Die zwei Seiten einer Medaille

15. Oktober 2007, 16:11
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Was macht einer, der sich nicht entscheiden kann, ob er der FH oder der Uni den Vorrang geben soll? Ein Kommentar der anderen von Rafael Rasinger

Na klar: Er inskribiert an beiden Institutionen. Schon seltener der Fall, dass beide Studien beendet werden.

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Jede Entscheidung für etwas ist gleichzeitig auch eine Entscheidung gegen etwas anderes. So auch die Wahl Studierwilliger zwischen einem Fachhochschul- oder Universitäts-Studium.

Eine konservativ geprägte Einstellung sieht die Universität als international bekannte Institution, die sich durch ihre jahrhundertealte Geschichte einen Namen gemacht hat. Progressiv Denkende meinen jedoch, die Uni-Professoren in ihren Talaren symbolisieren die Verstaubtheit der Universität. Nach dem Motto: Große Theorien werden hier zwar geboren, die konkrete Umsetzung in die Praxis ist aber eher an einer Fachhochschule zu erwarten.

Was macht also jemand, der sich nicht entscheiden kann? Er macht beides!

Die FH als erste Wahl

Dieser Jemand meldete sich im Juni 1996 erstmals an der Fachhochschule Technikum Wien zu einem Vollzeitstudium an. Bis zum Tag des Reihungstests wurde gelernt, nachgefragt und gezittert. Nach einem schweißtreibenden Vormittag im EDV-Saal hingen schon bald die Ergebnisse aus: drinnen! Die Hürde überwunden. Das FH-Studium konnte beginnen.

Schon am ersten Tag gab es einen provisorischen Stundenplan. Die Aufregung des FH-Neulings wich durch das professionelle Auftreten vom Studiengangsleiter bei der Einführungsveranstaltung. Im Laufe der Studienzeit vernahm besagter FH-Student die Berichte von überfüllten Uni-Hörsälen mit Genugtuung.

Neben Vorlesungen für 90 Studenten wurden in angenehm kleinen Gruppen von 15 bis 30 Teilnehmern Seminare und Übungen abgehalten.

Die Professoren waren für Anliegen - wie Stoffwiederholungen oder den Vorschlag, Prüfungen in verdaubaren "Häppchen" abzuhalten - erreichbar und zugänglich. Das Einzige, was zu stören schien: "Anwesenheitsliste, bitte!"

Erste Kraftproben

Zwar sorgte die Liste für eine gewisse Besuchshäufigkeit der Veranstaltungen, jedoch war sie für Nebenjobs und studentische Abenteuer ein Störfaktor. Mit studentischen Mitteln versuchte man sich dagegen zur Wehr zu setzen; vor allem wurde argumentiert, dass die rein physische Anwesenheit ihren Zweck wohl kaum erfülle.

Dieser Konflikt trat aber im Laufe des Studiums in den Hintergrund, da durch die Praxisprojekte und Praktika die Eigenmotivation des Studenten im Vordergrund stand.

Und die Kollegen? Von seinem jeweiligen Lehrgang kennt man alle 90 Leute, die 15 aus der Seminargruppe natürlich am besten. So bildeten sich auch seminarübergreifend Lerngemeinschaften und Freundschaften fürs Leben.

Die vier Jahre bis zur Diplomprüfung vergingen dann wie im Flug. Was blieb? Der neue Job war bei fast allen "gebongt": Der Übergang vom Praktikum ins fixe Arbeitsverhältnis oder ein noch besseres Angebot wurde gerne angenommen.

Zwar wurden die Annehmlichkeiten der Fachhochschule durchwegs in vollen Zügen genossen, jedoch fehlte damals etwas: Der Studenteninternetzugang. Also inskribierte man nur dafür auch an der Wirtschaftsuniversität. Dabei nahm dieser Jemand die Atmosphäre der Uni wahr, wurde neugierig.

Geschätzte Flexibilität

Die flexible Stundeneinteilung faszinierte. Und: keine Anwesenheitsliste. Und: So viele Studenten - kaum einen kennt man, der Universitätsbesuch wurde oft zu einem "Meet and Greet" mit flüchtigen Bekanntschaften. Je nach Proseminar war man mit verschiedenen Leuten in unterschiedenen Projektgruppen zusammen. Einzelkämpfer wurde man von selbst, Teamplayer auf Eigeninitiative. Sehr angenehm: Die Stoffaneignung war einem selbst überlassen und anwesenheitsunabhängig.

Spannend wurde es jedes Mal bei Prüfungen: Komplexe Stoffmengen wurden manchmal in großen Hallen abge-fragt - logistisch von den Verantwortlichen professionell durchgeplant. Für den Studenten eine immer wiederkehrende Beweispflicht: Man kann und will an der Universität weiterstudieren.

Wertvolle Soft Skills

Die freie Terminwahl bei Lehrveranstaltungen und Prüfungen war mit Nebenjobs gut vereinbar. Wahrer Kampfgeist bewies sich dann bei der Anmeldung zu gefragten Proseminaren und wichtigen Prüfungen. Diese drohten nämlich innerhalb kurzer Zeit ausgebucht zu sein. Letzter Beweis der Motivation: die Diplomarbeit. - "Welcher Betreuer hat noch Kapazitäten?"

Wer beim Studieneinstieg, keinen Kampf- und Organisationsgeist hatte, bekam ihn während des Uni-Studiums. Soft Skills übrigens, die sich später im Arbeitsleben erfreulicherweise als durchwegs brauchbar erwiesen.

Interessant und nützlich war auch die Vielzahl an Instituten, Professoren und Kollegen, die man in dieser Zeit kennen lernte und die einem im Arbeitsleben immer wieder begegnen.

Nimm zwei!

Wenn man nun diesen Jemand fragt: "Was ist zu bevorzugen?", so gibt es nur eine Antwort: "Beides."

Gut betreut oder gut gekämpft? Strukturiert oder selbstorganisiert? - Es hängt von einem selbst ab, in welchem System man sich wohler fühlt und erfolgreich ist. (DER STANDARD Printausgabe, 28./29. April 2007)

Zur Person
Rafael Rasinger Amilivia (28), wuchs als Sohn einer Spanierin und eines Österreichers in Wien auf. Er schloss sein Technikstudium an der FH im Jahr 2000 ab und legte 2005 den BWL-Abschluss an der WU Wien nach. Rasinger ist Mitbegründer des Alumni-Clubs der FH Technikum Wien und Herausgeber des Clubmagazins "Network". Derzeit ist er stellvertretender Geschäftsführer des Umwelttechnikunternehmens Probig in Oberösterreich.
  • Rafael Rasinger hat sich für zwei verschiedene Hochschulen entschieden.
    foto: standard/klinger

    Rafael Rasinger hat sich für zwei verschiedene Hochschulen entschieden.

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