18. Jahrhunderts waren dann zwei Mieder-Modelle en vogue: entweder wurde es mit Fischbein verstärkt und mit Oberstoff überzogen oder der Manteau war vorne geöffnet und von einem mit "Echelles" (Bandschleifen, die nach unten hin kleiner werden) verziertem Stecker ausgefüllt.

Kamisol und Negligés

Nach antikem Vorbild wurden im Directoire (1795 - 1799) und Empire (1800 - 1820) Brustbänder unter der Chemise (Unterhemd) oder ein Leinen-Manteau getragen. Letzteres hielt sich bis ins 19. Jahrhundert als eng anliegendes Miederleibchen, auch "Kamisol" genannt, das später zum "Negligés" wurde und über dem Korsett bzw. anstelle desselben getragen wurde. Erst ab 1820 trug die adelige Frau das separate Korsett, wobei das Oberteil des Kleides auch als stark mit Fischbein verstärktes Mieder gearbeitet sein konnte.

Mit dem Aufkommen des Reformkleides um 1898, den Künstlerkleidern und den "Bloomers", der "türkischen Hose" der US-Suffragette Amelia Jenks Bloomer, galt das Mieder in der Emanzipationsbewegung als einengend, gesundheitsschädlich und immer mehr als verpönt und machte Platz für unversteifte "Reform-Mieder" bzw. Büstenhalter mit Hüftgürteln aus Leinen oder Baumwolle.

Ab dem 20. Jahrhundert wird unter dem Mieder ein leichtes, stark elastisches Korsett mit thermoplastischem Büstenteil verstanden, das seit den 60er-Jahren - auch im Zusammenhang mit 68er-Bewegung und Zweiter Frauenbewegung zu sehen - mehr und mehr aus der Mode gekommen ist. Erst in den späten 80er-Jahren kehrte es zurück, ausgelöst durch den Look von Popstar Madonna, die bei ihren Auftritten vorzugsweise in geschnürten schwarzen Miederoberteilen in Erscheinung trat und damit sowohl auf die neue Dessous-Welle als auch auf das Schnürleibchen als Obergewand Einfluß nahm. (dabu)

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