Mstislaw Rostropowitsch 1927–2007

30. April 2007, 10:01
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Der russische Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch starb am Freitag 80-jährig nach langer, schwerer Krankheit

Der musikalische Universalgelehrte war einer der großen Instrumentalisten der Klassikszene, aber auch ein Advokat der Demokratisierung.

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Moskau – Genialische PR-Strategen hätten den Auftritt nicht eleganter planen können, doch war der Auftritt – ein Kunstwerk aus richtiger Zeit und richtigem Ort – alles andere als eine kalkulierte (Selbst)-Inszenierung, vielmehr ein Akt des Feierns mit barocken Mitteln als Herzensangelegenheit: Am 11.November 1989 spielte ein euphorisierter, spontan aus Paris angereister älterer Herr in Berlin-Kreuzberg an der Graffiti-verzierten Mauer auf seinem kostbaren Cello Fröhliches von Johann Sebastian Bach; Mstislaw Rostropowitsch gab ein Straßenkonzert; es galt "Gott zu danken" und ein Zeichen der Freude zu setzen – die Mauer war gefallen.

Dass der 1927 im aserbaidschanischen Baku Geborene diese Aktion von der westlichen Seite der Mauer aus absolvieren musste, lag an den Folgen jenes Humanismus, dessen Umsetzung für Rostropowitsch nach seinen Worten eine Selbstverständlichkeit war, letztlich aber auch die sowjetische kulturelle Galionsfigur unweigerlich in einen Konflikt mit dem sowjetischen System verstricken musste. Einen Musiker, der es nicht als größte aller Strafen empfand, Russland bisweilen nicht verlassen zu dürfen – einen, der viel mehr darunter litt, nicht nach Russland zurückreisen zu können.

Er musste die Erfahrung machen. Nachdem er sich in einem offenen Brief für den systemkritischen Alexander Solschenizyn eingesetzt und diesem vier Jahre lang in seiner Datscha beherbergt hatte, begannen Repressalien. Rostropowitsch wurde isoliert, musste emigrieren, und 1978 entzog man ihm die Staatsbürgerschaft. "Slawa" wurde ein bisschen unfreiwillig, aber dann doch mit voller Kraft zum Dissidenten.

Spät zum Cello

Es hätte dieser "Story", die ihm die Schweizer Staatsbürgerschaft eintrug, nicht bedurft, um Rostropowitsch, der mit Klavier begonnen hatte, "erst" mit acht zum Cello kam und mit 13 erstmals öffentlich auftrat, zum globalen Star zu machen. Man wusste im Westen längst von seinen Fähigkeiten: Am Cello setzte er auf vitale Sanglichkeit, die alle technischen Möglichkeiten delikat in den Dienst einer großen Bandbreite des Ausdrucks zwischen Poesie und Attacke stellte. Seinen expressiven, aufgeladenen Zugriff setzte er auch als Dirigent um. Obwohl an diesem Beruf immer schon interessiert, aber eigentlich erst ab 1968 und letztlich etwas weniger brillant als im Instrumentalen. Für seine Frau, die Sopranistin Galina Wischnewskaja, einst Primadonna des Bolschoi-Theaters, war er indes ein tiefsinniger Klavierbegleiter.

Viele Neuheiten

Es bedurfte allerdings dieser Vermischung von Musikfähigkeit, später Politisierung samt Repression wie "Slawas" alles überflutender Herzlichkeit, um aus Rostropowitsch einen rastlosen Mix aus musikalischem Universalisten und menschlichem Weltbürger zu machen. Er wurde eine Art Leonard Bernstein mit Heimweh, sammelte russische Antiquitäten; er wolle, nach Reisen wieder in seinem westliches Domizil, das Gefühl haben, nach Russland zurückzu- kehren, so Rostropowitsch einst...

Nachhaltig wirksam aber auch sein lebenslanger Einsatz für die Moderne: Im Laufe seiner Karriere hat Rostropowitsch an die 200 Kompositionen uraufgeführt – allein für Cello waren es an die 120. Als Freund von Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch, Sergej Prokofjew oder Alfred Schnittke wirkte er animierend im Sinne der Repertoire-erweiterung. Auch Benjamin Britten, Leonard Bernstein oder Pierre Boulez schrieben Stücke für ihn. Selbst in Wien hob er eine Neuheit aus der Taufe, an der Wiener Staatsoper dirigierte er die Uraufführung von Schnittkes Gesualdo und leitete auch die Premiere von Brittens Peter Grimes.

Da war er längst wieder im Besitz der russischen Staatsbürgerschaft, hatte die Rückkehr in sein Land vollzogen, wie auch jenen wieder symbolhaften "Straßeneinsatz" 1991, in jenen drei Tagen, als vergeblich gegen Gorbatschow geputscht wurde und Rostropowitsch mit Boris Jelzin auch im belagerten Regierungssitz ausharrte. Ein Leben, in dem sich das musikalische wie das politische 20. Jahrhundert spiegelt, ist nun zu Ende gegangen. Der russische Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch ist am Freitag in Moskau im Alter von 80 Jahren an den Folgen eines Lebertumors gestorben. (Ljubiša Tošiæ / DER STANDARD, Printausgabe, 27.04.2007)

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    Die ganze Lebensenergie im Dienste von Tönen und Zeitgenossen: der russische Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch.

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