Kids on TV: "Mixing Business with Pleasure"

14. September 2007, 13:30
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Queer as Pop: Tanzwütiger Agit-Pop aus der schwulen Community für ein globales Publikum

Da gab's mal einen Werbeclip, in dem eine auf bieder getrimmte Kleinfamilie in ihren Kombi steigt, Papi schaltet das Autoradio ein, aus dem dröhnt umgehend im Stakkato I wanna fuck you in the ass!!, alle sehen sich kurz an ... und stimmen auf der Weiterfahrt fröhlich in die Weise ein. - War ein Spot für Sprachkurse, in etwa mit der Philosophie: "Möchten Sie gerne auch verstehen, was Sie so hören?"

Irgendwie taucht die Erinnerung daran jedes Mal wieder an die Oberfläche, wenn im Radio "Breakdance Hunx" läuft. - So erfreulich es auch ist, wenn sich im gesellschaftlich dem 21. Jahrhundert hinterherhumpelnden Österreich ein Song über den Marktwert eines schwanzlutschenden Breakdancers auch fürs Breitenradio eignet - machen wir uns nichts vor, die Ursache fürs Airplay liegt letztlich wohl doch eher im eingängigen "Mussolini"-Sample von DAF, das die Kids on TV in ihr Stück eingebaut haben.

Wobei's gerade auf die Inhalte ankommt, immerhin stellen die Kids aus Toronto eine Agit-Pop-Band im klassischen Sinne dar; ganz ähnlich etwa zu Chumbawamba werden Party-Sounds genutzt, um - I'm sending out a message - Botschaften zu transportieren, im konkreten Fall als Sprachrohr der schwulen Community. Das reicht von Referenzen an Gay Culture-Ikonen wie den Performance-Künstler Keith Cole oder Andy Warhols "Superstar" Holly Woodlawn bis zum konkreten Alltag: "Hanky Code" zum Beispiel dröselt auf, in welche Gesäßtasche man welches Taschentuch zu stecken hat, um damit verschiedenste sexuelle Präferenzen zu signalisieren ... und zwar in Form eines Musik-Quiz' samt hübschem "Tilt"-Laut und kunstvoller "Hätten Sie's gewusst?"-Pause nach jedem Durchgang. Left! Right! skandieren bekommt auf die Art auch gleich ein ganz neues Gesicht.

Musikalisch setzen John Caffery, Wolf und Scott Kerr alias Minus Smile - der eigentliche Kern der Kids on TV - auf eine Hochtempomischung aus Elektro, Funk, HipHop, Disco und Art-Pop. Die Schrei- und Quengel-Raps erinnern heftig an die Beastie Boys in ihrer Rotzlöffelphase ... und ein Stück wie "A Song for Holly Woodlawn" kann man sich ohnedies am besten wie eine gelungene Kreuzung von frühen Beastie Boys und Communards vorstellen (was zumindest zeitlich ja durchaus drin gewesen wäre).

"Are you looking for company? We are the company!"

Auch vom Geist des HipHop wurde aber einiges übernommen, und zwar ganz besonders der Community-Aspekt: Nicht nur dass die Kids on TV weniger als geschlossene Band-Formation antreten, sondern eine Andockstelle für befreundete KünstlerInnen bilden. Sie sind auch bei ihren Live-Auftritten sehr darauf bedacht, die Kluft zwischen Bühnenperformance und Publikum so gut wie überhaupt nur möglich zu überbrücken: mit zahlreichen Call-and Response-Elementen etwa oder gemeinsamen Tanzeinlagen mit ZuschauerInnen.

Ebenso von zentraler Bedeutung für ihre Auftritte ist ein weiteres Element, das wiederum eher der Pop-Art entnommen ist, nämlich die Einbettung des Geschehens in Video- und Filmvorführungen: Roxanne Luchak als einziges weibliches Mitglied der Kerntruppe zeichnet dafür verantwortlich.

Und sollten inmitten der ganzen Atemlosigkeit die melodischen Aspekte mal zu kurz kommen, hilft jederzeit eine freundliche Übernahme - wie eben der "Mussolini". Oder das Roxy Music-Cover "In every dream home a heartache" (auch wenn es eher wie eine Depeche Mode-Parodie klingt). Oder Jermaine Stewarts seinerzeit auf dem Höhepunkt der Aids-Angst entstandenes Keuschheitslied "We don't have to take our clothes off", vorgetragen als schwerlich ernstgemeintes Barbershop Quartet. We could dance and party all night / And drink some cherry wine ist auf Dauer ja auch eine eher blasse Vorstellung vom Paradies ...

"What does money have to do with anything?"

... und die kurzfristige Vertreibung aus einem ebensolchen wurde heuer zu einem ungeahnten, wenn auch unerbetenen PR-Erfolg: Im März wurde den Kids on TV ohne Begründung ihre MySpace-Seite abgedreht - was diese aber nicht einfach hinnahmen, sondern statt dessen gemeinsam mit den Chicks on Speed, auf deren Label "Mixing Business with Pleasure" erschienen ist, eine Diskussionsplattform über schwulen- und lesbenfeindliche Zensur auf MySpace einrichteten. Als das Thema schließlich vom Netz auch auf die Printmedien übersprang, war die Seite - wuppdich! - wieder da.

Zurück blieben: Ein Popularitätsschub für die Kids on TV, eine satte Blamage für MySpace ... und die immer wieder hilfreiche Erinnerung daran, dass Dinge wie MySpace, Google oder eBay nicht einfach frei verfügbare Naturressourcen sind, sondern Unternehmen mit keineswegs immer einsichtigen Motiven und Kommunikationsstrategien dahinter stecken. Vergisst man vor lauter Alles-ist-verfügbar-Euphorie doch so gerne.... (Josefson)

Links

  • Kids on TV: "Mixing Business with Pleasure" (Chicks on Speed Records/Soulseduction 2007)
    coverfoto: chicks on speed records

    Kids on TV: "Mixing Business with Pleasure" (Chicks on Speed Records/Soulseduction 2007)

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