Nationalist Robertson im Interview: Unabhängigkeit "binnen Jahren"

Angus Robertson, der Wahlkampfleiter der Scottish National Party, kritisiert Warnungen: Schotten sollen eingeschüchtert werden

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STANDARD: Am 3. Mai hat die schottische Nationalpartei SNP die Chance, die Wahlen zu gewinnen. Könnte das der Anfang der Trennung Schottlands von England sein?

Angus Robertson: Ich würde es lieber als neue Phase unserer Beziehungen bezeichnen, geprägt von Gleichberechtigung. In Europa ist das normale Verhältnis zwischen Freunden und Nachbarn das von unabhängigen Ländern.

STANDARD: Tony Blair hat gewarnt, dass diese Wahl eine Entscheidung „für eine ganze Generation“ oder länger sei.

Robertson: Das hat mehr mit den Ängsten der Labour Party zu tun, die in allen Umfragen abrutscht — wegen des Irakkriegs, auch wegen des Parteispendenskandals. Am 3. Mai wird entschieden, wer die Regierung in Schottland bildet. Die Unabhängigkeitsfrage wird in einer Volksabstimmung – wir schätzen so um 2010 – entschieden werden. Labour versucht, schon jetzt die Auseinandersetzung von 2010 zu führen, weil sie schon seit acht Jahren im schottischen Parlament an der Macht sind, und überhaupt in der schottischen Politik seit 50 Jahren die Vorherrschaft haben. Außer der CSU in Bayern gibt es kein Beispiel einer politischen Partei in Europa, die sich so lange an der Macht gehalten hat. Und die Leute haben es satt. Deshalb liegt die SNP in den Umfragen sieben Prozentpunkte voran.

STANDARD: Blair sagte auch, die Unabhängigkeit würde jeden Schotten 5000 Pfund (7.400 €) mehr Steuern im Jahr kosten.

Robertson: Die Schotten sollen eingeschüchtert werden, es wird gesagt, dass unsere Zukunft eine Katstrophe sein wird. Was diesen Wahlkampf von 2003 und 1999 unterscheidet, als Labour die gleiche Kampagne führte, ist, dass es die Leute nicht mehr glauben. Weil die Frage der Unabhängigkeit in einer Volksabstimmung geklärt wird, können auch Leute jetzt für uns stimmen, die gegen die Unabhängigkeit sind, aber eine neue Regierung wollen.

STANDARD: Woher kommt die Unterstützung der Unternehmer? Die SNP gilt als eher links und wenn man Ihr Abstimmungsverhalten im britischen Unterhaus anschaut – gegen Irakkrieg und Studiengebühren, für die Rechte Homosexueller – ist es das ebenfalls.

Robertson: Gesellschaftlich sind wir eine progressive Partei aber wir sind auch für eine erfolgreiche schottische Wirtschaft. Wir schauen uns unsere Nachbarländer an, insbesondere Irland und die dortige Steuerreform. Die ist auch für Unternehmer interessant.

STANDARD: Labour sagt, die Einnahmen aus dem Nordseeöl seien geringer, als das, was aus dem Budget von London nach Schottland transferiert wird.

Robertson: Die sagen sehr viel, aber es stimmt fast kein Wort. Wir schauen nach Norwegen, wo sie einen Ölfonds geschaffen haben, er ist jetzt einer der größten Investitionsfonds dieser Erde. Wir wollen das nachmachen, damit folgende Generationen noch etwas vom Ölreichtum haben, statt der jetzigen Situation, wo alles nach London fließt und wir sehen keinen Penny davon.

STANDARD: Der SNP fehlt ein Koalitionspartner. Die Liberaldemokraten haben abgelehnt, weil sie gegen das Unabhängigkeitsreferendum sind.

Robertson: Vor Wahlen wird viel gesagt. Unsere möglichen Koalitionspartner müssen sich nicht für etwas einsetzen, woran sie nicht glauben, sie müssen nicht die Unabhängigkeit unterstützen. Das Volk soll das entscheiden.

STANDARD: Laut „Economist“ könnte es für ein unabhängiges Schottland mit der EU schwierig werden. Man müsste Beitragsverhandlungen aufnehmen, Frankreich muss ein Referendum abhalten, Spanien könnte dagegen sein ...

Robertson: Das ist einfach falsch. Es ist unmöglich, einseitig aus der EU auszutreten, man müsste über einen Austritt verhandeln. Grönland (eine autonome Region im Königreich Dänemark, Anm.) ist vor einigen Jahren ausgetreten. Auch wenn sich die Verfassung ändert, ist man damit nicht außerhalb der EU.

STANDARD: Wann wird Schottland unabhängig sein?

Robertson:

Zur Person

Angus Robertson (38), ist seit 2001 Abgeordneter im Unterhaus in London. Vorher war der Absolvent der Uni Aberdeen Journalist, u.a. in Wien.

  • Angus Robertson, der Wahlkampfleiter der Scottish National Party: "Ich bin sicher, dass in der schottischen Gesellschaft die Zuversicht wächst und wir die Unabhängigkeit in einer Volksabstimmung binnen Jahren, nicht Jahrzehnten erreichen können."
    foto: frank herrmann

    Angus Robertson, der Wahlkampfleiter der Scottish National Party: "Ich bin sicher, dass in der schottischen Gesellschaft die Zuversicht wächst und wir die Unabhängigkeit in einer Volksabstimmung binnen Jahren, nicht Jahrzehnten erreichen können."

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3 Postings

wie dann wohl das wunderschöne edinburgh in 20 jahren aussehen wird?

Noch etwas heruntergekommener... Aber da es in Schottland keine Mehrheit für die Unabhängigkeit gibt wird es ohnehin nicht dazu kommen -- gut für die Schotten die sonst noch ärmer wären.

schottisch :)

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