Planet der Affen

26. April 2007, 17:00
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Alex Turner und seine wunderbar ungestümen Arctic Monkeys untermauern mit "Favourite Worst Nightmare" ihren Ruf als zentrale neue Stimme der britischen Popmusik mit Biss

Vor gut einem Jahr machten die Songs ihres Debütalbums noch vor dessen Erscheinen ordentlich Wind auf myspace.com. Die Band wurde über diese zufällig parallel mit den Arctic Monkeys aus dem britischen Sheffield gehypte Internet-Plattform nicht nur bekannt. Trotz der Möglichkeit, die Songs des jungen Quartetts gratis runterzuladen, sollte sich Anfang 2006 die CD Whatever People Say I Am, That's What I'm Not allein in der ersten Woche in Großbritannien über 300.000 Mal verkaufen. In Zeiten des langsamen, aber ziemlich laut übermittelten Sterbens der großen Unterhaltungsindustrie-Konzerne, die ihren Niedergang den bösen Downloads zuschreiben, möglicherweise ein Zeichen dafür, dass man es vielleicht einfach einmal zwischendurch mit dem Veröffentlichen guter Musik probieren sollte. Ein begeistertes Publikum ist anscheinend ja dann doch bereit, von einer Band mehr besitzen zu wollen als anonyme Datenmengen auf der Festplatte.

Der 20-jährige Alex Turner und seine drei Freunde waren zwar seit dem großen Rummel um ihr Debüt und zumindest in Großbritannien abgefeierten Hit-Singles wie I Bet You Look Good On The Dancefloor zwar mehr oder weniger auf Dauertournee. Den zwölf Songs des neuen Albums merkt man dies aber keine Sekunde an. Der harte ruppige Riffrock mit einem großen Herz für Melodien und einer sich für britische Verhältnisse im Zweifel erfrischenderweise mehr der Direktheit des Punk als der Zickigkeit der New Wave verdankenden Energie bildet zum Vorgänger eine vollkommen gleichwertige Ergänzung.

Das bedeutet für die 38 Minuten von Favourite Worst Nightmare als traditionell schwierigem zweiten Album einer Band, auf dem man gefälligst erworbene Positionen festigen und stilistisch ausbauen sollte, ohne dabei dekadent, übertrainiert oder abgelebt zu wirken, Folgendes: Alex Turner, der Mann, der bis vor drei Jahren als deklarierter HipHop-Fan eine Gitarre höchstens in gesampelter Form auf Vinyl in sein Leben treten hätte lassen und also erst kurz vor der Bandgründung learning by doing betrieb, könnte sich als Songwriter zu den ganz Großen im Rock mausern. Zwar wird das grundsätzliche Modell einer mit vollem Herzen schnörkellos bretternden Gitarrenband im Großen und Ganzen beibehalten. Warum auch groß nivellieren, was sich bereits bewährt hat? Pop bedeutet immer auch Wiederholung und Bestätigung.

Immerhin aber bietet man jetzt neben kernigen, wuchtig nach vorne getriebenen, aber durchaus gefinkelt gebauten Headbangern wie der aktuellen Single Brian- storm auch zwei hübsche, sehnsüchtige Liebesballaden (Only Ones Who Know und 505). Turner schunkelt sich im für die kommenden Sommer-Open-Air-Auftritte ideal gebauten Fluorescent Adolescent auch einmal Richtung Sonnenuntergang. Und er entdeckt neben großen Referenznamen wie The Smiths oder The Jam schließlich neben guten alten tribalistischen Dschungelbeats aus der Surf-Ära auch eine dazugehörige angezerrte und verhallte Leadgitarre.

Die eigentliche Qualität aber liegt in Turners Texten. Die sind alles andere als aufgesetzt. Sie verhandeln charmant und ohne Not bezüglich Reimzwang und Verklausulierungen die Lebensumstände eines jungen Mannes aus der Vorstadt, der innerhalb weniger Monate aus der Enge seiner Heimat in die wahnwitzige Umlaufbahn des Pop-Planeten geschleudert wurde und dort jede Menge komische Leute trifft: "He wants to sleep in a city that never wakes up/ blinded by nostalgia." Mit großer Wahrscheinlichkeit sind die Arctic Monkeys die wichtigste britische Band dieses Jahrzehnts. (Christian Schachinger, RONDO/DER STANDARD, Printausgabe, 27.04.2007)

Arctic Monkeys - Favourite Worst Nightmare (Domino/Edel)
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