Angst vor dem "Erzfeind hinterm Haus"

27. Juli 2007, 12:33
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Karel Ferschmann, Bürgermeister der kleinen tschechischen Gemeinde Němčovice erhofft sich vom Bau einer US-Raketenabwehrbasis wirtschaftliche Vorteile

Das Wahrzeichen der Gemeinde Němčovice ist die Eule. Weil sie als weise gilt und gewandt und vielleicht auch, weil sie mittlerweile Seltenheitswert hat. Karel Ferschmann, der Bürgermeister der 125-Einwohner-Gemeinde lässt sich gerne mit einem zahmen Exemplar dieses Tiers ablichten. Als Insignum seiner örtlichen Macht. Dass ihm selbst Ähnlichkeiten mit einem sympathischen Kauz nachgesagt werden könnten, mag ein netter Zufall sein.

Ferschmann, im Brotberuf Ökologe und leidenschaftlicher Baumkundler, muss sich derzeit oft ärgern, wenn er die Zeitungen aufschlägt. Und zwar darüber, dass vor allem in den internationalen Medien nur der Protest gegen die Stationierung der US-Raketenabwehr am ehemaligen militärischen Trainingsgebiet Brdy rezipiert wird. Als würde die ganze Tschechische Republik sich gegen diese Stationierung aussprechen. "Das stimmt so nicht", empört sich Ferschmann. Er selbst ist der Gegenbeweis.

Wirtschaftlicher Aufschwung

Er verspricht sich nämlich einiges vom Zuzug der US-Soldaten in die verschlafene Gegend, 28 Kilometer Luftlinie von Brdy entfernt. "Němčovice kann sich viel leisten", meint er zu derStandard.at, "aber nicht, diese Gelegenheit zum wirtschaftlichen Aufschwung zu verpassen."

Němčovice mag klein sein, aber es hat sich immer schon bemüht, am Puls der Zeit zu bleiben. 80 Prozent der BürgerInnen sind an das Gemeindenetzwerk NE-NET angeschlossen, über das alle Verwaltungsangelegenheiten erledigt werden können. Wireless-highspeed-Internet ist kostenlos in Němčovice und hoch frequentiert. Und auch das Politikum "US-Raketenabwehr" ist ein Thema im Gemeindenetz. "Wollen Sie die US-Radarabwehr in Brdy" hieß es dort in einer jüngst abgeschlossenen Online-Umfrage. 435 Personen haben sich beteiligt, nicht nur aus der Gemeinde. 74 Prozent davon stimmten gegen die Anlage, 23,2 Prozent waren dafür. Der Rest hatte eine andere Meinung. Ferschmann ist sich fast sicher: der Großteil seiner Gemeindeschäfchen haben sich für die Basis ausgesprochen. Seine "persönliche Meinung" will er allerdings niemandem aufdrängen.

"Hauptfeind" Westen

Man müsse aber bei diesem Thema immer auch die zeithistorischen Zusammenhänge hinterfragen, ist der ODS-Politiker Ferschmann überzeugt. Er erinnert in den Diskussionen gerne daran, wie wichtig es ist zu sehen, dass "viele der heutigen Radar-Gegner aus den Reihen des ehemaligen kommunistischen Militärs" kommen, deren "Hauptfeind" in den Zeiten der CSSR "westlich der Grenze" angesiedelt war. Und niemand wolle schließlich einen "Erzfeind hinter seinem Haus sitzen haben." Einen anderen Grund dagegen zu sein, kann er als Naturschützer schon besser verstehen: "Es gab Überlegungen, den ehemaligen Truppenübungsplatz in einen Nationalpark umzuwandeln."

Sache der Experten

Abstimmungen wie in seiner Gemeinde oder in dem als "widerspenstiges" Dorf auch über die Grenzen hinaus zu Berühmtheit gelangtem Trokavec, hält er zwar für eine wichtige Meinungsäußerung, bewirken werde das allerdings nichts. "Das bleibt Angelegenheit des Verteidigungsministeriums, die Öffentlichkeit sollte keine Expertenfragen entscheiden", meint Ferschmann. Und auch eine nationale Abstimmung würde seiner Meinung nach nichts ändern: "Die Zustimmung der Leute zur Basis wächst meiner Meinung nach proportional zum geografischen Abstand."

Die Vorgehensweise seiner Regierung hält er deswegen für vollkommen richtig. Man solle mit Bedacht über die Basis entscheiden und abwarten, bis die Wucht der Diskussionen abgeflaut sei. Ob Leute aus seiner Gemeinde Ende Mai zur großen Demonstration gegen die Basis in Prag gehen werden? "Ich traue mich zu wetten, dass niemand aus Němčovice dort auftauchen wird." Und er schon gar nicht. Für ihn hieße das Eulen nach Athen tragen. (Manuela Honsig-Erlenburg/derStandard.at, 2.5.2007)

Zur Person: Karel Ferschmann ist Bürgermeister der kleinen Gemeinde Němčovice. 125 Personen leben hier. Ferschmann ist Mitglied der ODS (Bürgerlich-demokratische Partei des Ministerpräsidenten Topolanek).

Mögliche Standorte für das US-Raketenabwehrsystem in Osteuropa

  • Am ehemaligen Militärtrainingsgebiet Brdy soll die US-Raketenabwehrbasis entstehen.

    Am ehemaligen Militärtrainingsgebiet Brdy soll die US-Raketenabwehrbasis entstehen.

  • Karel Ferschmann mit dem Wappentier.
    foto: privat

    Karel Ferschmann mit dem Wappentier.

  • Das Wappen der Gemeinde Němčovice.
    foto: nemcovice

    Das Wappen der Gemeinde Němčovice.

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