Nachlese 2007: In Bewegung

3. April 2008, 11:01
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Linzer Filmfestival gewinnt Besucher: 120 Spiel- und Dokumentarfilme aus 29 europäischen Ländern verzeichneten 13.000 Besucher in mehr als 100 Kinovorstellungen

Linz - "Ihr Fahrzeug ist in Portugal gemeldet, sie haben einen belgischen Pass und einen deutschen Führerschein - und dann haben sie auch noch zwei verschiedene Adressen." Mancher Europäer ist so flexibel, dass es den Behörden nicht gefällt. Besonders wenn diese ahnen, dass seine Mobilität mit kriminellen Aktivitäten zusammenhängt.

In Pia Marais\ Spielfilmdebüt Die Unerzogenen bezieht sich der Satz also auf einen bestimmten Verdacht. Im übertragenen Sinne wird damit jedoch auch eine (europäische) Daseinsform bezeichnet. Eine, um die sich nicht wenige der dieses Jahr beim Linzer Filmfestival "Crossing Europe" gezeigten Arbeiten drehten und in der sich Erfahrungen mehr oder weniger freiwillig voll-zogener "Freizügigkeit" oder auch brutal erzwungener Ortswechsel bündelten.

So skizziert etwa der Portugiese Hugo Vieira da Silva in Body Rice den Alltag "schwer erziehbarer" deutscher Teenager, die sich an der portugiesischen Küste in der Obhut eines gestrandeten Landsmanns und seines "Projekts" wiederfinden. Body Rice ist dabei weniger sozialrealistische Milieustudie. Der Film erzählt von einer eigentümlichen räumlichen Verpflanzung, die hier mit einem Zustand doppelter sozialer Entrücktheit korrespondiert. Und er tut dies vor allem in Form von szenischen Miniaturen oder beiläufig choreographierten Bewegungen seiner immer halb abwesend wirkenden Figuren durch sorgsam komponierte Tableaus.

Im Kontext des Festivals, welches insgesamt auch heuer wieder mit einer bemerkenswerten Zahl sehenswerter Arbeiten aufwarten konnte, lieferte Hugo Vieira da Silva damit einen der formal profiliertesten Beiträge. Ähnlich seine Kollegin Teresa Villaverde, die in Transe das Martyrium einer Russin behandelte, die Opfer von Frauenhändlern wird. Auch ihr gelingt über weite Strecken eine künstlerisch ambitionierte Auseinandersetzung mit einer konkreten Realität.

Die deutsche Regisseurin Pia Marais schließlich beschrieb vor dem eingangs skizzierten Hintergrund sehr pointiert das Gefühl der Unzugehörigkeit (und die Sehnsucht nach einer bürgerlichen Normalität), mit welchem die halbwüchsige Tochter eines hippiesken Drogendealerpärchens umzugehen hat.

Festivalerfolg

Die Unerzogenen selbst ist als Reisender von Festival zu Festival inzwischen eine kleine Erfolgsgeschichte. Nachdem er bereits die Juroren beim Filmfestival Rotterdam überzeugen konnte, ist er nun auch Gewinner des Crossing Europe 2007 Award European Competition (10.000 Euro). Der Publikumspreis ( 5.000 Euro) ging an Gérald Hustache-Mathieus Avril. Der Local Artist Award wurde an Libertad Hackl für Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin (5000) und an Lukas Marxt und Michael Petri für Nach der Eishöhle (1000) vergeben.

Zum Abschluss der vierten Ausgabe des Festivals, das nicht zuletzt die nach Linz gereisten europäischen Filmschaffenden merklich für sich einnimmt, konnte außerdem erneut ein leichtes Besucherplus verzeichnet werden (13.000 gegenüber 12.000 im Vorjahr). Das nächste "Crossing Europe" wird von 22. bis 27. April 2008 abgehalten. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 30.04.2007)

  • Ra(s)tlos: Céci Chuh als Stevie im Siegerfilm "Die Unerzogenen".
    foto: crossing europe

    Ra(s)tlos: Céci Chuh als Stevie im Siegerfilm "Die Unerzogenen".

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