"Bienen-Aids" gefährdet Landwirtschaft

30. April 2007, 10:09
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Rätselhaftes Massensterben der Tiere in den USA - auch europäische Länder betroffen

Albert Einstein wird dieser Tage in den USA viel von Imkern zitiert. Er glaubte zu wissen: "Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Biene mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr."

Das Bienensterben in den USA hat solche Ausmaße erreicht, dass in Washington Anhörungen vor dem Kongress anberaumt sind. Schätzungen des Dachverbands der US-Imker zufolge sind schon ein Viertel der 2,4 Millionen Bienenstöcke ausgestorben, mehr als die Hälfte aller Bundesstaaten sowie Teile Kanadas sind betroffen. Auch in Deutschland, Spanien und in der Schweiz grassiert das Bienensterben. Österreich ist Expertenaussagen zufolge noch nicht sehr betroffen, aber bei der derzeitigen Entwicklung könnte es nur ein Frage der Zeit sein, bis auch hier große Schäden entstehen.

Viele Theorien

Theorien zum Bienensterben gibt es zuhauf. Zum Beispiel jene von der einseitigen Agrarwirtschaft, die den Tieren die Nahrungsgrundlage entzieht; oder jene vom durch Städte zurückgedrängten Naturraum. Ebenso meinen Experten, die elektromagnetischen Wellen der Mobilfunktelefonie würden den Orientierungssinn der Bienen stören, sie könnten deshalb ihren Stock nicht mehr finden.

Auch der Anbau genmanipulierter Pflanzen wird für das Phänomen verantwortlich gemacht. Die größte Umweltschutzorganisation in den USA, der Sierra Club, hat sich bereits an den US-Senat gewandt und gefordert, den Zusammenhang zwischen Gentechnik und Bienensterben zu untersuchen. Die Umweltschützer verdächtigen ein Toxin-Gen des Bodenbakteriums "bacillus thuringiensis" (Bt), das die insektenresistenten Nutzpflanzen enthalten. Bereits ein 2004 durchgeführter Versuch der Universität von Jena deutete darauf hin, dass mit Bt-Pollen gefütterte Bienen eine höhere Anfälligkeit gegenüber einem bestimmten Parasiten haben könnten.

Defektes Immunsystem

Sicher ist bisher nur, dass das Immunsystem der Bienen geschädigt und geschwächt ist, vergleichbar mit Symptomen bei Menschen, die unter Krebs oder Aids leiden. In den USA spricht man deshalb schon von "Bienen-Aids".

Unter Verdacht steht auch Imidacloprid, ein Insektizid, das in den USA und Europa im Einsatz ist, unter anderem auf Golfplätzen. In Frankreich wurde es 1999 verboten, nachdem Imker über ein großes Bienensterben klagten und das unter dem Namen "Gaucho" verkaufte Mittel dafür verantwortlich machten. Das Insektizid töte die Bienen nicht, sagten die Imker, verursache jedoch eine Desorientierung der Tiere, sie fänden nicht in den Stock zurück und fielen dem Winter zum Opfer.

Die Leitung des Chemiekonzerns Bayer, der das Insektizid in 120 Ländern vertreibt, widersprach damals heftigst dieser Theorie und reklamiert heute, dass sich die Bienenvölker in Frankreich trotz des Verbots nicht erholt hätten.

Das Bienensterben bedeutet nicht nur für Imker Verluste. Bienen sind unersetzlich, ein Drittel der menschlichen Nahrung ist direkt oder indirekt von ihnen abhängig. Nach Schwein und Rind gilt die Biene nicht ohne Grund ob ihrer Leistung als das drittwichtigste Tier in der Landwirtschaft, noch vor dem Huhn. (Rita Neubauer, DER STANDARD Printausgabe, 27.4.2007)

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    Die fleißige Biene ist in Gefahr. Ein noch unerklärliches Massensterben der Tiere beunruhigt nicht nur Imker

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