Kinder an der Macht

28. April 2007, 17:00
97 Postings

Die Idealisierung der Jugend ist mittlerweile auch im Bereich der Männermode bei den Kindern angekommen - Der Aufschrei angesichts der vielen mageren Burschen bleibt allerdings aus

Ein Werbe-Image wie so viele andere auch: ein lasziv arrangiertes Fotomodell auf einem weißen Leintuch. Auf Hemd oder Pullover wurde beim Ankleiden verzichtet, die unbehaarte nackte Brust blitzt unter dem schweren Herrenmantel hervor. Keine Frage: Das Milchgesicht, das hier Werbung für das erste Männerparfum "Amber pour Homme" aus dem Hause Prada macht, passt so gar nicht zu dem teuren Kleidungsstück, das es trägt. Wie sollte es auch? Das dänische Model Eddie Klint ist 19 Jahre alt. Der Bart sprießt ihm erst seit wenigen Jahren.

Klint ist einer der gefragtesten Vertreter einer neuen Generation männlicher Models - einer Generation von Buben, deren Aufgabe es ist, unter Zuhilfenahme ihrer kindlichen Leiber und fettfreien Gesichter potenziellen Kunden den Bedarf an den jeweils beworbenen Luxusgütern zu verdeutlichen. Während weltweit kaum überhörbar die Diskussion über die so genannten weiblichen "Magermodels" im Gange ist, werden Stück für Stück die Attribute männlich-modischer Attraktivität mit denen weiblicher Anziehung gleichgeschaltet. Die Häme für die Fixierung der Modebranche auf magere Burschen bleibt dabei verwunderlicherweise aus.

Jugendliches Desinteresse

Während es im gewöhnlichen Kaufhauskatalog noch "Fotomodelle" in ihren späten Zwanzigern sein dürfen, widmen sich einschlägige Magazine, vorwiegend die mit avantgardistischer Blattlinie, wie etwa "Arena Homme plus", "10" oder "i-D" der Darstellung der 13- bis 18-jährigen Buben. Sie werden beim Schlafen, gerne auch beim Urinieren, beim intimen Schmusen oder eben einfach beim lässig Abhängen fotografiert. Mit allen ihren Poren atmen sie dabei die Schönheit und Coolness jugendlichen Desinteresses.

Die neue Slim-Besessenheit als Gegenstück zur Fitness- und Muskelbegeisterung vergangener Tage ist vor allem einem Mann zu verdanken: dem ehemaligen "Dior Homme"-Designer Hedi Slimane. Karl Lagerfeld fühlte sich bekanntlich sogar dazu genötigt, ordentlich (in seinem Fall 42 Kilo) abzunehmen, um in Slimanes ultraenge Jeans zu passen. Der Trend, der in der High Fashion seinen Ausgang nahm, ist mittlerweile aber längst auf der Straße zu beobachten: Jeder Mann, der als besonders modisch erkannt werden möchte, zeigt dünne Beinchen in engen Hosen. Slimane erklärte die Hintergründe für die neue Magerkeit in einem Interview mit der International Herald Tribune so: "Ich glaube, die Wahrnehmung des Körpers verändert sich. Maskuline Attribute sind nicht mehr durch physische Kraft charakterisiert. Massiver zu sein hat nichts mit Männlichkeit oder Sexualität zu tun. Männer akzeptieren jetzt ihren Körper. Es ist alles ein wenig natürlicher." Handelt es sich also um die Erfindung einer neuen Männlichkeit? Oder doch nur um die Beschwörung der immer gleichen Sehnsüchte nach dem Unerreichbaren?

Durchschnittsmaße eines 12-Jährigen

Eddie Klint, der, wenn er nicht gerade nach New York, Paris oder Mailand pendelt, noch bei seiner Mutter wohnt, gehört mit seinen 19 Lenzen nicht zu den jüngsten Kindern auf dem steinigen Weg in den Model-Olymp. Es geht noch jünger. Clement Chaubernaud zum Beispiel, aktuelles Gesicht der Jil-Sander-Männerkampagne, ist Testimonial für sündteure Kaschmirmäntel und erlesene Anzüge, und das in einem Alter, in dem seine Altersgenossen gerade über den Stimmbruch hinweggekommen sind. Er ist 17.

Federführend in der Bereitstellung der neuen "Jungs" ist die Kölner Modelagentur "Nine Daughters and a Stereo", die auf ihrer Homepage an die hundert Buben für Fotoshootings und Laufstegauftritte feilbietet. Den Anfang in der dort zu bewundernden Angebotsübersicht, in der jeder Bub mit nacktem Oberkörper zu einem ätherischen Elektro-Sound ausgestellt wird, macht ein gewisser Jivan: Die unter den Abbildungen eingeblendeten Körpermaße belaufen sich in seinem Fall auf 80-68-86, und das bei über 1,80-Körpergröße. Es handelt sich dabei um die Durchschnittsmaße eines 12-Jährigen.

"It's slim and romantic in a Rock 'n' roll sort of way"

Weh dem, der Böses dabei denkt. Eine Befreiung von gesellschaftlichen Rollenbildern erkennt etwa Mercedes Bunz, Chefredakteurin des Berliner Magazins zitty, in der Zurschaustellung derartig kindlicher Körpermaße, zumindest wenn es um weibliche Models geht. Auf ihrer Homepage schreibt sie: "13-jährige Models sind 20-jährigen in jeder Hinsicht vorzuziehen, genau weil dann die Modefotografie eben nichts mehr mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft zu tun hat." Die Modefotografie habe sich vom Diktat der unerreichbaren Wirklichkeit verabschiedet und feiere jetzt die Künstlichkeit, glaubt Bunz. Die Frage ist nur, ob das auch alle mitbekommen haben. Oder gibt es doch einige, die sich ein Vorbild an den Halbwüchsigen nehmen?

Ähnlicher Meinung wie Mercedes Bunz ist auch Maria Luisa Pommaillou, Betreiberin des Designertempels "Maria Luisa" in Paris. "It's slim and romantic in a Rock 'n' roll sort of way", beschreibt sie ihre Gefühle hinsichtlich der neuen Größenordnungen in der Männermode. Dass einem die romantischen Gefühle auch vergehen können, wird allerdings klar, wenn man einen Blick auf die Entwicklungen von Magersucht bei jungen Männern wirft. Mittlerweile geht Thomas Falbesaner von der Klinik für Psychologische Medizin in Baden-Baden bei Magersucht von einem Männeranteil von 15 bis 20 Prozent aus. Aus einer Studie des Universitätsklinikums Benjamin Franklin in Berlin geht hervor, dass insbesondere bi- und homosexuelle Männer (53 Prozent der Betroffenen), die bekanntlich weniger trendresistent agieren als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen, immer öfter einen Schlankheitswahn entwickeln. Unterstützung bekommen sie dabei sicherlich von gesellschaftlichen Wunschbildern. (Martin Sulzbacher/Der Standard/rondo/27/04/2007)

Martin Sulzbacher war RONDO-Modepreis-Gewinner und ist karenziertes Mitglied des Wiener Designkollektivs "House of the very Island's...". Er arbeitet derzeit als Designer in Mailand.
  • "Nine Daughters and a Stereo" heißt die Kölner Modelagentur, die in der Vermittlung der neuen Buben-Models federführend ist. Hier ein Blick auf ihre Homepage.
    foto: ninedaughtersandastereo

    "Nine Daughters and a Stereo" heißt die Kölner Modelagentur, die in der Vermittlung der neuen Buben-Models federführend ist. Hier ein Blick auf ihre Homepage.

Share if you care.