Abwesenheitsnotiz

26. April 2007, 17:00
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Die Notiz für ein Leben um zu fischen, zu schlafen oder ein paar gute Bücher zu lesen - Oder: "Voll 20. Jahrhundert" nicht always-on zu sein

+++Pro
Von Christoph Winder

Man macht sich keinen Begriff davon, wie sehr die Institution des E-Mails die menschliche Psyche verformt hat. Ein Individuum, das fünfzig Mal pro Tag in seinen Postkasten nachschauen ginge, ob eine neue Sendung angekommen ist, würde man taxfrei zum Kretin erklären. Wenn man aber fünfzig Mal pro Tag in Outlook Express hineingeiert, ist das Büroalltag, das Allernormalste auf der Welt. Zum Glück hat uns die Firma Microsoft auch das Gegenmittel in die Hand gegeben, um diesen Zustand des 24-Stunden-am-Tag-ununterbrochen-zugemüllt-Werdens ein für alle Mal abzustellen: Die Abwesenheitsnotiz. So wird's gemacht: Im Menü "Extras" den "Abwesenheitsassistenten" aufrufen und dieses eingeben: "Ich wese hier nicht mehr. Ich bin abwesend, um Fische zu fangen, viel zu schlafen und ein paar gute Bücher zu lesen, die ich immer schon lesen wollte. Versuchen Sie es doch in zwei oder drei Jahren wieder. In dringenden Fällen wenden Sie sich ans Salzamt, Ihren Arzt oder Ihren Apotheker." Danke, Microsoft, das war es, was wir gebraucht haben.

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Contra---
Von Thomas Rottenberg

Mittlerweile bin ich also Heinrich Harrer. Denn daheim, im elterlichen Bücherregal stand "Ich komme aus der Steinzeit": Erzählungen von einem fernen Planeten. So nah am Jetzt wie die "Ilias".

Und neulich fragte dann ein Jungjournalist, ob man vor dem Web überhaupt aktuell arbeiten konnte. Nicht "wie": "ob".

Ich antwortete. Per Mail. Und bekam eine Abwesenheitsnotiz: Der junge Mann bedaure, aber er sei die nächsten drei Stunden nur am Handy erreichbar.

Der Kollege hob ab. Genervt: Er stehe im Supermarkt. Daheim - am Rechner - würden wohl 147 Mails warten. 139 davon Spam. Trotz Filter: Auch, weil die Auto-Reply Spam-Versendern sage, dass seine Adresse aktiv ist. Aber die Firma schreibe Erreichbarkeit vor. Das sei auch richtig. Denn es wäre unprofessionell und "voll 20. Jahrhundert", nicht allways-on zu sein. Ob ich gar zu denen gehöre, die manchmal das Handy ausschalten? Also ganz unerreichbar wären. Wow, meinte der Kollege da: Entweder wäre ich urwichtig - oder total retro. Aus der Steinzeit eben. (Der Standard/rondo/27/04/2007)

  • Im Menü "Extras" den "Abwesenheitsassistenten" aktivieren
    foto: handlbauer

    Im Menü "Extras" den "Abwesenheitsassistenten" aktivieren

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