Gemeinsames Sorgerecht bedeutet Perpetuierung der Gewaltspirale

31. Juli 2000, 13:27

Österreichische Frauenhäuser wehren sich Regierungspläne

Wien - Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) lehnt die von der Regierung geplante Einführung der gemeinsamen Obsorge nach Scheidungen ab. Besonders in so genannten Gewaltbeziehungen, in denen die Männer Gewalt ausüben, würde dies eine dramatische Verschlechterung der Situation von Frauen und Kindern bedeuten, erklären die Mitarbeiterinnen der heimischen Frauenhäuser am Montag in einer Aussendung.

Gewaltspirale würde fortgesetzt

"Wenn Frauen unmittelbar nach der Scheidung wieder mit dem Täter konfrontiert werden, hört die Bedrohung für sie nie auf", so Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin der Informationsstelle gegen Gewalt. Die Hauptbetroffenen seien neben den Frauen auch die Kinder: Auf ihrem Rücken würden die Konflikte der Eltern ausgetragen. "Besuchskontakte, die kindgerecht ablaufen, unterstützen wir", sagte Marion Geisler, Psychologin im Kinderbereich eines Wiener Frauenhauses, "durch ein etwaiges Mitspracherecht der Täter hinsichtlich der Belange, die die Kinder betreffen, würde die Gewaltspirale aber fortgesetzt." Für Kinder sei die Gewalttätigkeit des Vaters nicht zuletzt deshalb traumatisierend, weil sie oft selbst Opfer von Gewalt seien.

Opferschutz außer Kraft

Erfahrungen der Frauenhaus-Mitarbeiterinnen würden bestätigen, dass der Weg aus einer Gewaltbeziehung für Frauen in den meisten Fällen sehr langwierig und schwierig sei. Die Einführung der gemeinsamen Obsorge bedeute für diese Frauen eine massive Beeinträchtigung ihrer Lebensumstände, da sie ständig wieder mit dem Täter konfrontiert werden. Alle in der Vergangenheit erzielten Verbesserungen des Opferschutzes würden durch diese Regelung mit einem Schlag zunichte gemacht. Die Pläne der Regierung würden zudem einen massiven Eingriff in die Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit von Frauen darstellen.

Männliche Machtdemonstration

Es sei nicht einzusehen, warum Männer, die sich während der Beziehung wenig an der Kinderbetreuung beteiligen nach der Scheidung plötzlich ein reges Interesse an den Belangen der Erziehung bezeugen, so Rösslhumer. "Das Mitspracherecht der Väter nach der Scheidung wird somit häufig zu einer reinen Machtdemonstration". Für die betroffenen Frauen werde der Alltag zum Horror, wenn sie jede Entscheidung, die das Kind betrifft, mit dem Gewalttäter absprechen müssten.

In Österreich sei jede fünfte Frau von Gewalt betroffen. Wissenschaftliche Untersuchungen hätten ergeben, dass in 70 Prozent der Fälle, in denen Frauen Gewalt durch ihre Ehemänner oder Lebensgefährten erleben, auch die Kinder misshandelt würden.
(APA)

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