Schottlands Flirt mit der Scheidung

300 Jahre nach der Vereinigung Englands und Schottlands liebäugeln die Schotten mit der Trennung - eine Reportage

„Nein“, versetzt er nach kurzer Pause etwas betreten. Garys Freund Gordon, ein Spediteur, bleibt der seit Jahrzehnten führenden Partei Schottlands, Labour, treu: „Die Unabhängigkeit ist ein sentimentaler Traum, wir könnten uns auch mit den Ölgeldern nicht selbst verwalten.“ Aberdeen, der größte Hafen Schottlands und das Hauptquartier der britischen Erdöl-Förderung in der Nordsee, ist ein passender Ort für diese Überlegungen.

Boom

Die aus Granit erbaute Stadt erlebt gegenwärtig einen Boom, denn der hohe Ölpreis schiebt auch kleinere Vorkommen wieder in die Gewinnzone. „Ja, es boomt“, gibt der bullige Mechaniker John, der nach eigenen Angaben aus der „Republik Liverpool“ kommt, zu. „Aber das nützt Schottland nichts, alles fließt in die Kassen in Westminister.“ Deshalb will auch der Engländer, der seit zwanzig Jahren draußen auf den Bohrinseln arbeitet, diesmal der SNP den Vorzug geben.

Tatsächlich profitiert Schottland nur indirekt vom Öl: rund 140 000 Arbeitsplätze (in Aberdeen jeder vierte) und zusätzliche Investitionen vom ganzen Versorgungssektor. Aber die Steuern und Abgaben fließen allesamt nach London; pro Jahr sind das immerhin etwa 15 Milliarden Euro. Im Gegenzug schickt die britische Regierung jährlich eine Pauschal-Subvention nach Edinburgh, um den übergroßen Staatssektor in Schottland zu finanzieren. Die 1999 eingerichtete autonome Regierung gibt letztlich nur diese transferierten Gelder aus.

Zweifel regen sich

Die schottischen Nationalisten unter der charismatischen Führung des Ökonomen Alex Salmond versprechen ein Referendum über die Unabhängigkeit in etwa drei Jahren, sofern sie zur stärksten Kraft im Parlament werden und Salmond Erster Minister einer Koalition wird. Neuerdings sind auch die Engländer laut Meinungsumfragen für die Trennung, aber bei den Schotten regen sich ernsthafte Zweifel: Vor ein paar Monaten vermochte sich noch die Hälfte der Befragten dafür zu begeistern, inzwischen ist es nur noch ein gutes Viertel.

Sandy, ein älterer Herr aus dem schottischen Hochland, der lange Jahre in der britischen Armee gedient hat, sitzt mit seiner Frau an einem der langen Holztische im Pub. Er will überraschenderweise auch die SNP wählen, aber nur, weil er deren Kandidatin in seinem Wahlkreis mag. „Die sprichwörtliche Vernunft der Schotten wird die Teilung verhindern. Wir sind stärker als Nation innerhalb einer Nation“, erklärt er bedächtig.

"Maggie Thatcher im Schafspelz"

Am Nebentisch hat sich die blonde Fiona mit einer Freundin hingesetzt. „Ich bin Labour-Anhängerin, aber ich bin Sozialistin. Weshalb sollte ich Tony Blair wählen, der doch bloß Maggie Thatcher im Schafspelz ist?“ Deshalb wird sie am nächsten Donnerstag aus Protest zu Hause bleiben. Auch sie lehnt die Unabhängigkeit ab, pikanterweise, weil sie befürchtet, dass eine dominante SNP billigen antienglischen Rassismus schüren könnte.

Der Konsens in O’Neill’s Bar ist deutlich: Labour soll einen Denkzettel erhalten. Und weil die Konservativen in Schottland noch immer Seltenheitswert haben, bieten sich die Nationalisten an. Der Politologe Michael Dyer von der Uni Aberdeen zerpflückt deren Wirtschaftsprogramm genüsslich: „Sie sind Populisten; sie bieten einen skandinavischen Wohlfahrtsstaat mit irischen Steuersätzen an.“

  •    „Wir haben doch Öl und Whiskey“ – das soll die Grundlage der schottischen Unabhängigkeit bilden.
    foto: reuters

    „Wir haben doch Öl und Whiskey“ – das soll die Grundlage der schottischen Unabhängigkeit bilden.

  • Die schottischen Nationalisten unter der charismatischen Führung des Ökonomen Alex Salmond versprechen ein Referendum über die Unabhängigkeit in etwa drei Jahren, sofern sie zur stärksten Kraft im Parlament werden und Salmond Erster Minister einer Koalition wird.
    foto: reuters

    Die schottischen Nationalisten unter der charismatischen Führung des Ökonomen Alex Salmond versprechen ein Referendum über die Unabhängigkeit in etwa drei Jahren, sofern sie zur stärksten Kraft im Parlament werden und Salmond Erster Minister einer Koalition wird.

  • Blair und Labour schlägt hingegen Skepsis entgegen: "Weshalb sollte ich Tony Blair wählen, der doch bloß Maggie Thatcher im Schafspelz ist?“ fragt eine Sozialistin.
    fotos: reuters

    Blair und Labour schlägt hingegen Skepsis entgegen: "Weshalb sollte ich Tony Blair wählen, der doch bloß Maggie Thatcher im Schafspelz ist?“ fragt eine Sozialistin.

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"...300 Jahre nach der Vereinigung Englands und Schottlands..."

Eine sehr schmeichelhafte Umschreibung für eine gwalttätige Eroberung, Massenmord, Verbot von Tradition,.....

ich versteh´ die aufregung jetzt nicht

wo ist der unterschied zwischen schottland in england (oder dem baskenland und katalanien in spanien) auf der einen und z.b. montenegro und dem kosovo auf der anderen seite?

mein lösungsvorschlag: in jedem landesteil westeuropas sollten sich die wähler überlegen ob sie eine regierung in london oder madrid haben möchten oder sich selbst verwalten - auch nach außen - wollen. es ist nicht zum aushalten, dass immer an den (provinz)grenzen des nachkriegseuropa aus 1945 festgehalten wird.

Interessanter Beitrag. Jedenfalls auch auf die Serben in der Republika Srpska zutreffend...

Im Gegensatz zu Schottland ist die RS ein Bettelautonomiegebiet....

Mal eine Frage

warum dürfen Schottland, Wales und Nordirland eigene Fußballmannschaften haben?

Ich meine, wäre das eine Lösung für die EM?

Wir lassen alle 9 Bundesländer antreten und schaukeln das so, dass bis ins Finale immer nur österreichische Mannschaften gegeneinander spielen...Notfalls spalten wir die Bundesländer, arbeitslose Juristen für noch mehr Landesverwaltungen gäbe es ja genug?

minderheit

nur eine kleine minderheit wünscht sich eine unabhängigkeit schottlands, da dies ökonomischer selbstmord wäre, und auch sonst keine vorteile brächte.

Im Plan des Universums

ist Österreich als Grossmacht vorgesehen.
Nachdem wir zu wenig imperialistische Tendenzen zeigen, müssen sich die anderen Länder halt teilen.

Ich dachte, ...

... in der EU gibt es keinen kleingeistigen, provinziellen Nationalismus mehr (außer natürlich in Österreich)? Und warum verurteilen das die Standard-Poster in diesem Fall nicht? Ich kenn mich nimmer aus.

nur weil sie ein kleingeistiger provinzialischer nationalist sind, heißt das noch lange nicht, daß auch andere leute in dieses horn blasen, wenn sie verstehen was ich meine (dem wird wohl doch nicht so sein, da gewisser iq vonnöten!)

finger weg vom hollerlikör und spatzenpost lesen!

schottland ist in einem gemütszustand, als hätte man dem roten wien

vor etlichen jahren die finanzielle grundlage entzogen. gestrandeter wal sozusagen.

man dachte während der langen jahre der conservative-regierungen, dass plötzlich wieder milch und honig fliessen würde, sobald wieder labour an der macht war. natürlich tat labour nichts, um diesen glauben abbruch zu tun.

jetzt nach 10 jahren labour ist man dementsprechend grantig, und die SNP zu wählen ist halt das nächstbeste ventil dafür. zumal diese nicht wirklich andere politik macht als labour.

hinzu kommt wohl auch lokaler frust mit labour, bei deren örtlichen bossen ein gehabe sowie eine freunderlwirtschaft wahrnehmbar ist, die für ösis keine übersetzung braucht. die SNP kann wohl tlw. weniger verbrauchte leute aufbieten.

und das in zeiten der EU

wie widersprüchlich ist das denn.

überhaupt nicht!

das ist ja genau der punkt!
wenn schottland sich als kleines land von der umgebung vollkommen isolieren wollte, wäre das absurd.
wenn schottland sich aber in ein größeres europa eingebunden sieht, und daher die "zwischenstufe" großbritannien nicht mehr haben will, ist das durchaus nachvollziehbar.

gilt das dann auch für kärnten, tirol, usw?

Naja, Kärnten oder Tirol mit einem doch etwas grösserem Land wie Schottland zu vergleichen ist etwas gewagt. Aber natürlich könnten sies trotzdem probieren wenn sie es denn unbedingt wollen.

war weniger ein größenvergleich als ein beispiel für die auflösung eines bestehenden eu-mitglieds in zwei (oder mehrere) staaten

größer als malta wärens ja noch immer ;-)

nein.

schottland entspricht größenordnungsmäßig österreich, nicht einem bundesland.

nun, so groß wie luxemburg sind die aber auch ...

und von malta will ich jetzt wirklich nicht sprechen ;-)

den verwaltungstechnischen sinn

dieser staaten habe ich daher auch nie verstanden.

Wuerden Sie gerne in einer Kaserne leben ? Verwaltungstechnisch waere dies optimal...

was entspricht größenmäßig eher einer kaserne?

(a) Malta
(b) Europa

wenn der verwaltungstechnische sinn im vordergrund stehen würde gäbs schon lange keine bundesländer in ö mehr und die existenz österreichs selbst wär auch nicht sicher :-)

ganz genau!

deshalb bin ich auch für eine verfassungsreform.

soweit ich mich erinnere war das damals in diskussion, beim verfassungskonvent

entweder gleich abschaffen oder einführung von 3 verwaltungseinheiten (west, nord und süd)

aber weder das eine noch das andere war mehrheitsfähig, und ich fürchte das wird so bleiben (zumindest zu meinen lebzeiten)

perfekt gedacht, gesagt

ja, sehr perferkt

mit ähnlicher argumentation ließ sich die region norditalien (lega nord), das baskenland, katalonien, bayern etc. auch in unabhängige kleinstaaten umwandeln, die folge wäre ein fleckerlteppich ala deutschland im 19. jhdt., unadministrierbarer unfug ist das.

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