"Sie studiert, geht fort, so wie andere auch"

25. Jänner 2008, 11:17
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Die "Persönliche Assistenz" ermöglicht Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Privat- und Berufsleben

"Ich genieße mein Leben in vollen Zügen", sagt Elisabeth Magdlener, 27. Manchmal gehe sie sogar bis um vier Uhr in der Früh weg, erzählt sie, und grinst dabei Marina Basti, eine ihrer insgesamt sieben Persönlichen Assistentinnen (PA) verschwörerisch an. Die Studentin der Pädagogik, Sonder- und Heilpädagogik ist seit Geburt bewegungsbehindert und benutzt einen Rollstuhl. Nach der Pflichtschule begann sie in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung eine Büroanlehre. "Dort fühlte ich mich ständig unterfordert, ich beschloss etwas aus meinem Leben zu machen", erzählt Magdlener. Sie holte die Matura nach und ging an die Uni. Heute sensibilisiert die Wienerin als Tutorin ihre StudienkollegInnen für das Leben mit Behinderung.

Spaß an der Bewegung

Im Laufe ihres Studiums hat sich Magdlener auf "Subjektive Anatomie" spezialisiert. "Im Gegensatz zu klassischen Therapieansätzen, wo es zu einem großen Teil darum geht, Bewegungsabläufe funktional zu trainieren, als Versuch Behinderung wegzumachen oder weitgehend zu eliminierten, lehrt die 'Subjektive Anatomie', den eigenen Körper als dynamisches und sich entwickelndes System, als inneren Erlebensraum zu erfahren und daraus eine freudvolle Empfindung zu gestalten - sich ohne Zwang zu bewegen", erklärt sie. Die ausgebildete "Dance- Ability"-Lehrerin möchte nach dem Studium als Beraterin für ebenfalls Betroffene tätig werden. "Menschen mit Behinderung können und wollen genauso leben wie alle anderen Menschen auch, als Frauen, Männer und Liebende, als Arbeitende, Reisende, Eltern und Kinder, nur brauchen wir bei manchen Tätigkeiten persönliche Unterstützung. Die Persönliche Assistenz ermöglicht uns, ein selbstbestimmtes Leben zu führen", sagt Magdlener.

Erfolgsmodell Persönliche Assistenz

In Österreich existieren viele Angebote für Menschen mit Behinderung, diese sind jedoch meist an relativ starre Zeitpläne gebunden. Bedürfnisse und Verrichtungen des täglichen Lebens lassen sich jedoch schwer straffen Zeitplänen anpassen. "Damit Hilfe wirklich die Lebensqualität verbessert, muss sie dann erfolgen, wenn sie benötigt wird", sagt Dorothea Brozek, geschäftsführende Vorständin der Assistenzgenossenschaft Wien (WAG). Die WAG wurde von Betroffenen gegründet, um Persönliche Assistenz (PA) zu organisieren. Mit 1.1.2004 wurde die Richtlinie zur Förderung von PA am Arbeitsplatz erlassen. Sie kann von Menschen im erwerbsfähigen Alter in Anspruch genommen werden, wenn sie in die Pflegestufen 5, 6 oder 7 eingestuft sind und die fachliche sowie persönliche Eignung für den ausgeübten beziehungsweise angestrebten Beruf aufweisen. Begleitung am Weg zwischen Wohnung und Arbeitsstelle, Unterstützung manueller Art oder die Assistenz bei der Körperpflege während der Dienst- und Ausbildungszeit gehören zu den Aufgaben des PA.

Arbeitsplatz Privatsphäre

Entscheidend beim Modell "Persönliche Assistenz" ist die Eigenverantwortung der AssistenznehmerInnen. "Wir suchen uns selbst aus, wer, wann, wo für uns arbeitet", sagt Brozek. Um als PA tätig zu sein, ist keine formale Ausbildung notwendig. "Meine Assistentinnen sind hoch spezialisiert, nämlich auf mich", meint Brozek, die sich selbst als "Behindertenrechtlerin" bezeichnet. "Man muss gut kommunizieren und sich zurücknehmen können und sollte viel Feingefühl besitzen", schildert Bettina Gröbner, eine der PAs Brozeks. Gröbner legt Wert auf die Feststellung, dass sie nach konkreten Anleitungen ihrer Chefin arbeitet und Bevormundungen fehl am Platz seien. "Wenn Frau Brozek kocht und mich anleitet, einen Löffel Salz in die Suppe zu geben, dann mache ich das, selbst wenn die Suppe dann vielleicht versalzen ist", beschreibt Gröbner. "Offiziell wurden Persönliche AssistentInnen in die Verwendungsgruppe drei eingestuft, das heißt, sie verdienen brutto weniger als acht Euro pro Stunde," meint Brozek, die das niedrige Gehaltsschema für PA kritisiert.

Keine Berührungsängste

Marina Basti ist durch ein Inserat auf die Idee gekommen, als PA zu arbeiten. "Ich hatte nie Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderung. Die Arbeit empfinde ich als Bereicherung und wir haben es immer lustig, demnächst fahren wir nach Rom", erzählt die 23-jährige Studentin der Translationswissenschaften. "Sie studiert, geht fort, so wie andere auch", sagt sie über Magdlener.

Assistenz nur am Arbeitplatz finanziert

Derzeit wird PA lediglich für Arbeit und Ausbildung von staatlicher Seite finanziert. "Um wirkliche Chancengleichheit herzustellen, wäre es wichtig, dass PA in allen Lebensbereichen gefördert wird", ist Elisabeth Magdlener überzeugt. Sie ist eine von den wenigen Menschen mit Behinderung in Wien, die an einem Pilotprojekt teilnehmen und Assistenzstunden auch in der Freizeit beanspruchen können. "Das ist super, ich kann meine Hausarbeit selbstständig erledigen oder meinen Eltern auch mal das Essen servieren. Ich kann ihnen jetzt ein stückweit das zurückgeben, was sie für mich alles getan haben", sagt Magdlener. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 30. April 2007)

Service

Die WAG bietet ihre Service in Wien, Niederösterreich und Burgenland an. 190 bei beschäftigte Persönliche AssistentInnen arbeiten für rund 100 KundInnen der Einrichtung.

WAG ? Assistenzgenossenschaft Wien
Modecenterstraße 14
1030 Wien

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WAG

  • Elisabeth Magdlener schätzt Persönliche Assistenz.
    foto: derstandard.at/burg

    Elisabeth Magdlener schätzt Persönliche Assistenz.

  • Marina Basti und Elisabeth Magdlener haben es "immer lustig".
    foto: derstandard.at/burg

    Marina Basti und Elisabeth Magdlener haben es "immer lustig".

  • Dorothea Brozek, geschäftsführende 
Vorständin der Assistenzgenossenschaft Wien.
    foto: wag

    Dorothea Brozek, geschäftsführende Vorständin der Assistenzgenossenschaft Wien.

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