Als die Mauer Löcher bekam ...

Redaktion, 04. Mai 2007 13:46
  • Artikelbild
    Foto: haydntage

    Feiert mit seiner Haydn-Philharmonie in Eisenstadt 20. Geburtstag - Dirigent Adam Fischer.

Dirigent Adam Fischer im Gespräch über Haydn und seine innige Beziehung zur Musik des Schöpfers

Wien - 1987, zwei Jahre vor dem Ende des Eisernen Vorhangs, wird trotz Widrigkeiten die zur Hälfte aus Österreichern und Ungarn bestehende Haydn-Philharmonie ins Leben gerufen: "In den letzten Jahren vor der Öffnung gab es einige 'Löcher', die wir ausnutzen konnten", so Adam Fischer. Heute ist der 45-köpfige Klangkörper ein international renommiertes Orchester, und 2008, beim Neujahrskonzert in Budapest, schließt sich ein Kreis: "Wir spielen aus Anlass der völligen Grenzöffnung zwischen Österreich und Ungarn erstmals in Budapest. Ich kann mir für ein Neujahrskonzert kein passenderes Werk vorstellen als Die Schöpfung. Das ist viel schöner als Johann Strauß!"

Als Stammsitz des Orchesters fungiert natürlich der Haydnsaal von Schloss Esterházy in Eisenstadt. Die Konzerte der Philharmonie sind fixer Bestandteil der Haydntage. Fischer hebt die besondere Musiziertradition des Orchesters, das ihm als Experimentierfeld dient, hervor: "Wir glauben, dass es sich bei dieser Spieltradition um ein kulturelles Erbe handelt, das es zu schützen gilt. Es ist für mich faszinierend zu beobachten, dass diese 'Mundart' in Österreich und Ungarn trotz langer Trennung durch den Eisernen Vorhang überlebt hat."

Fischer, der sich zu einem der international gefragtesten Dirigenten entwickelt hat, verkörpert jenen Musikertyp, für den das Partiturstudium eine Herausforderung darstellt: "Ich muss das, was der Komponist geschrieben hat, zu meiner glühenden Überzeugung machen. Der Ton muss Leidenschaft, Gefühl ausdrücken. Ohne einen Inhalt in der Musik zu finden, ist Musizieren Dienst nach Vorschrift, ein Verbrechen an der Musik!"

Wenn Fischer über Haydn spricht, wird seine innige Beziehung zur Musik des Schöpfers der klassischen Symphonie und der modernen Sonatenform deutlich. "Haydns Musik ist ein Feuerwerk der Ideen und vermittelt ein ganz intensives Lebensgefühl."

Der CD-Charme

Mit dem Orchester hat Fischer für das Label Nimbus Records alle Symphonien von Haydn eingespielt. Die Gefahr eines Overkills ob der Fülle an Gesamteinspielungen sieht er gelassen. Eine Aufnahme sei etwas anderes als ein Konzert, gleichsam die zweite Seite einer Medaille. "Mir macht das Spaß, weil ich Sachen, die bei einem Konzert untergehen, bei einer CD besser herausarbeiten kann." So auch in Kopenhagen, wo er als Chef der Dänischen Radio-Sinfonietta gerade sämtliche Seria-Opern von Mozart aufnimmt.

"Es ist eine Werkstattsituation - wie in Eisenstadt." Ob er sich in der Oper oder im Konzert mehr zu Hause fühlt? Dies sei nicht teilbar, so Fischer. "Die Dramatik ist in der Oper leichter zu entdecken, man muss dramatische Aspekte aber auch in einer Symphonie finden. Anders gesagt: Ich suche auch in einem Streichquartett die Oper; und in der Oper das Streichquartett."

Dieses Jahr dirigiert Fischer in Bayreuth die Schlingensief-Inszenierung des Parsifal. Er habe mit jeder Inszenierung teilweise Probleme, und jede Inszenierung beflügle ihn auch, so Fischer, der zurzeit auch als künstlerischer Direktor der Budapester Oper im Gespräch ist, zur Frage des Regietheaters. Es gehe ja nicht darum, ob es modern oder traditionell inszeniert sei, sondern darum, ob die Gefühle in der Musik und auf der Bühne die gleichen seien. "Ob die Regiearbeit im 22. oder im 16. Jahrhundert angesiedelt ist, spielt da keine Rolle." (Robert Spoula / DER STANDARD, Printausgabe, 26.04.2007)

28. April, Haydnsaal, 19.30
Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.