Der Mann mit der Skizze

27. April 2007, 13:19
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Der US-Musiker Howe Gelb, Gründer der Band Giant Sand, gastierte mit dem kanadischen Voices Of Praise Gospel Choir in der Szene Wien

Ein Konzertabend mit einem zwischen Led Zeppelin und inbrünstiger Heilssuche heimatlosen Ausnahmemusiker.

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Wien - "One of these days I'm gonna get me a plan", meinte Howe Gelb in der Mitte der Show - und musste selber lachen. Er dürfte über genug Selbsteinschätzungsvermögen verfügen, um zu wissen, dass er definitiv kein Mann der Pläne ist. Kein Musiker, dessen Werdegang und enormer Output Resultat sorgfältiger Planung wäre. Gelb ist eher ein Visionär.

Einer, der sich von seinen Ahnungen und Instinkten führen lässt, jeder kleinen und größeren Verführung wie Ablenkung bereitwillig nachgibt, denn: Er könnte dabei ja auf etwas Besonderes stoßen. Das ist ein Wesenszug, der natürlich einige Gefahren mit sich bringt. Schließlich können solche Abzweigungen auch in Sackgassen führen. Auch diesen Weg hat der aus Tucson im US-Bundestaat Arizona stammende Unermüdliche schon genommen.

Dazu passt, dass Gelb hier auf der Bühne der Szene Wien gerade das die irdische Heimatlosigkeit beklagende Traditional I'm A Poor Wayfaring Stranger interpretiert, das Erlösung nur auf der anderen Seite des Jordans verspricht.

Nachdem Howe Gelb in den mittleren 1980ern mit seiner Band Giant Sand den so genannten Wüstenrock wesentlich mitgeprägt hatte, verlor er sich gegen Mitte und Ende der 1990er in solipsistisches Spinnertum, das manche seiner Auftritte schlicht ungenießbar machte: kein Song zu Ende gespielt, der nächste schon begonnen, mittendrin wieder ein Gedankensprung ...

Damit war keine Karriere zu machen, und wohl auch aus diesem Grund beschlossen seine ihm bis dahin treu und geduldig ergebenen Mitstreiter Joey Burns und John Convertino, ihr eigenes Ding zu versuchen - und gründeten mit großem Erfolg Calexico.

Gelber Dylan

Seit einigen Jahren jedoch ist Gelb mit sich selbst wieder so weit im Reinen, dass er sowohl als Giant Sand als auch unter eigenem Namen hervorragende Alben veröffentlicht. Insgesamt hat der Mann, der mit zunehmendem Alter immer mehr wie der sehr junge Bob Dylan aussieht, an die 60 Alben veröffentlicht.

Sein jüngstes, mit dem er aktuell auf Europa-Tournee ist - 'Sno Angel Like You -, spielte er mit dem kanadischen Voices Of Praise Gospel Choir ein, der live sechsköpfig für Verzückung auf und vor der Bühne sorgte.

Gelb, dieser Mann der Skizze, der schnell und mit gutem Gefühl hingeschlenzten Songs, die, wie bei Dylan, kein zweites Mal gleich klingen, tat diese doch massive Basis von drei Sängerinnen und drei Sängern spürbar gut. Seine Fahrigkeit ging nie auf Kosten der Kompaktheit der Songs, sondern entlud sich in einem inspiriert-räudigen Spiel, das von dreckigen, dabei warm klingenden Riffs geprägt war.

Unterstützt wurde er von einem Mann am Schlagzeug, einem zweiten Gitarristen, dessen Vorliebe für das notenfaule Slide-Spiel atmosphärisch auch kein Schaden war und einem hin und wieder tastenmäßig aushelfenden Chorknaben am Keyboard. Kein Bass, weil egal. So spielte sich Gelb durch das gemeinsame Album, auf dem sich neben neuen Stücken auch Neuinterpretationen älterer Giant-Sand-Songs befinden.

Breiter, sanfter

Etwa Wearing The Robes Of Bible Black von einem frühen Meisterwerk der Band, dem abenteuerlich rockenden The Love Songs aus 1988. Live wurde das Stück durch den druckvollen Gesang des Chors, der in schönster Black-Church-Tradition ordentlich abtanzte und mit Handclaps den ohnehin schon ziemlich anschiebenden Rhythmus weiter unterstützte, in die Breite gezwungen. Etwas, das Gelb mit sanfteren Tönen wohlwollend aufnahm und weitertrug. Dazu besorgte die Orgel Erdung und den nötigen Soul.

Zu einem weiteren Höhepunkt dieser damit nicht gerade geizenden Show wurde Howlin' A Gale, dessen vom Chor inbrünstig vorgetragener Refrain eher nach "Highway To Hell" geklungen hat. Etwas, das den vermutlich gottesfürchtigen Sängern offenbar gar nicht weiter auffiel.

Doch Missionieren war ohnehin nicht Thema dieser Zusammenarbeit. Gospel wurde hier als kraftvolle musikalische Form eingebracht, die selbst trocken rockenden Stücken eine neue Erhabenheit und Pracht verlieh. Bei einer eher freien Deutung eines Stücks der 1973 gestorbenen Gospelsängerin Rosetta Tharpe funktionierte das ebenso beeindruckend wie in einer Coverversion des Immigrant Song von Led Zeppelin. Jubilieren da wie dort. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 27.04.2007)

  • Gelbs Ahnungen und Visionen gingen bei diesem Projekt jedenfalls voll auf. In einigen Jahren dann vielleicht auch schon beim JazzfestWien zu erleben ...
Hallelujah! Howe Gelb und der Voices Of Praise Gospel Choir gastierten in der Szene Wien.
    foto: christian fischer

    Gelbs Ahnungen und Visionen gingen bei diesem Projekt jedenfalls voll auf. In einigen Jahren dann vielleicht auch schon beim Jazzfest
    Wien zu erleben ...

    Hallelujah! Howe Gelb und der Voices Of Praise Gospel Choir gastierten in der Szene Wien.

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