Cup & Cupper

5. Juli 2007, 18:15
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America's Cup: Formel 1 des Segelsports, Mega-Etats und Tradition. Wie der Cup wirklich funktioniert und was seine Faszination ausmacht

Der America's Cup ist voller Mythen und Geheimnisse. So tauchen häufig drei Fragen auf: Wohin segeln die Teams denn? Wann fahren die nach Amerika? Und wo haben die Yachten ihre Kombüsen und Kajüten? Die Regatta ist mit ihren 156 Jahren zwar die älteste Tante unter den heute noch ausgetragenen Sport-Ereignissen, dennoch leidet der Wettbewerb immer noch an frappanter Unbekanntheit und falschen Vorstellungen.

Denn der Cup fristete lange ein elitäres Nischendasein. Als Diva hatte er keine große Lust, sich der weiten und gemeinen Sportwelt zu öffnen. Zudem lag das Ereignis fast die ganze Zeit seiner Existenz abseits des europäischen Blickfelds. Zwar war die Regatta vor Großbritannien 1851 erstmals ausgetragen worden, aber nachdem der US-Schoner "America" ihn dort gewonnen hatte, dominierten die USA den Cup. Und zwar 24 Wettbewerbe und 132 Jahre lang. Erst 1983 brach der Herausforderer Australia II die US-amerikanische Übermacht. Die Titelverteidigung gelang indes nicht. 1987 holte sich "Mr. America's Cup" Dennis Conner den Cup zurück nach Nordamerika.

Die Faszination des Cups fußt auf einer extrem professionellen Mischung aus Technik, Sport und Glamour. Wer dagegen asketische Segel-Abenteuer, den einzelnen Menschen im Kampf mit der Natur, mit Hitze, Kälte, mit Schlaflosigkeit, stinkenden Unterhosen, Monsterwellen und Weltraumnahrung erwartet, der ist beim America's Cup vollkommen falsch. Der Cup ist eine unter extremen Regeln konditionierte Leistungsschau, in der vor allem die Grenzen der Bootsbautechnik gesprengt werden. Allerdings schaffen Cup-Yachten keine Geschwindigkeitsrekorde. Sie sind überdimensionierte und behäbige Boote, deren Design viel stärker der Tradition verhaftet ist, als es auf den ersten Blick aussehen mag. Wilde, anarchistische Ausbrüche und Einzelgänge hat der Cup immer wieder mit einer konservativen Revolution, mit einer Verschärfung der Regeln beantwortet. Beispielsweise als Dennis Conner 1988 ein schier unglaublich riesiges neuseeländisches Boot mit einem geradezu winzigen Katamaran besiegte.

Ausgetragen wird der Cup als segelnde Schlacht der Gladiatoren, im Match Race-Modus, das wurde so in der Cup-Verfassung, der "Deed of Gift", festgelegt. Das heißt: Die elf Herausforderer treten auf einem vier Runden und 11,2 Seemeilen langen Kurs an - einer gegen einen, jeder gegen jeden, der schnellste gewinnt das Rennen und der beste den Cup der Herausforderer, den Louis Vuitton-Cup. Er segelt dann im eigentlichen Finale, den America's Cup, gegen den Titelverteidiger. Der Sieger muss fünf Rennen gewinnen, um die begehrte Silberkanne in den Händen halten zu dürfen. Die Teams segeln also nicht um die Welt, wie etwa beim Volvo Ocean Race, sondern sie bleiben auf einem bananenförmigen Renn-Kurs, die Küste von Valencia immer im Blick.

Deswegen brauchen die Yachten keine Kajüten. Die Segler schlafen im Hotel oder in ihrer Wohnung. Die Boote werden als puristische und ultraleichte High Tech-Monster geplant, die das beste Bootdesign und die modernste Technik ihrer Zeit präsentieren. Das kostet viel Geld, sehr viel Geld. "Geld macht Geschwindigkeit." Auch das hat Dennis Conner gesagt. Er wusste, wovon er sprach, denn er gewann die Silberkanne vier Mal. Zwar reicht Geld alleine nicht, aber es erhöht die Chancen, erfolgreich zu sein, ungemein. Bis 1990 wurden die Teams und Boote häufig von Multimillionären finanziert, die nicht selten selbst begeisterte Segler waren. Bis 1988 war Werbung auf den Yachten sogar verboten. Heute kaum vorstellbar. So schuf der Cup das Image, ein Spielplatz für Egozentriker und Exzentriker zu sein.

Privatfinanziers, wie den Prada-Mann Patrizio Bertelli oder den Software-Tycoon Larry Ellison, sie gibt es heute noch. Sie sorgen auch dafür, dass der Cup mehr ist, als irgendeine Regatta. Denn es geht auch um Tratsch, um Kaviar und Schampus, um das, was auf dem Laufsteg der Eitelkeiten passiert. Mittlerweile werden die meisten Teams aber von einem oder mehreren Global-Playern, wie beispielsweise BMW, Oracle, UBS oder Red Bull, unterstützt. Durch ihr Engagement erhoffen sie sich eine florierende Marketing-Plattform und damit eine Popularisierung ihrer Produkte und Marken.

Aber erst 1990, mit der Einführung der Yachten wie man sie heute kennt - der Internationalen America's Cup Class (IACC) - , explodierten die Budgets tatsächlich. Der Cup war zwar immer eine Segel-Schlacht der Extreme gewesen, aber jetzt wurde er zum detailfetischistischen Konstruktionsrennen. Die Design-Rahmenbedingungen wurden eng definiert. Alle sollten mit den gleichen Waffen kämpfen. Nur mit einem riesigen und teuren Aufwand an Wissenschaft, Computern und Design lassen sich die feinen Kreativ-Spielräume seitdem noch auskundschaften. Die zwischen 25 und 150 Millionen Euro schweren Teams - zum Vergleich: Die siegreiche "Intrepid" hatte 1971 einen Etat von anderthalb Millionen US-Dollar - üben sich daher in Geheimniskrämerei und Verschlossenheit. Die Angst vor Spionen, die revolutionäre Design-Kunststückchen auskundschaften könnten, ist groß. Neben der fortschreitenden Technisierung spielte ein kleines Land eine bedeutende Rolle für die Entwicklung des modernen America's Cup: Neuseeland, das den Cup 1995 in San Diego gewann, und ihn als erstes Land 2000 auch verteidigen konnte, erkannte das Potenzial des Segel-Wahnsinns. Im Südpazifik wurde der Cup zum emotionalen Volksfest. Die Regatta flog zu neuen Höhen und erreichte weltweit eine ungeahnte Popularität.

Die Schweizer von Alinghi holten die Veranstaltung mit ihrem triumphalen Sieg 2003 dann nicht nur zurück nach Europa, sondern auch aus der Mottenkiste. Sie reformierten und modernisierten ihn, organisierten ein Management, machten ihn also zu einem Wirtschaftsunternehmen und gestalteten ihn unterhaltsamer für Publikum und Fernsehen. Der 32. Cup wird nun in 211 Länder weltweit übertragen. Man rechnet mit rund sechs Milliarden Zuschauern. Damit die Regatta nicht aus den Medien verschwindet, erfand man die Vor-Regatten, die so genannten Acts.

Die Frage ist, was aus dem Cup nach dem Cup wird. Im Moment lassen sich nur wenige verlässliche Planspiele anstellen. Allerdings tobt jetzt schon hinter den Kulissen der Kampf der Modernisten, die das Potenzial der Regatta noch lange nicht für ausgeschöpft halten, und der Traditionalisten, die das Ereignis wieder befreien wollen von dem Medien- und Marketing-Tamtam. Noch weiß allerdings niemand, wer gewinnt, wohin er die Regatta trägt und nach welchen Regeln er sie austragen lässt. Denn auch das ist der America's Cup: Der Sieger bekommt nicht nur die legendäre Silberkanne, sondern alles. (Ingo Petz/Der Standard/Rondo/27.4.2007)

Infos: America`s Cup
Ingo Petz ist freier Journalist und Autor und berichtet vom America's Cup aus Valencia u.a. für den Standard.
  • Artikelbild
    grafik: der standard
  • Der Cup ist heute unterhaltsamer für das Publikum, das auch gerne teilnimmt.
    foto: stefano gattini

    Der Cup ist heute unterhaltsamer für das Publikum, das auch gerne teilnimmt.

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