Man trägt jetzt Weste

26. April 2007, 17:00
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Jetzt ist Tom Ford wirklich zurück - Nach kleineren Projekten eröffnete der Oberdesigner der Neunziger einen Luxustempel für gediegene Herren

Ein Empfangstisch aus bronzenem Alligatorenleder. Dahinter eine Hostess mit einem dezenten Lächeln im Gesicht. "Good morning Sir", sagt sie und fragt, ob sie einem helfen könne. Über ihr hängt eine perforierte Leinwand - ein Werk des Künstlers Lucio Fontana aus Tom Fords Privatbesitz.

Das Bild, das unverhohlen ein weibliches Geschlechtsorgan evoziert, ist der einzige Scherz, den sich Tom Ford in seinem gerade eröffneten Luxustempel in der New Yorker Upper East Side erlaubt. Für Damen führt er nichts im Sortiment, das Geschäft, das man leicht mit einer gediegenen Wohn-Lounge verwechseln könnte, ist für den standesbewussten Herrn gedacht - weniger für den Mode-gecken, für den Ford bei Gucci und Yves Saint Laurent schneiderte.

Zeitlosigkeit

Tom Ford ist zurück - allerdings nicht als oberster Verfechter der Sexiness, wie man ihn in den Neunzigern kannte, sondern als Oberpriester modischer Traditionen. Sein Hemd trägt er noch immer gigolohaft weit geöffnet, jetzt allerdings in der förmlicheren Kombination mit Weste. Schließlich hat der Designer mit seinem in Zusammenarbeit mit dem italienischen Modeunternehmen Zegna geschaffenen Label nichts weniger als Zeitlosigkeit im Sinn. Dem Flagship Store auf der Madison Avenue sollen noch eine ganze Reihe weiterer Geschäfte und Verkaufsstellen folgen.

Der Luxusshop ist so etwas wie die Visitenkarte des Unternehmers Tom Ford. Die Atmosphäre ist gediegen, die Einrichtung durchaus üppig: Marmor, Tropenhölzer, dicke Teppiche. Die Anzüge hängen hinter dicken Glasvitrinen, genauso wie die Hemden, bei denen man zwischen 350 Farben und 35 Materialien wählen kann. Im ersten Stock, der für Maßanfertigungen benutzt wird und wo die Juwelen liegen, stehen zwei Art-déco-Urnen. Über dem Kamin ein chinesischer Chippendale-Spiegel. Wie die Mehrzahl der Kunstwerke in diesem Modetempel stammen sie aus Fords Privatbesitz. Schließlich - so die Pressemitteilung - sei das Geschäft zur Gänze Fords Privathaus in London nachempfunden.

Edle Zurückhaltung

Zu Gast bei Tom Ford: Das ist in diesem Fall durchaus wörtlich zu verstehen und Teil von Fords neuem Luxuskonzept. Bei Gucci lud der Designer die Ware noch für eine breite Masse mit Begehren auf, jetzt konzentriert er sich auf ausgewählte Kundschaft. Den breiten Luxusbegriff, dessen oberster Protagonist Ford selbst war, hat er über Bord geworfen. Der Texaner ist zum Aristokraten mutiert, und das Zauberwort lautet Distinktion.

Im neuen Jahrtausend ist diese eine Frage edler Zurückhaltung. Die Zeiten, als Ford die Verwendung des Gucci-Labels so weit trieb, dass er es sogar aus der Scham eines Models frisierte, sind längst vorbei. Das neue Tom-Ford-Label ist dezent und sichtbar weder auf den Kleidungsstücken noch auf den Accessoires angebracht. Wer es sich leisten kann, der lässt sich bei Tom Ford die Anzüge sowieso maßanfertigen (ab 5000 $) - oder mischt sich im Parfümboudoir sein Duftwasser selbst. Wer sich von anderen unterscheiden will, der bevorzugt die individuelle Lösung. Wer hätte gedacht, dass ihm dabei Tom Ford höchstpersönlich helfen würde. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/27/09/2007)

Tom Fords Menswear-Shop befindet sich auf 845 Madison Avenue, New York. Tom Ford
  • Zu Gast bei Tom Ford: Der Luxusshop des Designers auf der Madison Avenue ist dessem Privat-domizil in London nachempfunden. Angesprochen werden soll eine sehr ausgewählte Kundschaft.
    foto: tom ford international

    Zu Gast bei Tom Ford: Der Luxusshop des Designers auf der Madison Avenue ist dessem Privat-domizil in London nachempfunden. Angesprochen werden soll eine sehr ausgewählte Kundschaft.

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    Der Texaner Tom Ford ist zum Aristokraten mutiert

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