der schönste Tag der Woche: gestern, heute ist dein Tag, morgen

28. April 2007, 00:00
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Es ist nicht leicht, beim Zuruf "Heute ist dein Tag!" die Kurve zu kratzen, weiß einer, der sich den philosphischen Grundfragen des Lebens stellt

Beginnen wir diese Kolumne mit einem philosophischen Problem: Wenn Sie vor einem Geschäft mit dem Schild "Heute geschlossen" stehen und am nächsten Tag dieses Schild immer noch dort hängt, heißt das dann, dass "heute" gleichzeitig "morgen" ist? Und besteht ein Unterschied zwischen dieser Formulierung und der ebenfalls beliebten Schilderaufschrift: "Ab morgen geöffnet", obwohl man weiß, dass "morgen" nie und nimmer geöffnet sein wird? Auf diese Problematik wurde ich verwiesen, als ich unlängst durch Wien spazierte und ein Plakat mit der Ankündigung der neuen CD des Schlagersängers Stefan Gwildis erblickte, deren Titel einen zur schieren Verzweiflung treiben kann:

"Heut ist der Tag." Aber wann, um Himmels willen, ist dieser Tag, wenn "heute" gleichzeitig "gestern" und "morgen" sein kann?

Auch wenn wir nie eine Antwort auf die Frage bekommen werden, wann "heute" ist, so wissen wir wenigstens, was heute ist, nämlich eine Gratiszeitung mit kuriosen Beiträgen. Vor ein paar Tagen zum Beispiel lautete deren Schlagzeile:

"Jagd auf Bin Laden: Unsere Polizei hilft!" Untertitel: "US-Terrorfahnder holen sich in Wien wertvolle Ratschläge." Die Frage ist nur, wo? Im Bioladen um die Ecke? Oder in der Neubaugasse, wo zwischen 8.00 und 10.00 Uhr Lieferanten ihre Autos in zweiter Spur parken und hinter den Windschutzscheiben massenweise Zettel mit der Mitteilung "Bin laden" stecken?

Sonderbares konnte man vor Kurzem auch in einem Gratisblatt namens Weekend-Magazin lesen: Obwohl ja allgemein bekannt ist, dass das "Herzstück" der ORF-Reform nur noch durch eine Herztransplantation oder mehrere Bypässe zu retten ist, berichtete dieses Magazin just an jenem Tag, an dem nur noch 130.000 Leute dieses Zerrbild des Grauens sehen wollten, über "den gelungenen Start ins neue Daily-Soap-Zeitalter des ORF". Dazu erschienen Fotos mit Kommentaren wie: "Die versammelte Crew beim lustigen Posieren." Auf dem Foto waren dann ausgewachsene Kabarettisten und deren Kinder zu sehen, die Gesichter schnitten. Selten so gelacht. Ich habe mir bisher circa drei Minuten dieser Sendung angesehen und danach gereimt: "Lieber im Gefängnis schmachten, als ‚Mitten im Achten‘ betrachten." Dass die Gratiszeitungsmacher generell humorvoll sind, beweist auch ein Blatt, das den schlichten Titel Österreich trägt. In dieser Zeitung konnte man kürzlich in einem Beitrag über Mindestlöhne lesen:

"Ebenfalls nur rund 905 Euro Mindestgehalt gibt es für Schumacher." Jetzt verstehe ich, weshalb der ehemalige Formel-1-Pilot wieder Gokartrennen fahren muss. Mit 905 Euro im Monat kommt man ja wirklich nicht weit, noch dazu, wenn man in einer Villa am Genfer See wohnt, für die ja sicherlich auch Betriebskosten anfallen. Aber Michael Schumacher könnte ja ab sofort für Österreich – sozusagen im Pfusch – eine Kolumne mit dem Titel schreiben: "Wie ich als Mindestlohnbezieher jede Kurve kratze und trotzdem über die Runden komme." Allerdings würde Schumacher bald merken, dass es gar nicht so leicht ist, am Ende einer Kolumne von der Formel1 zur Meuterei auf der "Bounty" zu kommen, die ja am 28. April 1789, also vor genau 218 Jahren, stattgefunden hat. Aber sehen Sie, so schnell kann es gehen, und schon hat man einen Schlusssatz, in dem die Meuterei auf der "Bounty" vorkommt. (Kurt Palm / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.04.2007)

  • Kurt Palm
    foto: michaela mandel

    Kurt Palm

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