"Was ich schreibe, bin ich nicht"

28. April 2007, 09:29
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Literatur­nobelpreisträger Imre Kertész zu Gast im Wiener Konzerthaus: Im STANDARD-Interview spricht er über Autobiografie, Fiktion, Überleben und Schicksallosigkeit

In seinem jüngsten Buch "Dossier K." befragt sich der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész zu seinem Leben, am Freitag las er im Wiener Konzerthaus daraus.

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STANDARD: "Dossier K." ist mit "Eine Ermittlung untertitelt. Der Fragende in diesem platonischen Dialog wirkt aber wie ein Freund, nicht Ermittler.

Imre Kertész: Es ist eine Analyse vom Leben – das scheint mir eine Ermittlung zu sein. Ich hätte nie eine Autobiografie in Prosa geschrieben. Diese Dialogform hat mich befreit. Unbewusst habe ich so die Gattung gefunden, in der ich mich sprechen kann. Ich kann nicht auf ein Band sprechen – ich kann mit mir selbst sprechen. Den Dialog der beiden habe ich wie ein Dritter geschrieben. Ich bin zurückgetreten, wie beim Pingpong, ich musste nur dafür sorgen, dass die Bälle spielen können.

STANDARD: "Nur wenn unsere Geschichten erzählt werden, können wir erfahren, dass sie zu Ende sind." Der Satz ist aus "Liquidation". Schreiben Sie sich los von der Vergangenheit?

Kertész: Nein. Wenn man anfängt, zu schreiben, betritt man eine Fiktionswelt. Leben ist das eine, Schreiben etwas anderes. Beides hat eigene Gesetze. Wenn man schreibt, lebt man auf einer höheren Stufe. Das ist bei mir sehr bewusst, weil ich habe über Sachen geschrieben, die eigentlich nicht zu beschreiben sind. Bei meinem ersten Roman war die Form zum Schreiben gut. Aber ich war nicht der, der in dem Roman spielt. Das ist Sprache. Und das Leben ist Leben.

STANDARD: Und wird von Fiktion bestimmt?

Kertész: Fiktion war es auch, als ich mich entschieden habe, Schriftsteller zu sein – das hatte überhaupt keinen Grund. Kein Warum. Ja, Fiktion hat mein Leben bestimmt. Alles.

STANDARD: Im "Dossier K." gibt es eine lange Diskussion über Fiktion und Autobiografie, wo Sie auf der Fiktion bestehen, Ihr Leben aber als Rohstoff Ihrer Romane sehen. Die Fiktion macht den Schliff aus?

Kertész: Wenn man eine Autobiografie schreibt, denkt man, man müsse der so genannten Wirklichkeit treu sein. Für mich wäre es falsch, alles so zu beschreiben, wie es war – das kann ich nicht. In der Fiktion kann man eine höhere Treue finden. Man kann das alles nicht noch einmal erleben. Man erlebt, man denkt daran, man setzt sich an den Tisch und fängt an, zu schreiben.

STANDARD: Sie schreiben im Dossier weiter, man könne nur aus der Fülle der Energien, aus Lust schreiben. Das ist bei Ihrem Leben schwer vorstellbar.

Kertész: Was ich da mache ist Kunst. Und Kunst macht Freude. Ich durchschaue eine Situation und beschreibe sie mit heißer Flamme in den Worten – das ist Literatur, und das macht mich glücklich.

STANDARD: Beim Lesen geht man bei den Figuren immer von Ihnen aus – ist das gewollt?

Kertész: Ich weiß es nicht. Was ich schreibe, bin ich nicht. Das ist nur eine Möglichkeit meines Ichs. Die Spannung zwischen mir und dem Papier ist der Reiz zu schreiben.

STANDARD: Und zu reflektieren.

Kertész: Wenn ich Dinge beschreiben kann, verändert mich das. Ich werde groß dadurch. Ich vergesse das Originalerlebnis nicht, aber es ist wird irgendwie anders. Das ist auch der Grund, wie ich von grausigen, schwierigen Situationen weiterkomme, dem Konzentrationslager – das wäre alles unmöglich, ohne zu schreiben. Das ist das System, wie ich weiterleben kann.

STANDARD: Die Kunst entsteht in keinem harmonischen Umfeld.

Kertész: Seit Auschwitz wissen wir, dass die Welt nicht harmonisch ist. Der Grundbass der Literatur ist die Kultur selbst. Ein Konsens über Werte. Wenn einer im Barock "gut" oder "böse" sagte, wussten alle, was er meinte. Jetzt haben die Begriffe ihre Einheit verloren.

STANDARD: Einer dieser Begriffe ist "Anstand".

Kertész: Der Junge im Roman eines Schicksallosen ist nicht geflohen, als er die Möglichkeit hatte. Aus Anstand. Atonale Prosa, wie mir das da gelungen ist, lässt den Leser nicht mit der Welt Freundschaft schließen. Die Welt ist, wie sie ist, aber wenn ich in ihr Harmonie suche, lüge ich.

STANDARD: Sie beschreiben ein kindliches Urvertrauen an das Gute, das Sie gerettet hat.

Kertész: Weltvertrauen. Das Wort habe ich von Jean Améry. Als er im Gefängnis gefoltert wurde, hat er sein Weltvertrauen verloren. Er konnte von da an seine Mitmenschen nur noch als Gegenmenschen sehen. Eine Einsamkeit.

STANDARD: Ein Kind behält das Vertrauen?

Kertész: Ja, auch nach schweren Erlebnissen. Ich habe es so erlebt. Ich kann mir aber auch vorstellen, wie Améry den Selbstmord wählte. Viele, die im Konzentrationslager waren, haben das getan. Tadeusz Borowski, Primo Levi.

STANDARD: Schicksallosigkeit kommt bei Ihnen oft vor, auch dass der Überlebende keine tragische, sondern eine komische Figur sei, eben weil er kein Schicksal mehr habe. Was ist Schicksal in einer Diktatur, von der man determiniert wird?

Kertész: Das Novum im 20. Jahrhundert ist die totale Diktatur. Die als große Übermacht alles, jede Verantwortung übernimmt. Das sind neue Menschen. Täter oder Opfer ist man nicht von selbst. Man ist geboren, zu leben und zu kämpfen. Die Diktatur hat aber die Menschen deformiert.

STANDARD: Was passiert dann, wenn die Diktatur vorbei ist?

Kertész: Nach der Wende können Sie sehen, wie fremd einige Leute ihr Leben in der Diktatur sehen, diesen Vorgang. Am Ende, und das ist das Furchtbare, ist eine Diktatur eine geschlossene Welt – und wenn das zerbricht, will man nicht akzeptieren, was man war. "Das hat das System mit mir gemacht": Man fühlt sich nicht verantwortlich.

STANDARD: Ist es denn anders?

Kertész: Wenn ein Überlebender seine Teilnahme an diesem Vorgang akzeptieren kann, wenn er das aussprechen darf, dann ist er frei. Der Junge im Schicksallosen hat Auschwitz überlebt, und als er das individualisieren will, trifft er auf Ablehnung durch die Gesellschaft, die sich unschuldig sehen will.

STANDARD: Und das Opfer als Opfer sehen will?

Kertész: Die Rollen Opfer und Täter, da ist nichts klar. Es würde klarer werden, wenn einer sagen darf: Ich habe mitgemacht. Nicht als Nationalsozialist oder Kommunist – aus Not, weil ich sonst nicht überleben hätte können.

(Isabella Hager / DER STANDARD, Printausgabe, 27.04.2007)

Zur Person:
Imre Kertész wurde 1929 in Budapest geboren. Mit 14 Jahren wurde er nach Auschwitz deportiert, später nach Buchenwald, wo er 1945 befreit wurde.
Er kehrte nach Budapest zurück, schloss die Schule ab und begann für die Tageszeitung Világosság zu schreiben, die allerdings bald zum Parteiorgan der Kommunisten wurde. Nachdem er den Militärdienst abgeleistet hatte, versuchte Kertész, sich in den 50er-Jahren mit Libretti für Musicals und "seichten Komödien" über Wasser zu halten. Parallel schrieb er bereits an seinem ersten, bis heute bekanntesten Roman eines Schicksallosen, in dem er das Überleben eines Knaben im Konzentrationslager beschreibt. Der Roman wurde zuerst abgelehnt, 1975 zwar doch gedruckt, entsprechende Anerkennung erhielt er erst zehn Jahre später in einem liberaleren politischen Klima Ungarns.
2002 wurde Kertész mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Vor Dossier K. erschien auf Deutsch zuletzt der Roman Liquidation, in dem Kertész die problematische Existenz eines Schriftstellers unter den Bedingungen der Diktatur beschreibt. Er lebt heute in Budapest und Berlin. Ab und zu "komponiert" er musikalische Lesungen mit den Pianisten András Schiff oder, wie auch diesen Freitag im Konzerthaus, mit Pierre-Laurent Aimard.
  • "Wenn ich Dinge beschreiben kann, verändert mich das. Ich werde groß dadurch."
    foto: heribert corn

    "Wenn ich Dinge beschreiben kann, verändert mich das. Ich werde groß dadurch."

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