Die Mär von der politikverdrossenen Jugend

26. April 2007, 20:51
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Soll man 16- und 17-Jährige gar nicht wählen lassen, weil die ja alles andere im Kopf haben als Politik? Da ist Vorsicht angebracht

Es könnte dann auch dem Wahlrecht vieler Erwachsener an den Kragen gehen. Denn: Jugendliche und Erwachsene eint etwas - Politik ist ihnen ziemlich egal.

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Wählen mit 16, wozu? Nur wenige Ausnahmegestalten in diesem Alter verfügen über die geistige Reife, die ich für demokratische Entscheidungen (und zB den Führerschein) an sich voraussetzen würde." Diese Position, die ein User namens "yotix" auf derStandard.at zur Vorverlegung des Wahlalters von 18 auf 16 Jahre, wie es Rot-Schwarz als Unikum Europa kommende Woche im Ministerrat beschließen will, postete, ist nicht die Ausnahme.

Am kritischsten, so scheint es, beurteilen das Thema fast die umworbenen Jungwählerinnen und -wähler selbst. So weiß etwa Historiker Thomas Hellmuth von der Uni Linz, der selbst Politische Bildung an einer AHS unterrichtet, zu berichten, dass seine 16-Jährigen in der Klasse auf das rot-schwarze Ansinnen, ihre Altersgruppe wählen zu lassen, "großteils entsetzt reagiert haben. Die fürchten sich fast davor und sind dagegen", erzählt er im Standard-Gespräch.

Ähnliche Argumente äußerten die Jugendlichen auch in der einzigen repräsentativen Studie, die es derzeit in Österreich über das Wahlverhalten der 16- bis 18-Jährigen in Wien gibt. Durchgeführt wurde sie vom SORA-Institut, dem Wissenschaftszentrum Wien und dem Österreichischen Institut für Jugendforschung nach der letzten Wiener Gemeinderats- und Landtagswahl 2005.

Blaue-Augen-Wahl

Die Jugendlichen definierten im Rahmen dieser Befragung die Qualifikation für die Beteiligung an der Wahl vor allem mit "diskursiven und reflexiven Fähigkeiten - also Vernunft". Das Interessante: "Die Befragten schreiben sich selbst diese Vernunft zu, sprechen sie aber den anderen, vor allem den jeweils Jüngeren, ab", schreiben die Studienautoren. So lauteten vermeintliche Argumente gegen das gesenkte Wahlrecht aus Sicht der befragten Erstwähler: "Die sind zu jung, die lassen sich was einreden, meine Freundinnen wählen den Strache, weil der so blaue Augen hat - das kann man doch nicht tun."

Vielleicht doch. Vielleicht machen es die Erwachsenen genauso? Sind die alle so vermeintlich kompetent, wie es die Kritiker des Wahlrechts ab 16 behaupten? Was, wenn mehr Lebensjahre nicht automatisch mehr politisches Interesse und demokratische Kompetenzen bedeuten?

In der Tat zeigt ein vergleichender Blick auf die Einstellungen von jugendlichen und erwachsenen Wählerinnen und Wähler bemerkenswerte Ergebnisse. Denn so weit auseinander liegen die beiden Wählergruppen gar nicht.

Aus einer demnächst vorgestellten Pilotstudie über Einstellungen und Erwartungen der Jugend zu Politischer Bildung, die das Department Politische Kommunikation der Donau-Uni Krems gemeinsam mit OGM im Auftrag von Unterrichts- und Wissenschaftsministerium durchgeführt hat, geht nämlich hervor, dass Erwachsene und Jugendliche an Politik eigentlich gleich uninteressiert sind. (Grafik)

Wenn nur zehn Prozent der über 18-Jährigen, die bis jetzt die Gruppe der Wahlberechtigten bildeten, in bisherigen Umfragen Politik als "sehr wichtigen Lebensbereich" bezeichneten, und das in der jetzt neu erhobenen "Jugendkategorie", zu denen Sozialwissenschaftern die 14- bis 24-Jährigen rechnen, 13 Prozent behaupten, dann schwindet die Überzeugungskraft der vermeintlichen politischen Mehr-Kompetenz der Älteren qua Alter doch erheblich.

Wahnwitz-Argument

Oder, wie Studienautor und Politik-Professor Peter Filzmaier im Gespräch mit dem Standard sagt: "Schülerinnen und Schüler sind an Wahlen und an Politik höchst mittelmäßig interessiert - aber auch nicht mehr als die Erwachsenen. Das Klischee der politisch verdrossenen Jugend stimmt so nicht. Die Bedeutung von Politik ist bei Jungwählern in spe genauso niedrig wie bei älteren Wählern."

Wenn man das weiß, und die Wahlbeteiligungsraten der Erwachsenen kennt, dann ist man schnell da, wo es darum geht, "sich davon zu verabschieden, dass 100 Prozent der Jugendlichen politisch aktiv sein müssen". Das sind ja auch die Erwachsenen nicht, und kein Mensch würde ihnen das Wahlrecht absprechen. "Es wäre ein höchst gefährliches, demokratiepolitisch wahnwitziges Argument, zu sagen, es interessieren sich nur so und so viele, warum sollen wir sie dann zur Wahl zulassen?", warnt Politologe Filzmaier.

Demokratie habe immer eine "aktive und passive Öffentlichkeit", bei Jungen und Alten. Es müsse nur jeder die Chance haben, "jederzeit einzusteigen". Und da sei politische Bildung dran: "Wählen mit 16 allein rettet die Demokratie nicht. Das Projekt muss eingebettet werden in eine Initiative für Demokratie lernen." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD-Printausgabe, 27. April 2007)

  • "Ich möchte mit 16 wählen gehen, weil ich mitbestimmen will, wer das Land regiert. Wen ich wählen würde, wüsste ich schon. Ich informiere mich vor allem im Internet. Da komme ich schneller zu den Infos, die mich interessieren."
Leander, Gymnasiast, 12

    "Ich möchte mit 16 wählen gehen, weil ich mitbestimmen will, wer das Land regiert. Wen ich wählen würde, wüsste ich schon. Ich informiere mich vor allem im Internet. Da komme ich schneller zu den Infos, die mich interessieren." Leander, Gymnasiast, 12

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    grafik: der standard
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