Streit um Melker Abkommen

10. Juni 2007, 18:15
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Rot-Schwarz kalmiert im Wirbel um Temelin: Das AKW sei im Europavergleich "besserer Durchschnitt"

Wien/Prag – Das Vorhaben der der tschechischen Regierung, das Melker Abkommen auslaufen und in einen Sicherheitsdialog über Atomenergie übergehen zu lassen, sorgte am Donnerstag für heftig Reaktionen in Österreich. Die stellvertretende Grünen-Bundessprecherin und Dritte Nationalratspräsidentin Eva Glawischnig bezeichnete den Beschluss als "Affront gegen Österreich". Auch Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer (VP) sprach von einer "Provokation". Beide sehen – ebenso wie der oberösterreichische FPÖ-Chef Lutz Weinzinger – das Melker Abkommen als "nicht erfüllt" an und erneuerten die Forderung nach einer Völkerrechtsklage. Das "Aktionskomitee Stop Temelín" kündigte für heute, Freitag, Grenzblockaden an zehn Grenzübergängen zu Tschechien an.

166 Vorfälle

Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SP) und Umweltminister Josef Pröll (VP) erkennen hingegen in der Prager Erklärung "ein Bekenntnis zur Fortsetzung des Sicherheitsdialogs". Man müsse aber erst den vollen Wortlaut des jüngsten Beschlusses kennen. Pünktlich zur politischen Debatte wurde im AKW Temelín die nach heimischer Zählweise 105. Panne gemeldet. Im jüngsten Bericht an die tschechische Regierung ist hingegen von insgesamt 166 Vorfällen die Rede.

In einer Mitteilung der Betreiberfirma CEZ an den Standard heißt es, dass es seit Betriebsbeginn im Jahr 2000 "keinen Vorfall" gab, der gemäß der internationalen Skala INES als ernsthaft bezeichnet werden kann". INES (International Nuclear Event Scala) umfasst sieben Stufen: 1 und 2 sind Störfälle ohne radiologische Auswirkung auf die Umwelt, 3 hat die gleiche Strahlenbelastung zur Folge, die der natürlichen entspricht – aber zusätzlich. Ab Stufe 4 ist von schweren Unfällen die Rede, 7 steht für eine atomare Katastrophe. Zusätzlich hat sich INES 0 eingebürgert für Vorfälle, die unter der Geringfügigkeitsgrenze liegen.

Laut CEZ gab es in Temelín bisher 152 Vorfälle INES 0 und 14 Störungen INES 1. Damit gehöre Temelín in Europa "zum besseren Durchschnitt", so AKW-Direktor Vladimir Hlavinka. In den 17 deutschen Reaktoren seien im Vorjahr 126 Vorfälle der Null-Stufe gemeldet worden, in Frankreich habe es zwischen 2000 und 2006 insgesamt 2861 Abweichungen (INES 0) und 465 Störungen (INES 1) gegeben. (mro, simo, DER STANDARD Printausgabe, 27.4.2007)

  • Laut offiziellem Bericht gab es im AKW Temelín bisher 166 Zwischenfälle
    foto: standard/simoner

    Laut offiziellem Bericht gab es im AKW Temelín bisher 166 Zwischenfälle

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