Die Shakespeare-Predigt

27. April 2007, 18:02
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Ein denkwürdiger, sehr österreichischer Abend im Burgtheater: Kardinal Christoph Schönborn bereichert den Shakespeare-Zyklus um einen Vortrag über die "Kraft des Verzeihens"

Wien – "Eine Republik von Fehlern" nennt man im Burgtheater die Vortragsreihe, die die gegenwärtig massive Präsenz von Shakespeare im Spielplan begleitet. "Fehler" – das bedeutet hier auch Lücken im System, durch die diverseste Intellektuelle und Denker in den Theaterkosmos eintreten und sich an diesem (geistes-)gegenwärtig abarbeiten. Der Shakespeare-Übersetzer Frank Günther kam schon zu Wort, Jan Philipp Reemtsma war ebenso zu Gast wie der Kulturhistoriker Werner Hofmann. Dass mitunter Vorträge gehalten wurden, die man im Prinzip zu Hause konzentrierter nachlesen könnte – das sind wohl Symptome einer etwas papierenen Ausschmückung von Schließtagen.

Den Vogel schoss man am Mittwoch jedenfalls mit einer tatsächlich ungewöhnlichen Einladung ab: Kardinal Christoph Schönborn sprach anlässlich der kommenden Premiere von Maß für Maß über Die Kraft des Verzeihens – ein, wie man angesichts mäßig gefüllter Zuschauerreihen im Burgtheater meinen mochte, nicht gerade herausragend populäres Thema.

Andererseits: schon aufgrund des Referenten, den man sonst mitunter gratis zu ähnlichen Sujets predigen hört, doch eine Provokation. Das meinte wohl auch Dramaturg Joachim Lux als Moderator, als er einen "seltsam besonderen Abend" ankündigte.

Auftritt von rechts. Der Kardinal, angetan im Mönchsgewand eines Dominikaners, ein großes Goldkreuz vor der Brust, mit einem durchaus schelmischen Lächeln: Hatte nicht auch Herzog Vincentio im Stück sich als Mönch ausgegeben, um gleichsam in verdeckter Mission das Treiben in (einem fiktiven) Wien zu erforschen? Ist aber gleichzeitig der Kardinal selbst nicht vor allem immer noch Mönch?

Es ging von Anfang an um falsche und richtige Zeichensetzungen an diesem Abend, an dem Schönborn gewohnt eloquent fadenscheinige Manöver männlicher Verführer, Machtmenschen, Strizzis aufs Korn nahm und gleichzeitig die hehre Unschuld der schönen Isabella, die ins Kloster gehen will, pries. Wenig überraschend betonte er die Option der Gnade und der Vergebung nicht zuletzt als Mittel, umso unbedingter Grenzen zwischen Schuld und Unschuld setzen zu können. Nein, er sei kein Experte für Shakespeare. Doch sei hier ein perfekter Autor, "Dinge beim Namen zu nennen": Erzähle nicht etwa die Kondom-Verteilungsaktion von Frau Minister Kdolsky über die Omnipräsenz von fragwürdiger "Luxuria"?

Auf einer Bühne, die der bürgerlichen Aufklärung verpflichtet ist, war so eine Predigt ungewohnt. Man hätte Schönborn vermutlich einen prononcierten "Gegenspieler" verordnen müssen, um ein wenig von der unantastbaren Würde seines Ornats produktiv abzuschwächen. So blieb’s ein typisch österreichischer Abend, an dem eine bestimmte Klientel mit ihren Vorlieben und Haltungen in heiterer Zustimmung unter sich blieb. (Claus Philipp / DER STANDARD, Printausgabe, 27.04.2007)

  • Burg-Dramaturg Joachim Lux und Kardinal Schönborn.
    foto: soulek/burgtheater

    Burg-Dramaturg Joachim Lux und Kardinal Schönborn.

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