Heute heißt es "aufführen"

27. April 2007, 16:36
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Was denken 15-jährige Mädchen über Sex­ualität? Was machen sie schon alles, wie reden sie darüber? Proto­koll einer Begegnung

Jana ist 14 Jahre alt, sie geht in die 4. Klasse eines Wiener Gymnasiums. Sie hat eine jüngere Schwester und wohnt mit ihren Eltern in einer Altbauwohnung im dritten Wiener Bezirk. Jana ist schlank und hat ein hübsches Gesicht. Sie trägt T-Shirt, Jeans und Kapuzenjacke. Sie sieht brav aus, so wie viele Mädchen in ihrem Alter. Sie hat ihre langen braunen Haare zu einem Zopf gebunden. Ganz ruhig, fast ernst sitzt sie am Kaffeehaustisch und hält die Finger auf der Tischplatte verschränkt. Durst hat sie keinen, sagt sie. Janas Augen schauen einen immer wieder kurz an und starren dann wieder lange auf die eigenen Hände. Weil sie heute über sich selbst reden, über Jungs und Sexualität erzählen soll, sagt sie öfter „weiß nicht“ oder, wenn man sich nach intimen Fragen bei ihr entschuldigt, sagt auch „ist schon o.k.“

Jana: „Im Moment habe ich keinen Freund, weil aus den „Willst du mit mir gehen“-Beziehungen bin ich raus. Ich hatte schon kurze Beziehungen, aber es war immer kompliziert, weil mir nicht ganz klar war, was das war. Es ist dann nicht wirklich offiziell, dass wir zusammen sind, aber wir waren im Kino, was mehr ist, als nur gemeinsam wegzugehen. Richtig verliebt war ich, glaube ich, noch nie. Das ist eher ein ,Auf-jemanden-Stehen‘. Wenn ich ausgehe, dann eher mit Älteren, mit denen verstehe ich mich besser. Die Buben aus meiner Klasse kommen mir extrem jung vor. Die interessieren mich eigentlich überhaupt nicht. In meiner Klasse gibt es außer mir noch eine, die auch schon weggeht, für viele sind Jungs und Sex aber noch kein Thema. Am Wochenende darf ich bis ein Uhr nachts weggehen. Ich rede schon mit meinen Eltern, die fragen mich auch, ob ich einen Freund habe – oder so. Aber mit meinen Freundinnen rede ich anders, offener. Die treffe ich auch jeden Tag.

Ich hatte schon einmal Geschlechtsverkehr, aber ich habe mich lange nicht getraut, es meinen Eltern zu sagen. Meiner Mutter habe ich es dann doch erzählt. Die will halt auch, dass ich mir mit allem mehr Zeit lasse. Aber ich bereue es nicht wirklich. Geplant war es nicht. Ich bin mit dem Typen nach Hause gefahren. Er war 16, seine Eltern haben schon geschlafen. Er wusste nicht, dass ich noch Jungfrau war, und wir haben auch nachher nie wieder drüber geredet. Ich weiß nicht, ich habe dann jemand anderen kennen gelernt. Dann war es halt aus für ihn. Buben können ihre Gefühle nicht so ausdrücken. Buben werden sauer. Ob ich schüchtern bin, kann ich nicht sagen. Wenn ich weggehe, dann führ ich mich schon oft auf, mit den Typen. Die meisten lerne ich auf der Tanzfläche kennen. Manchmal gebe ich meine Nummer her, aber das bereue ich fast immer, weil dann kommen SMS. Meistens ist Alkohol im Spiel. Aber wenn ich etwas nicht will, mach ich das auch nicht. Die Ratschläge meiner Eltern? Ich soll nur etwas machen, wenn ich das will, und es mit dem Alkohol nicht übertreiben. Ich glaube, ich kenne meine Grenzen.

Wie es das erste Mal war? Nicht angenehm! Aber ich habe schon von Freundinnen gehört, dass es beim ersten Mal nicht angenehm ist. Natürlich haben wir verhütet. Zwei Wochen hat er mich ignoriert. Jetzt sind wir wieder ganz normal. So als wäre nie was gewesen. Er ist, glaube ich, ein Arschloch, nach dem Motto: Ficken, weiterschicken! Ich glaube nicht, dass ich so bald wieder Geschlechtsverkehr haben werde.“

Nach 50 Minuten Gespräch schickt Jana eine SMS, um sich noch mit Freundinnen zu treffen. Zehn Minuten später wird sie von Mona und Caro abgeholt, beide 15, die eine geht mit Jana zur Schule. Die Freundinnen sind neugierig, was Jana alles erzählt hat. Die Mädchen setzen sich vor das Kaffeehaus und reden auf einer Parkbank weiter:

Mona: Was hast du erzählt? Ich möchte das wissen.

Jana: Ich bin zum Beispiel gerade gefragt worden, ob ich glaube, schon alles über Sex zu wissen.

Caro: Ich glaube, man kann nie alles über Sex wissen. Das ist ein viel zu großes Thema. Es fängt mit dem bisschen an, das man von den Eltern erfährt.

Mona: Viel wissen wir auch aus Zeitschriften, wie Girl und Bravo. Da stöbert man alles durch. Das klingt vielleicht peinlich, aber es ist wahr. In Sexshops kommt man erst mit 18 rein. Aber_ ich finde das gestört, weil in den Auslagen liegt eh schon alles herum.

Caro: Ich verstehe auch nicht, warum sie den Sex so vor Jugendlichen wegsperren. Natürlich gibt es auch krasse Sachen, wie Sadomaso oder so. Trotzdem.

Mona: Alle regen sich auf, dass junge Frauen schwanger werden, aber eine Packung Kondome kostet sieben Euro, damit kommt man nicht einmal weit. Durex sollte es für Jugendliche gratis geben.

Caro: Kondome sind das Einzige gegen Aids.

Mona: Ich werde erst die Pille nehmen, wenn ich lange mit jemanden zusammen bin. Und dann werde ich einen Aidstest verlangen, damit ich sicher bin.

Jana: Die Jungs verhüten, glaube ich, alle. Und alle geben furchtbar an, wenn sie jemanden gevögelt haben. (Sie geht weg, um zu telefonieren, die Freundinnen schauen sich vielsagend an.)

Caro: Es kommt auf das Alter an, es gibt so einen Punkt bei den Jungs, da werden sie auf einmal total triebgesteuert.

Mona: Bei den Typen ist der Druck noch viel größer als bei uns Mädchen.

Caro: Ich habe noch nie mit jemandem geschlafen, und jetzt ist das auch noch o._k. Aber wenn dann alle Freundinnen das erste Mal schon hinter sich haben, kommt man sich irgendwie „übrig geblieben“ vor. Das erste Mal für Mädchen ist sicher anders als für Jungs. Als ich mit meinem Ex zusammengekommen bin, wusste ich, dass er schon Sex hatte. Es war nicht einfach, ihm zu sagen, dass ich noch Jungfrau bin. Seinen Freunden hat er dann erzählt, dass er mit mir gevögelt hat.

Mona: Es hat mich auch aufgeregt, dass er gesagt hat, dass er mit dir Schluss gemacht hat.

Caro: Wir haben rumgemacht, aber es hat für mich nicht gepasst.

Ich habe gesagt: stopp.

Mona: Bei uns heißt es heute „rummachen“ und „aufführen“.

Caro: Aufführen ist Schmusen und so.

Mona: Schmusen klingt richtig altmodisch, so wie kuscheln.

Caro: Aufführen heißt sich an den Hintern fassen, sich ein bisschen ausgreifen.

Mona: Im Liegen, das ist für mich Rummachen.

Caro: Petting ist aber nicht Rummachen.

Mona: Petting muss auch nicht gleich zu Sex führen.

Caro: Aufführen hat mit Aufgeilen zu tun.

Mona: Ich finde, Küssen ist etwas Besonderes. Was Intimes. Wir führen uns oft auf, auch ohne zu küssen. Aber bevor man sich nicht aufführt, ist man nicht zusammen. Aneinander reiben ist was Geiles. Da kann man sich selbst in Stellung bringen, aber „Fingern“ ist ungeil. Ich sag schon immer nein, wenn einer mit der Hand da runterwill.

Caro: Ich denk immer: Bin ich das? Oder können die das nicht?

Mona: Jeder aufgeklärte Typ muss wissen, wo der Kitzler ist.

Caro: Die machen immer das Falsche. Runterholen ist keine große Sache.

Mona: Wenn es mir Spaß macht, dann mach ich das. Sonst nicht.

Caro: Mit meinem Ex hätte ich das machen können, aber ich wollte nicht.

Jana (kommt zurück vom Telefonieren): Ich habe eine SMS bekommen, da steht drin: Was ist mit Freitag oder Samstag? Ficken? Der will nur blöd angeben. Viele Jungs tun so, als wäre man ihre Hure.

Mona: Wenn Mädels rumvögeln, sind sie Schlampen. Jungs hingegen nicht.

Caro: Bei Typen fragt man nie, wie viele Typinnen hatte der schon. Typinnen ist unser neues Lieblingswort.

Mona: Einmal habe ich zu einem gesagt: Nicht du hast mich gevögelt, sondern ich dich. Aber jetzt bin ich mit jemanden zusammen, der erst 15 ist, und ich weiß nicht, ob er will oder nicht. Ich komme mir in dieser Beziehung schon vor wie das männliche Hormon.

Caro: Wir sind heute eben keine armen Mädels, die angebaggert werden. Aber solche Sachen kann ich meiner Mutter nicht erzählen, denn dann hätte ich mindestens drei Wochen Hausarrest.

Mona: Ich liebe meine Mutter dafür, dass sie Bescheid weiß. Ehrlich.

Jana: Manchmal würde ich meinen Eltern gerne mehr erzählen, aber ich weiß irgendwie nicht, wie ich anfangen soll. (Mia Eidlhuber/DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2007)

  • Jugend 2007: "Als ich mit meinem Ex zusammen gekommen bin, wusste ich, dass er schon Sex hatte. Es war nicht einfach, ihm zu sagen, dass ich noch Jungfrau bin. Seinen Freunden hat er dann erzählt, dass er mit mir gevögelt hat." Foto: Symbolbild
    foto: standard

    Jugend 2007: "Als ich mit meinem Ex zusammen gekommen bin, wusste ich, dass er schon Sex hatte. Es war nicht einfach, ihm zu sagen, dass ich noch Jungfrau bin. Seinen Freunden hat er dann erzählt, dass er mit mir gevögelt hat."
    Foto: Symbolbild

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